Fehlende Standards bei Elektroautos: Sorry, falsches Ladekabel!

Von Tom Hillenbrand

Futuristische Konzepte wie Wasserstoff-Autos scheitern an fehlender Tank-Infrastruktur - Elektro-Mobile hingegen lassen sich an jeder Steckdose laden. So weit die Theorie. In der Realität fehlen einheitliche Standards. Endet die Stromer-Revolution, bevor sie richtig begonnen hat?

Abgewürgt: Ein jeder lade, wie er will Fotos
AP

Kollege D. möchte sein Telefon betanken und fragt nach einem Ladekabel. Ich kann ihm nicht helfen. Weder mein iPhone noch mein Blackberry sind mit seinem Nokia kompatibel. Obwohl es seit über 20 Jahren Handys gibt, existiert bis heute kein universeller Ladestecker.

Bei Elektroautos sieht die Sache besser aus. Die Nationale Plattform Elektromobilität, ein Thinktank der Bundesregierung, hat sich gerade auf den sogenannten Mennekes-Stecker geeinigt. Der ist normiert, jeder darf ihn nachbauen. Man könnte also sein Elektroauto überall einstöpseln.

Soweit die Theorie. In der Praxis strandet man mit seinem Stromer, selbst wenn eine Steckdose in Sichtweite ist. Das mussten etwa die SPIEGEL-ONLINE-Autoren Sarah Judith Hofmann und Benjamin Hammer feststellen, als sie ihren Tesla Roadster unterwegs laden wollten. Der Stecker passte. Der Bordcomputer meldete trotzdem "Bad Extension Cord" und verweigerte den Ladevorgang.

Ein jeder bastelt vor sich hin

Das Fehlen einer einheitlichen Ladeinfrastruktur könnte sich als größte Bremse in Sachen E-Auto-Revolution erweisen. Weitgehend ausgereifte Fahrzeuge wie den Elektro-Smart gibt es inzwischen. Wenn man mit ihnen jedoch nicht verlässlich und nervenschonend von A nach B gelangen kann, wird sie keiner kaufen.

Neben der Steckerfrage gibt es etliche weitere Probleme, die gelöst werden müssen. Da ist zunächst der Ladevorgang. Für den ist außer Stecker und Kabel ein kleiner Kasten notwendig. Er enthält eine elektronische Schaltung, die den Ladevorgang steuert, ähnlich wie beim Handy.

Aber wo befindet sich dieses Gerät? Natürlich im Auto, sagt etwa der Zulieferer Bosch, der entsprechende Technologien entwickelt. Natürlich nicht im Auto, sondern in der Ladesäule, entgegnen die japanischen Pkw-Hersteller, die sich in einem Normierungskonsortium namens Chademo zusammengeschlossen haben.

Jeder hat für seinen Ansatz gute Argumente: Der Zulieferer möchte aus produktionstechnischen Gründen, dass alle Komponenten in einem Modul stecken. Der Pkw-Hersteller hingegen will Gewicht sparen. Doch solange die Frage ungeklärt ist, kann nicht jedes Auto an jeder Stromquelle geladen werden.

Die Möglichkeit vieler Inseln

Ebenfalls offen ist die Authentifizierung. Wer an einer Ladestation von Eon oder Aral vorfährt, dessen Auto muss mit der Zapfsäule kommunizieren. Hat der Besitzer eine Strom-Flatrate? Bei welchem Anbieter? Wünscht er eine Einzelabrechnung per Kreditkarte?

Technisch ist das einfach lösbar - eigentlich. Aber auch dazu müsste man sich zunächst auf irgendetwas einigen. Das ist bisher nicht geschehen. RWE etwa möchte sein eigenes Netz von Ladesäulen aufbauen und kooperiert unter anderem mit Daimler. Andere Autohersteller hingegen wollen den Strom lieber selbst verkaufen.

Fotostrecke

17  Bilder
Elektroautos im Aufwind: Modelle und Meilensteine
Wer sich ein bisschen in der Branche umhört, dem wird klar: Zurzeit bastelt jeder an seiner Insellösung. Ein Ingenieur eines großen deutschen Pkw-Herstellers antwortet auf die Frage, ob ein technologischer Alleingang denn eine gute Idee sei: "Wir glauben halt, dass unsere Lösung die überlegene ist."

Ich wette, das haben die Erfinder der Videorecorder-Standards VHS, Video 2000 und Betamax damals auch gesagt.

Selbst der Mennekes-Stecker, den die Regierung als ersten Normierungserfolg feiert, muss sich noch durchsetzen. Der Vorstand eines norddeutschen Zulieferers sagt: "Der ist nicht Standard. Der ist Mist." Man verwende lieber ganz andere Stecker.

Vier verschiedene Steckdosen an der Ladesäule

Wenn 2011 die ersten Serienstromer im Autohaus stehen, dann wird es vermutlich ein großes Kuddelmuddel geben. Man stelle sich einen Mobilfunk ohne Roaming vor, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie unpraktisch unnormierte E-Autos sein könnten. Es wird wohl keinen europäischen Standard geben - es gibt bisher ja nicht einmal ein Konsortium, in dem alle wichtigen Autohersteller der EU ernsthaft an dieser Frage arbeiten.

Die scheinen von dem technologischen Hickhack inzwischen ziemlich genervt zu sein. BMW etwa teilt auf Anfrage mit, man arbeite in keinem Konsortium mit, sondern "warte die Entwicklung ab".

Der Siegeszug von Technologien wird häufig von einheitlichen Standards befördert. Erst, wenn sich eine Norm durchsetzt, kommt die Sache ins Rollen. Das galt für Videorecorder, für Schiffscontainer, fürs Internet. Und vermutlich gilt es auch für Elektroautos.

Was eine Einigung in diesem Fall besonders schwierig macht: Um Ladetechnik, Abrechnungssysteme und weitere Elemente der E-Auto-Infrastruktur zu normieren, müssen drei Branchen zusammenarbeiten, die bisher relativ wenig miteinander zu tun hatten: Pkw-Hersteller, IT-Industrie und Energieversorger. "Die sprechen", frotzelt ein Unternehmensberater "ja nicht mal die gleiche Sprache."

Deshalb kann die Sache noch etwas dauern. Einige Pioniere setzen deshalb auf flexible Übergangslösungen. Die Stadtwerke Erding etwa haben unlängst ihre erste Ladesäule aufgestellt. Sie hat vier verschiedenen Steckdosen - "denn wir wissen ja noch nicht, was sich am Ende durchsetzt", so ein Sprecher. Zumindest um die Abrechnungsmodalitäten muss sich der Kunde in Erding noch keine Gedanken machen. Den Strom gibt es vorerst gratis.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 125 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Sie beginnt gar nicht erst!
haltetdendieb 29.08.2010
Endet die Stromer-Revolution, bevor sie richtig begonnen hat? Sie beginnt gar nicht erst! Eine einfache Antwort auf eine einfache Frage! Das gleiche mit den Gasautos! Wieso fährt die keiner, wenn sie schon beim Fahren nur halb so teuer sein sollen? Normalerweise müssten 80% aller Autos GAS-Autos sein! Sind es aber nicht! Wieso, wenn alles so toll ist! Das gleicher güldet für Stromer, keine Revolution, kein Ende einer Revolution! Wieder die Frage: Wieso wenn doch alles so toll ist mit den Elektroautos! Fehlendes Ladekabel, ich war schon in einigern Ecken der Welt, der Adapter passte für fünf Steckdosen und kostete damals 5,50 Mark! Das ist nicht das Problem, und das weiß auch der Autor des Artikels....
2. Quark
kanadasirup 29.08.2010
Zitat von sysopFuturistische Konzepte wie Wasserstoff-Autos scheitern an fehlender Tank-Infrastruktur - Elektro-Mobile hingegen lassen sich an jeder Steckdose laden. So weit die Theorie. In der Realität fehlen einheitliche Standards. Endet die Stromer-Revolution, bevor sie richtig begonnen hat? http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,711158,00.html
Am Stecker wird's wohl kaum scheitern. Eher an den fehlenden Lithium-Ressourcen. Wo die herkommen sollen für die Millionen Stromautos ist rätselhaft.
3. Ganz so düster sieht es nicht aus...oder doch ?
net_worker 29.08.2010
Zitat von sysopFuturistische Konzepte wie Wasserstoff-Autos scheitern an fehlender Tank-Infrastruktur - Elektro-Mobile hingegen lassen sich an jeder Steckdose laden. So weit die Theorie. In der Realität fehlen einheitliche Standards. Endet die Stromer-Revolution, bevor sie richtig begonnen hat? http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,711158,00.html
Immerhin werden zwei Standards in den entsprechenden Gremien vorangetrieben. Dies sind J1772 (U.S.) und IEC 62196/Mennekes (Europa). Der Mennekes Stecker und zugehörige Kommunikationsprotokolle haben gute Chancen zum Standard in Europa zu werden . Dass sich die Hersteller beim Thema EV schnell auf einen weltweit einheitlichen Standard einigen scheint diesmal wieder nicht zu klappen. Da muss einem doch als Verbraucher der Kragen platzen. Man könnte fast meinen, dass durch diese Verhaltensweise die Entwicklung möglichst lange hinausgezögert werden soll. Ich hoffe dass Better Place in Israel ein Vorbild für Europa wird. Better Place hat von Anfang an erkannt, dass man das Gesamtsystem (Standards, Ladepunkte, Fahrzeug, Einbindung der Stromversorger) betrachten muss. Die Automobilhersteller scheinen mal wider nur bis zum Ende der eigenen Motorhaube zu schauen und ignorieren den Rest um sich herum. So ein Sch...
4. gut, das mein Auto über 30 ist
tomac007 29.08.2010
klasse, ich lach mich schlapp. Ich selber arbeite in der Automobilbranche und belächle die angebliche Serienreife dieser Laptop-Akkus mit Staubsaugermotor und 4 Rädern dran. Mir ist klar, das langfristig der Weg am E-Auto nicht vorbei führt, weniger wegen der CO2-Lüge als viel mehr aus Effizienz-Gründen. Die eigentlichen Probleme des E-Autos liegen doch nach wie vor in der Technik und in der Speicherung. Zur Ladung mit Elektro-Energie kann man doch auf die beste Infrastruktur Europaweit zurückgreifen, die gute alte Schuko-Dose (Schweineschnauze), das dauert vielleicht etwas länger mit laden (zu lange vielleicht für Stadt-Menschen, die immer ganz schnell immer irgend wo sein müssen), aber man wäre unabhängig von "Ladestrommöglichkeiten" von Monopolisten wie E.on und Konsorten. Viel wichtiger ist, das wir uns auf ein anderes Mobilitäts-Szenario einstellen, weg von der Politik allseits gepriesenen Multiflexibilität der Arbeitnehmer mit Pendlerkilometerleistungen jenseits von 150 Km am Tag, hin zum Leben in der Nähe des Arbeitsplatzes, wo man bequem mit dem Fahrrad hinkommt, unabhängig von Tanksäule und Steckdose und Pseudo-Öko-Gequatsche wegen CO2 und so. Denn eines der teuersten Güter wird in Zukunft nicht nur die Zeit sein sondern die Mobilität, die sich nicht mehr jeder in Form von einem neuen Auto oder einem Jahresticket der Bahn oder ÖPNV leisten kann. Ich freue mích jedenfalls über mein Auto, was über 30 ist und mit H-Zulassung und ohne KAT-Bremse auskommt. Für alles ander fahre ich Fahrrad.
5. Nichts gelernt
Mueller-Luedenscheid 29.08.2010
Am Beispiel Handy hätte man lernen können, tja, hätte man, wenn man gewollt hätte. Schade. Ist doch nicht so schwierig, oder ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Abgewürgt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 125 Kommentare
  • Zur Startseite

Kontakt zum Autor
Feedback? Anregungen? Schreiben Sie an abgewuergt@spiegel.de Alle bisher erschienen Teile der Kolumne finden Sie hier, den RSS-Feed können Sie hier hinzufügen.


Aktuelles zu