Autofahren im Alter Zurück in die Fahrschule

Autofahren bis zum Geht-nicht-mehr: In manchen Ländern müssen Autofahrer ab einem bestimmten Alter ihre Fahrtauglichkeit prüfen lassen - in Deutschland nicht. Manche machen es trotzdem, freiwillig.

Helen Fischer

Von


Nach dem Linksabbiegen gibt es die erste Ermahnung. "Das war mir jetzt zu knapp mit dem Gegenverkehr, Herr Rittmöller." Unmissverständlich macht Fahrlehrerin Tina Behrend ihrem Unmut Luft, eine größere Lücke wäre ihr lieber gewesen. Eingreifen könnte sie jedoch nicht, denn vor ihr ist kein zweiter Satz Pedale verbaut: Statt in ihrem Fahrschulauto sitzt sie in Harry Rittmöllers Wagen - und ist dessen Fahrkünsten ausgeliefert. Eine ungewohnte Konstellation für die Fahrlehrerin, allerdings handelt es sich auch nicht um eine gewöhnliche Fahrstunde: Denn einen Führerschein besitzt Harry Rittmöller schon seit mehreren Jahrzehnten - und er ist bereits 81 Jahre alt.

Autofahren darf er also, die Frage ist nur: Sollte er es auch weiterhin tun? Nach wie vor fährt der Rentner aus Hamburg auch lange Strecken selbst. Inzwischen zwar mit einer Übernachtung, denn am Stück schafft er beispielsweise die Fahrt in den Urlaub nach Südtirol nicht mehr. Das liegt auch am heutigen Verkehr: "Was ich da mit den ganzen Lkw erlebe, das ist ja grausam. Aber da muss ich eben durch und mir einfach mehr Zeit nehmen", meint Rittmöller.

Freiwillig alle zwei Jahre

Ob er die rund tausend Kilometer nach Norditalien auch in Zukunft noch auf sich nehmen muss, soll ein sogenannter Fahr-Fitness-Check zeigen. Dabei können Senioren ihre fahrerischen Qualitäten von speziell geschulten Fahrlehrern überprüfen lassen, Rittmöller macht das bereits zum zweiten Mal. "Mein Auto muss alle zwei Jahre zum TÜV, warum also nicht ich?", fragt er lächelnd.

Im Gegensatz zur Hauptuntersuchung muss er hier nicht bangen, denn Konsequenzen hat der Test keine - am Ende geben die Fahrlehrer nur eine Empfehlung ab. Was die Senioren daraus machen, bleibt ihnen selbst überlassen. Rittmöller wird sich Tina Behrends Rat zu Herzen nehmen, egal wie der am Ende ausfällt - nervös ist er trotzdem nicht: "Immerhin ist man ja schon ein paar Jahre gefahren."

70 Teilnehmer in zwei Jahren

Senioren wie Harry Rittmöller, die auf eigenen Entschluss hin eine ehrliche Einschätzung ihrer Fähigkeiten einholen wollen, machen rund ein Drittel der Teilnehmer am sogenannten Fahr-Fitness-Check bei Tina Behrend aus. Seit zwei Jahren bietet sie den Test nun an, das Konzept stammt vom ADAC. 70 Senioren haben den Check seitdem bei ihr gemacht, 45 Männer und 25 Frauen.

Fotostrecke

17  Bilder
Senioren am Steuer: "Das Auto muss zum TÜV, warum nicht ich?"

Vier Teilnehmer haben den Test bisher nicht bestanden - ein herber Einschnitt für die Senioren: "Ohne eigenes Verschulden nicht mehr Autofahren zu dürfen kommt fast einer Amputation gleich", sagt die Fahrlehrerin. Viele Teilnehmer kommen deshalb auch nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Drängen der eigenen Kinder, erklärt die Fahrlehrerin: "Die sind aber meistens selbst schon 50, 60 Jahre alt und zwingen ihre Eltern beinahe."

Senioren öfter Hauptverursacher bei Unfällen

Trotz der unterschiedlichen Motive haben die Senioren jedoch ähnliche Probleme: "Das Abschätzen von Lücken und das räumliche Sehen fällt ihnen oft schwerer", so die Fahrlehrerin. Aber auch die sinkende Beweglichkeit ist ein Risikofaktor und kann beispielsweise den Schulterblick unmöglich machen. Das spiegelt die Unfallstatistik wieder: Bei älteren Autofahrern sind die Hauptunfallursachen das Missachten der Vorfahrt oder Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren. Außerdem sind sie bei Unfällen, an denen sie beteiligt sind, oft die Hauptverursacher - Senioren über 75 sogar in drei von vier Fällen.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Senioren stetig an: So waren im Jahr 2011 16,6 Millionen Menschen in Deutschland älter als 65 Jahre, 2016 waren es bereits 17,5 Millionen, Tendenz weiter steigend. Verpflichtenden Untersuchungen für ältere Autofahrer nach dem Vorbild anderer EU-Staaten erteilt die Politik bisher jedoch regelmäßig eine Absage - und auch die Autoindustrie dürfte wenig Interesse an solchen Tests haben, denn sie könnte dadurch eine wichtige Kundengruppe verlieren: So stieg das Durchschnittsalter der Neuwagenkäufer laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen von 46,1 Jahren im Jahr 1995 auf 52,8 Jahre im Jahr 2017.

Entspannt mit dem Auto zum Sport

Harry Rittmöller zeigt am Steuer keines der typischen Probleme, der Blick über die Schulter beim Ausparken sitzt. Wenig später versperrt an einer Kreuzung ein Lkw die Sicht, für den fitten Rentner ist das jedoch kein Problem: Ohne zu zögern lehnt er sich nach vorne neben das Lenkrad, späht am Lastwagen vorbei und biegt links ab - diesmal zur Zufriedenheit der Fahrlehrerin.

Schulterblick und Spiegelbeobachtung sitzen bei Harry Rittmöller
Helen Fischer

Schulterblick und Spiegelbeobachtung sitzen bei Harry Rittmöller

Rittmöllers Fitness kommt nicht von ungefähr, der Rentner rudert einmal die Woche mit seinen Vereinskollegen. Er ist gut zu Fuß und wirkt auch deutlich jünger. Auf das Auto angewiesen wäre er nicht - aber es ist eben bequem, zum Beispiel für die Fahrt zum Training: "Morgens um sechs die Tasche unter den Arm klemmen und dann ohne Auto zum Sport - da würde ich irgendwann aufhören", erklärt er.

Die Fitness spielt auch für Tina Behrend eine wichtige Rolle, sie achtet auf die körperliche Verfassung der Teilnehmer - und auf deren Autos: Vor der Fahrstunde geht sie um das Auto der Teilnehmer und fragt, wie lange sie den Wagen schon fahren: "Wenn sich da eine Beule an die andere reiht, ist das auch schon ein Zeichen." Dann tatsächlich in die Autos der Senioren einzusteigen und auf die Sicherheit eines eigenen Bremspedals zu verzichten, kostete sie anfangs viel Überwindung: "Wir Fahrlehrer haben ja gerne alles im Griff. Aber der Zahn wurde mir schnell gezogen."

Verkehrsbeobachtung besonders wichtig

Während der Fahrt achtet Tina Behrend vor allem auf den nötigen Sicherheitsabstand, die Reaktion der Senioren und die Verkehrsbeobachtung - und auch darauf, ob man sich im Auto sicher fühlt. "Ob der Kandidat am Stoppschild eine oder zwei Sekunden anhält, das gibt hier nicht den Ausschlag", merkt sie an.

In diesen Kategorien kann Rittmöller punkten: Er blinkt immer, achtet auf Fußgänger und Fahrradfahrer - und wartet beim nächsten Linksabbiegen auf eine größere Lücke. Auch mit Verkehrsregeln, die es früher noch nicht gab, kommt er problemlos zurecht: Tempolimit in einer Fahrradstraße? Die Antwort sitzt: "30 km/h." Und dass Radfahrer hier nebeneinander fahren dürfen, weiß er auch.

Der Rotstift kommt doch zum Einsatz

Nach 45 Minuten geht es zurück zur Fahrschule, der Platz vor dem Eingang ist knapp, Fahrlehrerin Tina Behrend fragt, ob Harry Rittmöller nicht sicherheitshalber woanders parken möchte. "Nee, da passen wir noch hin", entgegnet der Rentner selbstbewusst - und behält recht. Beendet ist der Fahr-Fitness-Check aber noch nicht, nun steht die Manöverkritik an - serviert in der Sandwich-Technik: gut, schlecht, gut. "Ich fand Sie umsichtig, Sie haben viel in die Spiegel geschaut und auch die Schulterblicke beim Abbiegen haben mir gefallen", erklärt Tina Behrend, während sie einen Bewertungsbogen ausfüllt.

Auch ein Bewertungsbogen ist Teil des Fahr-Fitness-Checks
Helen Fischer

Auch ein Bewertungsbogen ist Teil des Fahr-Fitness-Checks

Aber ganz zufrieden war die Fahrlehrerin dann eben doch nicht. "Manchmal waren die Lenkbewegungen recht ruckartig", moniert sie. Zwar noch nicht bedenklich, aber es sei ihr eben aufgefallen, vor allem bei den Spurwechseln - aber es sei alles noch im Rahmen. Der Belag von Harry Rittmöllers Gut-schlecht-gut-Sandwich fällt insgesamt aber recht mager aus - denn weitere Kritikpunkte gab es nicht, im Gegenteil: Rechts vor links vorbildlich beachtet, an Stoppschildern zwei Sekunden gewartet, eigentlich alles bestens.

Fahr-Erfahrung als entscheidender Vorteil

Das liegt auch an Rittmöllers großer Fahr-Erfahrung: Früher war er Schiffsausrüster und fuhr beruflich lange Strecken. Dieser Erfahrungsschatz hilft später, Defizite auszugleichen, erklärt Fahrlehrerin Behrend: Kompensation durch Erfahrung nenne sich dieses Phänomen. Ältere Autofahrer können Gefahren erkennen, bevor eine schnelle Reaktion gefragt ist - oder, wie sie es sagt, "die Kacke gegen den Wind riechen".

Auch deshalb fühlt sich Tina Behrend bei Fahrern wie Harry Rittmöller auf dem Beifahrersitz sicher - und genau das ist das Problem des Fahr-Fitness-Checks: "Zu mir kommen fast nur Senioren, die so reflektiert sind, dass sie das gar nicht müssten", klagt die Fahrlehrerin. Dass sich mehr seiner Altersgenossen so einem Test unterziehen, wünscht sich auch Harry Rittmöller: "Um ganz einfach auch zu verhindern, dass die Alten pauschal nicht mehr fahren dürfen." Denn dann hätte sich der Urlaub in Südtirol wahrscheinlich erledigt.

Im Video: Freie Fahrt für freie Rentner - Senioren am Steuer

SPIEGEL TV


insgesamt 119 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
112211 05.11.2018
1. Eltern
Das kennt jeder, der bei seinen inzwischen berenteten Eltern mitfährt. Was früher ohne Bedenken ging, stundenlange Fahrten in den Urlaub nach Italien und Frankreich, scheiden schon gänzlich aus, aber auch die Fahrt von einem Dorf zum nächsten ist einem heute nicht mehr geheuer.
beppovomhuegel 05.11.2018
2. Eine gute Alternative
Ich bin überrascht über den hohen Anteil von Senioren verursachter Unfälle. Da ist der freiwillige Checkup sicher eine gute Alternative. Meine subjektive Wahrnehmung als Motorrad Fahrer ist eigentlich eine andere : insbesondere junge Frauen und Männer bis 50 sind sehr häufig durch die verbotene Smartphone Nutzung abgelenkt. Ein generelles Problem ist auch die Unsitte, den Blinker rechts überhaupt nicht mehr zu betätigen.
meinung2013 05.11.2018
3. Altenbashing in Deutschland ist in
"Junge Erwachsene sind immer noch die mit Abstand am stärksten gefährdete Altersgruppe im Straßenverkehr. Im vergangenen Jahr war nach Destatis-Angaben jeder siebte Getötete (14 Prozent) und jeder sechste Verletzte (17 Prozent) zwischen 18 und 24 Jahre alt. Dabei gehört nur jeder Dreizehnte in Deutschland dieser Altersgruppe an. 473 der 3.459 Getöteten waren junge Erwachsene, zum großen Teil (knapp 80 Prozent) Männer. Häufiger als andere Altersgruppen verunglücken 18- bis 24-Jährige in einem Pkw. 2015 waren es mehr als zwei Drittel, in den übrigen Altersklassen war es nur gut die Hälfte. Häufigster Fehler bei Unfällen: Die Pkw-Fahranfänger fuhren zu schnell. Nicht angepasste Geschwindigkeit wurde jedem fünften Unfallbeteiligten (20 Prozent) vorgeworfen. Danach kamen Abstandsfehler mit einem Anteil von 16 Prozent." https://www.welt.de/motor/news/article156991316/Unfallstatistik-2015.html Während die älteren Autofahrer Bagatelschäden verursachen, gibt's bei den jüngeren Autofahrern häufig Verletzte und Tode. Ein reparabler Blechschaden ist mir z.B. lieber.
skurilla 05.11.2018
4. Unglaublich,
wie Menschen es schaffen, ständig kontrolliert und entmündigt werden zu wollen.
ash26e 05.11.2018
5. Es geht hier zwar um Senioren
aber welcher 40- ig Jährige Autofahrer würde die Theorieprüfung bestehen? Einen Grundgesundheitscheck (Brille, Gehör ) halt ich für jeden zumutbar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.