Feinstaub-Filter: Zweifelhafte Wunderwaffe

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Rußpartikelfilter werden als Wunderwaffe gegen Feinstaub angepriesen. Für ältere Dieselautos bieten die Hersteller nachträglich einbaubare Systeme an, der Staat will die Nachrüstung fördern. Doch eine neue Studie weckt Zweifel an der Effizienz der Technologie.

Hamburg - "In Zukunft rußfrei" – so und ähnlich preisen die Anbieter von Diesel-Abgasfiltern die Wirkung ihrer Produkte an. Und in der Tat schaffen es moderne, geschlossene Filtersysteme, mehr als 95 Prozent der Rußpartikel einzufangen, bevor diese den Auspuff verlassen können. Solche Wunderwaffen werden inzwischen von den meisten Automobilherstellern standardmäßig eingebaut oder gegen Aufpreis als Zusatzausrüstung angeboten. Für ältere Modelle gibt es nachträglich einbaubare Lösungen. Diese "offenen" Systeme lassen zwar einen Teil des Abgases ungefiltert passieren, doch auch ihre Leistungsfähigkeit soll beeindruckend sein. Die Anbieter werben mit Wirkungsgraden von "bis zu 70 Prozent".

Experten der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) im schweizerischen Dübendorf wollten es genauer wissen und schickten einen VW Touran 1.9 TDI vor und nach Ausstattung mit einem sogenannten City-Filter auf den Prüfstand. Das Ergebnis: Die Rußbelastung der Abgase wurde durch den Filtereinbau nur um knapp 40 Prozent verringert. Zusätzlich beobachteten die Experten eine geringfügige Steigung des Stickstoffoxid (Nox)-Ausstoßes. "Diese Leistung entspricht nicht den gemachten Angaben", sagte Forschungsgruppenleiter Martin Weilenmann SPIEGEL ONLINE. Eine enttäuschende Note für die Technik?

Reduzierung um 30 Prozent vorgeschrieben

Beim Filter-Hersteller HJS im sauerländischen Menden betrachtet man das EMPA-Ergebnis mit Skepsis. Eigene Messwerte zeigen Verringerungen des Partikelausstoßes von 55 bis 70 Prozent, wie die Entwicklungs-Abteilung des Unternehmens verlautbaren lässt. Die Ingenieure verweisen zusätzlich auf eine vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie der österreichischen Forschungsgesellschaft für Verbrennungsmaschinen und Thermodynamik, deren Ergebnisse fast identisch mit den HJS-Daten sind. "Abgesehen davon", betont Firmensprecherin Annette Ritz, "fordert der Gesetzgeber eine Reduzierung von mindestens 30 Prozent". Diese Vorgabe werde auf jeden Fall eingehalten.

Eine mögliche Erklärung für die unterschiedlichen Messwerte könnte das Baujahr der getesteten Fahrzeuge sein. Zwar kam in beiden Fällen der oben erwähnte Touran zum Einsatz, doch die Schweizer verwendeten ein Modell von 2003. Dessen Abgaswerte entsprachen der damals für Neufahrzeuge gültigen Euro 3-Norm. Die HJS-Zahlen beziehen sich dagegen auf eine neuere Ausführung. "Ein solches Fahrzeug hat eine andere Motorsteuerung und erfüllt deshalb auch ohne Filter die heutige Euro 4-Norm", sagt Martin Weilenmann. Für Letztere liegt der maximal zulässige Partikelausstoß pro gefahrenen Kilometer bei 25 Milligramm. Die 3-Norm erlaubt das Doppelte. Mit anderen Worten: Für das von HJS getestete Fahrzeug wäre eine Nachrüstung nach den derzeitigen Regelungen gar nicht erforderlich.

Positive Überraschung im Test

Auch durch den getesteten Fahrzyklus – das im Versuchsverlauf stetig variierende Fahrtempo – ergeben sich Differenzen. Die Hersteller beziehen sich auf den gesetzlich vorgegebenen NEFZ (Neuen Europäischen Fahrzyklus). Nach Ansicht der EMPA weist dieser "keinen Bezug zum realen Betrieb" auf. Deshalb testeten die eidgenössischen Forscher zusätzlich nach dem "Common Artemis Driving Cycle" (CADC), welcher auch laut internationaler Expertenmeinung realitätsnäher ist. Die CADC-Messwerte lagen deutlich über den Ergebnissen des NEFZ-Tests. Für den Stadtverkehr wurde bei einem Ausstoß von 28 mgr/km sogar die Euro 4-Norm überschritten.

Eine positive Überraschung erlebten die Schweizer bei der Messung der ausgestoßenen Partikelgrößen. Entgegen ihren Erwartungen filterte das getestete offene System die besonders gesundheitsschädlichen Kleinstpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 20 Nanometer genauso effizient wie größere Rußteilchen – ein erheblicher Vorteil.

Steuerliche Förderung auch rückwirkend

Insgesamt lässt die EMPA-Studie zwar vermuten, dass nachträglich eingebaute Dieselpartikelfilter im täglichen Betrieb weniger effizient sind als bisher angenommen, ihr ökologischer Nutzen steht dennoch außer Frage. Die Abgaswerte von Millionen derzeit fahrenden Diesel-PKW entsprechen eben nicht den modernen Anforderungen. Viele von ihnen fallen sogar unter die veralteten Normen 2 oder 1 (80 bzw. 180 Milligramm Ruß pro Kilometer) und könnten auf Basis der Feinstaub-Verordnungen in betroffenen Städten zukünftig mit Fahrverboten belegt werden.

Um gerade bei solchen "Rußschleudern" Abhilfe zu schaffen, hat die Bundesregierung ein Förderprogramm für den nachträglichen Einbau von Partikelfiltern aufgelegt. Das Gesetz hierzu soll am 1. April 2007 in Kraft treten. Es sieht eine steuerliche Förderung von 330 Euro für jeden nachgerüsteten Personenwagen vor, rückwirkend bis zum 1. Januar 2006. Der Betrag soll von der regulär anfallenden Kfz-Steuer abgezogen werden. Besitzer von "unbehandelten" Fahrzeugen der Euro 1- und 2-Normen müssen dagegen mit Steuererhöhungen rechnen.

Nachrüstung steigert Wiederverkaufswert

Für Jürgen Maaß, Sprecher des Bundesumweltministeriums, ist die Zielsetzung des Programms klar: "Es geht jetzt darum, möglichst schnell möglichst viele Autobesitzer zum Umrüsten zu motivieren." Bedenken, ob sich ein solcher Schritt auch für die Inhaber neuerer Fahrzeuge mit niedrigen Abgaswerten lohnt, lässt Maaß nicht gelten. Er verweist auf den höheren Wiederverkaufswert eines nachgerüsteten Diesels. Schließlich sind in Zukunft weitere Verschärfungen der Grenzwerte vorgesehen. Für 2009/2010 wird die Verordnung einer Euro 5-Norm (5 Milligramm pro Kilometer) erwartet.

Viele Anbieter von Filtersystemen versuchen sich zurzeit mit günstigen Angeboten auf dem Markt zu profilieren. Der ADAC rät, die Gunst der Stunde zu nutzen und zuzugreifen. "Wir empfehlen die Nachrüstung", erklärt Sprecher Maximilian Mauerer ausdrücklich. Lediglich in Bezug auf die staatliche Unterstützung hat der Verband gewisse Bedenken. "Da sind wir uns nicht sicher, ob auch alles so beschlossen wird", meint Mauerer mit Blick auf die angekündigte rückwirkende Förderung. Eine vorherige Erkundigung bei der zuständigen Kfz-Zulassungsstelle könnte sinnvoll sein. Wer jetzt kauft und erst nach Inkrafttreten der Regelung den Einbau im Fahrzeugschein eintragen lässt, wäre auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

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Forum - Nachgerüstete Partikelfilter - die saubere Lösung?
insgesamt 19 Beiträge
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1.
wafi, 29.01.2007
Dir Wirksamkeit muß ich erstmal nachrechnen ... wieviel das nun kostet, gegenübergestellt, wieviel Steuern ich spare. Oder war ne physikalische Wirksamkeit gemeint? Das grundsätzliche Problem ist doch schlicht, daß ... wie immer ... an "einfachen" Problemlösungen gebastelt wird. Wir hatten viel Smog, Resultat der Kat wurde Vorschrift. Scheun, weniger CO Ausstoß = sauberere Luft, dafür wird das CO in CO² gewandelt im Kat. Hm CO2 ... da war doch was?
2. eher ein politikum
screnn, 29.01.2007
diese filter "filtern" zwar, sie filtern aber nicht den feinstaub. durch die medienpräsenz des feinstaub sieht sich die politik im handlungszwang und handelt. aber feinstäube lassen sich nicht filtern. die saubermannmethode mit dem taschentuchtest ist reine augenwischerei, die aussage feinstaub mit den filtern zu bekämpfen eine farce... es ist technisch nicht möglich diese ultrafeinen partikel zu filtern...
3.
DJ Doena 29.01.2007
erstens) Ich fahre einen Beniziner, bin also nicht primär betroffen zweitens) Manchmal staune ich schon, wenn ein Diesel-Mercedes eine schwarze Rauchwolke hinterlässt, wie es ein Trabbi nie getan hätte. aber) Wenn(!) ich das richtig verstanden habe, wurde doch der Rußpartikelfilter und die ganze Feinstaub"problematik" von den französischen Autoherstellern hochgekocht, weil sie endlich was hatten, was deutsche Dieselfahrzeughersteller nicht hatten, die sich auf andere Aspekte der Abgase konzentrierten. Von hier aus ist dann Industrie- und Landespolitik auf EU-Ebene betrieben worden um dieses "Problem" künstlich hochzustilisieren. Ausgenommen von dieser ganzen Rußfilterproblematik sind dann aber wieder die ganzen "Dreckschweine" Diesel-LKWs und in Büros kommt der Feinstaub auch wohl eher vom Laserdrucker und der Raucherecke im Treppenhaus.
4. Benziner nicht betroffen?
Flachländer, 29.01.2007
---Zitat von DJ Doena--- erstens) Ich fahre einen Beniziner, bin also nicht primär betroffen ---Zitatende--- Dann ist es ein neueres Auto. Achtung! Sehr viele ältere Benziner _mit_geregeltem_Kat(!) sind vom Fahrverbot bedroht, weil ihre Schlüsselnummern nicht in den Listen für die Fahrverbotsplaketten auftauchen! ---Zitat von DJ Doena--- zweitens) Manchmal staune ich schon, wenn ein Diesel-Mercedes eine schwarze Rauchwolke hinterlässt, wie es ein Trabbi nie getan hätte. ---Zitatende--- Der Qualm der (früheren?) CDI-Diesel ist allerdings ein absolutes Armutszeugnis für eine deutsche "Premium"-Marke :-(
5. Vergleich mit französischem Filter?
Skarrin, 29.01.2007
Gibt es eigentlich irgendwo einen Vergleichstest zwischen deutscher Nachrüstfiltern und dem serienmäßigen französischen FAP-Filter? Ich fürchte das Ergebnis dürfte ziemlich blamabel für die angebliche deutsche Auto-Hitech ausfallen, aber das sind wir ja inzwischen nicht anders gewöhnt, siehe Hybridantrieb. Deutsche Hersteller verplempern ihr Geld statt in Forschung und Zukunftstechnik lieber für politische Landschaftspflege, CO2-Lobbyisten in Brüssel und teure Türzuschlaggeräuschdesigner, oder diesen GeldverBrennstoffzellen-Wahn. Gruß Skarrin
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