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Kampf gegen Smog: Paris fährt nur zur Hälfte

Von , Paris

REUTERS

Frankreichs Regierung verhängt Radikalmaßnahmen gegen den andauernden Smog über Paris: Erstmals seit zwei Jahrzehnten musste die Hälfte aller Autos und Motorräder am Montag stehen bleiben. Doch Staus gab es trotzdem.

Ein Morgen wie im Sommer: Pariser auf Leihfahrrädern unterwegs, weitgehend leere Boulevards, flüssiger Verkehr auf der Ringautobahn und selbst im Zentrum gelegentlich ein freier Parkplatz - mitten im März verbreitet Frankreichs Hauptstadt ein Flair von Urlaubsstimmung wie sonst nur im Juli oder August. Wäre da nicht der Himmel.

Bleiern, grau und düster liegt die Wolkendecke über Paris und der Region Ile-de-France und sorgt damit für heftige Luftverschmutzung. Die urlaubsähnliche Atmosphäre auf den Straßen ist nur durch das Fahrverbot zustande gekommen, das seit Montagmorgen 5.30 Uhr für Autos und Motorräder gilt - Fahrerlaubnis haben an diesem ungeraden 17. März nur Kraftfahrzeuge mit ungerade endenden Nummernschildern.

Grund für die Notmaßnahme ist die stagnierende Inversionswetterlage, bei der die oberen Luftschichten wärmer sind als die unteren. Dadurch kommt es zu einer Konzentration von Schadstoffen. Seit fast einer Woche sind die Hauptstadt und mehr als 30 Departements vom Smog belastet. Vorübergehend verschwand der Eiffelturm in einer Suppe aus dichtem Dunst, über engen Straßen lag ein Nebel aus Abgasen. Die Augen tränten, Juckreiz und laufende Nasen plagten nicht nur Allergiker. Nachdem die Feinstaubbelastung alle Grenzwerte überschritten hatte, verordnete die Regierung nach langem Zögern für Paris erst die Gratisnutzung der öffentlichen Verkehrsmittel - Busse, Bahnen, Metro - sowie der Leihfahrräder und elektrischen Mietautos. Nun folgt die Radikalkur gegen den Smog, die bei Zuwiderhandlung mit bis zu 35 Euro geahndet wird.

700 Polizisten kontrollieren das Fahrverbot

Das Verbot, mit dem die Hälfte der Fahrzeuge in den Garagen bleiben soll, führte wenigstens beim Verkehr für einer deutlichen Entlastung: Auf den Autobahnen rund um die Seine-Metropole addierten sich die Morgenstaus auf nur 120 Kilometer; zum normalen Wochenauftakt sind die Schlangen vor den Toren von Paris dreimal so lang. Mehr als 700 Polizisten sind aufgeboten, um die Bestimmung zu kontrollieren. Einfach ist die Überwachung nicht, denn ausgenommen sind nicht nur Taxen und Krankentransporte, sondern auch Tanklastwagen, Lkw mit Zeitungslieferungen, Autos mit Elektro- oder Hybridantrieb; Kranke, Schwangere und Fahrschulen dürfen gleichfalls auf die Straße, genauso wie Pkw, die mit mindestens drei Personen besetzt sind.

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Akute Luftverschmutzung: Trübe Aussichten für Autofahrer
Ob die verkehrspolitische Radikalkur für Paris und 22 umliegende Kommunen wirklich hilft, ist freilich umstritten. Premier Ayrault verteidigt sie als "notwendig", die Gesundheitsministerin Marisol Touraine sprach von einem gewiss lästigen, aber nötigen Schritt. Der Verband "40 Millionen Autofahrer" qualifizierte die Einschränkung als "ungerecht", während der Automobilclub ACA eher die städtischen Heizungen als Ursache der Luftverschmutzung sieht. Einig sind sich die Fachleute nur, dass die krebsauslösenden Partikel die Lebenserwartung in Paris um sechs bis zehn Monate verkürzen. In welchem Maß der Verkehr - neben Industrie, chemischen Reaktionen und Wetterlagen - für die miese Luft verantwortlich gemacht werden kann, bleibt indes Zankapfel zwischen den verschiedenen Interessengruppen. Rund ein Viertel der Immissionen, so die Schätzung, kommt trotz besserer Filter aus den Autos - zumal in Frankreich wegen der Steuervorteile rund 60 Prozent der zugelassenen Fahrzeuge mit Dieselmotoren ausgestattet sind.

Die Debatte um den Dreck aus dem Auspuff ist so alt wie der bislang einzige Präzedenzfall in der Geschichte von Paris: Am 1. Oktober 1997 wurde für 24 Stunden ein Fahrverbot verhängt. "Es hat nie wirklich den politischen Willen gegeben das Problem anzugehen", sagt Corinne Lepage, Umweltministerin der Konservativen zwischen 1995 bis 1997, die damals einen Vorschlag zur Umsetzung der europäischen Bestimmungen auf den Weg gebracht hatte. "Der Grund: die Angst der Politiker, Linker wie Rechter, vor dem Einfluss der Lobbyisten", sagt sie. Die etablierten Parteien haben sich des Aufregerthemas daher nur mit spitzen Fingern angenommen.

"Keine Ökologie durch Strafmaßnahmen"

Die Nutzung des Autos einzuschränken, gilt als Tabu, jeder Schritt in diese Richtung gerät zum politisch hochexplosiven Thema - zumal eine Woche vor den bevorstehenden Kommunalwahlen. "Keine Ökologie durch Strafmaßnahmen", versichert daher der amtierende Umweltminister Philippe Martin und verspricht, dass der Kampf gegen die Luftverschmutzung künftig Teil des Gesetzes zur Energiewende sein werde. Eine höhere Besteuerung des Diesels käme dabei aber "nicht in Frage".

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1. Haha
Hübitusse 17.03.2014
Man stelle sich eine pragmatische, weil einzig richtige, Maßnahme im Land der freien Autoraser vor - Massenhysterie und ein handfester Volksaufstand wären die Folgen! Amüsante Vorstellung. Auch weil sie angesichts der oben beschriebenen Konsequenzen und der Angst der Herrscherklasse vor den Autofahrern völlig unrealistisch erscheint.
2. Unlogisch...
Sabs 17.03.2014
Zitat von HübitusseMan stelle sich eine pragmatische, weil einzig richtige, Maßnahme im Land der freien Autoraser vor - Massenhysterie und ein handfester Volksaufstand wären die Folgen! Amüsante Vorstellung. Auch weil sie angesichts der oben beschriebenen Konsequenzen und der Angst der Herrscherklasse vor den Autofahrern völlig unrealistisch erscheint.
Vielleicht könnten Sie noch erläutern, inwiefern Autos mit Benzinmotor oder aktuelle Dieselmotoren mit Partikelfilter überhaupt für die Entstehung von Feinstaub verantwortlich sind und was an einer solchen Maßnahme "einzig richtig" ist.
3. Diesel
bunterepublik 17.03.2014
Das Problem sind die vielen Dieselfahrzeuge----verbrauchen wenig, aber Feinstaubdreckschleudern ohne Ende, selbst mit Filter etc.pp. Das Dieselfahrzeug ist ein Irrweg.
4. Blödsinnige Propaganda....
Jonny_C 17.03.2014
Zitat von HübitusseMan stelle sich eine pragmatische, weil einzig richtige, Maßnahme im Land der freien Autoraser vor - Massenhysterie und ein handfester Volksaufstand wären die Folgen! Amüsante Vorstellung. Auch weil sie angesichts der oben beschriebenen Konsequenzen und der Angst der Herrscherklasse vor den Autofahrern völlig unrealistisch erscheint.
...das gab es in Hamburg in den späten 70igern und frühen 80igern bei Inversionswetterlagen auch schon und hat prima geklappt.
5. Wachstum um jeden Preis
lizenz 17.03.2014
Solange die Doktrin ewigen Wachstums besteht, wird die Menschheit irgendwann am sinnlos produzierten Dreck eingehen.
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