Fahrradstadt Münster Pedalisten ohne Manieren

Münster ist ein unsicheres Pflaster geworden - und das nicht trotz, sondern auch wegen seiner Radfahrer. Die Bike-Vorzeigestadt kämpft mit stark gestiegenen Unfallzahlen. Die Polizei müht sich, den Rad-Rowdies Manieren beizubringen.

Von Guido Kleinhubbert


Münster ist es nicht gewohnt, schlecht abzuschneiden. Fast immer, wenn in vergangener Zeit etwa die Lebensqualität oder die Wirtschaftsfreundlichkeit deutscher Städte untersucht wurde, landete die Stadt auf den ersten Plätzen. Es war also eine ungewohnte Nachricht, die Oberbürgermeister Berthold Tillmann, 58, vor ein paar Wochen ereilte.

Die nordrhein-westfälische Polizei hatte herausgefunden, dass das Risiko, bei einem Verkehrsunfall verletzt oder getötet zu werden, nirgendwo im Land größer ist als in Münster. Ein schwerer Schlag für Berthold Tillmann. Das unselige Ranking passt so gar nicht zum Image der familien- und klimafreundlichen Fahrradhauptstadt; und es verträgt sich nicht mit dem Bild vom gemütlichen Münster, in dem die Menschen das Auto am liebsten stehenlassen und auf ihre "Leeze" steigen, wie das Fahrrad hier genannt wird.

Gnadenlos offenbarte die polizeiliche Statistik: Münster ist ein unsicheres Pflaster geworden - und das nicht trotz, sondern auch wegen seiner vielen Radfahrer. Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Zweirädern stieg zwischen 2001 und 2007 um 30 Prozent.

In Frage stehen damit Jahrzehnte kommunaler Verkehrspolitik. Denn was wurde nicht alles getan, um die Menschen aufs Fahrrad zu bringen. Die Stadtväter widmeten ganze Straßen zu Fahrradwegen um; sie erlaubten, mit der Leeze falsch herum in Einbahnstraßen zu fahren; sie investierten rund 13 Millionen Mark, um am Hauptbahnhof ein Fahrradparkhaus mit Waschanlage zu bauen. Sie legten den Menschen die Stadt sozusagen vor die Fahrradreifen, und die Menschen nahmen an. In Spitzenzeiten sind in Münster 42 Prozent der Verkehrsteilnehmer Radfahrer; der deutsche Durchschnitt liegt bei 10 Prozent.

Polizeidirektor Udo Weiss, 54, zuständig für den Straßenverkehr in Münster, sitzt in seinem Büro im Polizeipräsidium und will erklären, woran es liegt, dass der Ansturm der Pedaltreter zum Sicherheitsrisiko werden konnte. Er schiebt zwei Blatt Papier über den Schreibtisch, es ist ein Bericht, was am Wochenende wieder alles passiert ist in der Stadt. Es geht um Radfahrer, die Rotlichter missachteten, mit 2,2 Promille unterwegs waren oder auf der falschen Seite einer Landstraße fuhren. Drei Radler wurden schwer verletzt in die Uniklinik eingewiesen; sie hatten die Unfälle selbst verschuldet.

Natürlich, räumt Weiss ein, seien es auch die "engen Verkehrsräume" in der mittelalterlichen Stadt, die Unfälle begünstigten. Vielerorts träfen Auto- und Radfahrer einfach zu dicht aufeinander. Aber es habe den Anschein, als ob viele Radfahrer gar nicht genau wüssten, wie sie sich angemessen im Verkehr zu verhalten hätten. Schon bei jedem zweiten Unfall, der sich in Münster ereignet, trügen die Radler die Schuld, sagt Weiss.

Zehn Kollegen hat der Polizeidirektor deshalb beauftragt, Münsters mächtigsten Verkehrsteilnehmern Regeln und Manieren beizubringen. Zum Team gehört unter anderen Karsten Boecker. Der 42-Jährige trägt Fahrradhelm und lauert nun hinter Bushaltestellen, um Verkehrssünder auf zwei Rädern aufzuspüren. Meist braucht er nicht lange zu warten, bis einer kommt. "Das geht im Fünf-Minuten-Takt", sagt Boecker. Gerade kommt ein junger Mann angeradelt, der gleich zwei Ordnungswidrigkeiten begeht: Erstens ist er auf dem Fahrradweg entgegen der eigentlichen Fahrtrichtung unterwegs, zweitens hat er ein Handy am Ohr. Boecker springt hinter der Haltestelle hervor, erklärt dem Studenten, was er falsch gemacht hat - und kassiert 25 Euro.

Verständnis dafür begegnet Boecker selten. In Münster, der Musterstadt der Zweiräder, fühlen sich viele Velofahrer offenbar per se im Recht. Oft bekommt Boecker zu hören, dass er sich doch besser um die Autofahrer kümmern solle. Regelmäßig machen sich die Verkehrssünder auch einfach aus dem Staub, wenn der Polizist sie heranruft. Kürzlich musste er einen Studenten, der eine rote Ampel missachtet hatte, mit seinem Trekkingbike über drei Kilometer quer durch die Innenstadt verfolgen. Fahrradfahrer hätten ja leider keine Kennzeichen, man müsse sie "stellen", um sie bestrafen zu können, sagt Boecker.

Deshalb wird in der Stadt derzeit die Idee ventiliert, allen Leezen ein Nummernschild zu verpassen. Der bürokratische Aufwand wäre enorm, doch dass 40 Prozent aller Verkehrsteilnehmer nicht zu identifizieren seien, hält Boecker für ein echtes Problem. Die Straßenverkehrsordnung habe eben "keine Antworten auf Verhältnisse wie in Münster". Hans-Joachim Büchner, Fahrradkontrolleur beim Ordnungsamt, teilt diese Einschätzung. Regelmäßig ist der 55-Jährige unterwegs, um Platz zu schaffen in Deutschlands Fahrradhauptstadt. Büchner inspiziert auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs minutenlang ein rostiges Damenrad mit plattem Hinterreifen. Weil es nicht abgeschlossen ist, stuft er es schließlich als "herrenlos" ein. Ein Abschleppwagen mit gelben Signalleuchten auf dem Dach fährt heran, um das Fundstück abzuholen und es in eine Halle am Stadtrand zu bringen: Etwa 2000 Fahrräder stehen dort schon zur Abholung bereit.

Am liebsten würde Büchner "20 Prozent" der Räder, die vor dem Hauptbahnhof geparkt wurden, gleich mit auf den Abschleppwagen hieven. Viele rosten hier schon seit Monaten vor sich hin, das Gras wuchert durch ihre Speichen. Büchner vermutet, dass die Räder entweder geklaut wurden oder aber Hinterlassenschaften sind von längst exmatrikulierten Studenten.

Trotzdem wäre es juristisch riskant, das Alteisen einfach abzuschleppen. Denn wenn es sich nicht gerade um einen Fluchtweg handelt, darf in Deutschland ein jeder sein Rad abstellen, wo er will - und zwar so lange, wie er es für nötig hält. So muss sich Münsters Ordnungsamt derzeit mit einem Jurastudenten vor Gericht streiten, der seine Leeze direkt vor dem Haupteingang des Hauptbahnhofs geparkt hatte. Weil Büchner es abschleppen ließ, reichte der junge Mann Klage ein - und gewann in erster Instanz.

Ordnungsamtschef Martin Schulze-Werner würde in Zonen wie am Hauptbahnhof ja gern Parkverbote einrichten, aber auch das wäre gesetzeswidrig. Um wenigstens einige Gassen zu schaffen, hat er zehn Ein-Euro-Kräfte engagiert, die den ganzen Tag Fahrräder ein bisschen umparken. Ohne sie kämen Senioren mit Rollstühlen oder Frauen mit Kinderwagen an manchen Tagen nicht einmal über die Bürgersteige in der Innenstadt.

Münster erstickt an seiner ökologischen Vorbildlichkeit. Wirksam bekämpfen, so glaubt Schulze-Werner, könne man das Chaos nur noch mit einer Änderung der Straßenverkehrsordnung. Doch all seine Vorstöße bei Verkehrspolitikern blieben folgenlos. Der Fahrradfahrer genieße so etwas wie besonderen Artenschutz. "Da traut sich keiner ran."



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