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Blick unters Blech: Mit dem 4,4-Liter-Zwölfzylinder-Organ zum Röntgen

Kunstprojekt Röntgen-Ferrari: Skelett am Steuer Fotos
DPA

Ein Sportwagen wird durchleuchtet: Der Fotokünstler Nick Veasey kämpft gegen die Neigung der Menschen, immer nur die Oberfläche zu sehen - und steckte nicht nur einen schicken Ferrari in einen Röntgenapparat.

So haben Sie einen Ferrari 365 GTB/4 Daytona noch nie gesehen! Gläsern, fast zerbrechlich wirkt der Sportwagenklassiker, nachdem der englische Röntgenkünstler Nick Veasey ihn durchleuchtet hat. Der 52-Jährige macht mithilfe eines riesigen Röntgenapparts die Innereien des Luxussportwagens aus dem Baujahr 1969 sichtbar. Das von Pininfarina-Designer Leonardo Fioravanti gestaltete keilförmig-aggressive Äußere des Wagens? Interessiert nicht mehr.

Seit der gelernte Fotograf Veasey vor mehr als einem Jahrzehnt die Spiegelreflexkamera gegen eine Röntgenkamera tauschte, haben makellose Oberflächen ihre Bedeutung für ihn verloren. "Die heutige Gesellschaft scheint nahezu lächerlich besessen zu sein vom Oberflächlichen", sagte Veasey einmal in einem Interview. Beim unmittelbar Sichtbaren werde nahezu immer verziert, geschminkt, getrickst. Die wirklich interessanten und wichtigen Dinge lägen dagegen meist tiefer, im Verborgenen.

"Ein Buch würde auch niemand nach seinem Einband beurteilen"

Der Oberflächlichkeit möchte Veasay seine Aufnahmen entgegensetzen. Denn sie sind auf das Innere der Dinge fokussierten. "Wir alle wissen, dass wir ein Buch niemals nach seinem Einband beurteilen sollten", so Veasey. Genau darauf wolle er mit seinen Röntgenbildern hinweisen.

Für sein neuestes Projekt hat sich Veasey nun also Ferrari vorgenommen. Jene Automarke, die besonders durch betörende Karosserien geprägt ist. Nun sieht man: Auspufftöpfe, Federbeine, Karosserieskelett und einen kaum identifizierten dunklen Fleck mit etlichen Strukturen zwischen Vorderachse und Spritzwand - den längs eingebauten 4,4-Liter-Zwölfzylinder.

Die jetzigen Fotos seien nur ein Vorgeschmack auf das, was Veasey mit den Röntgenbildern vorhat. "Das ist noch kein fertiges Kunstwerk", so der Fotograf. Sein Plan ist es, insgesamt zehn unterschiedliche Modelle aus der Markenhistorie zu durchleuchten. Dafür müssen allerdings die entsprechenden Autos erst von Privatbesitzern oder bei Händlern aufgetrieben werden.

Riesen-Röntgenapparat steht in Fürth

Die Aufnahmen selbst entstehen im fränkischen Fürth im Entwicklungszentrum Röntgentechnik (EZRT) des dortigen Fraunhofer-Instituts. Nach eigenen Angaben betreibt das EZRT dort den weltweit größten Computertomographen - in einer meterdick abgeschirmten, 400 Quadratmeter großen und 14 Meter hohen Halle. Die drei Tonnen schwere Röntgenquelle kann eine Strahlenenergie von bis zu neun Megaelektronenvolt erzeugen. Wozu das gut ist? Zum Beispiel, um Materialfehler in Triebwerken aufzudecken. Oder um Autos nach einem Crashtest ohne vorheriges Zerlegen komplett zu durchleuchten und die Verformungen analysieren zu können.

Oder eben um einen Röntgenkünstler wie Nick Veasey zu unterstützen. Für die zweidimensionale Aufnahme stand der Ferrari rund eine Stunde in der riesigen Apparatur. Dem EZRT zufolge haben sich inzwischen einige Autobesitzer gemeldet, die ihren Wagen auch gerne durchleuchten lassen würden. Möglich ist das - allerdings kostet so ein Röntgenfoto vom Auto je nach Fahrzeuggröße zwischen 2000 und 4000 Euro.

jüp

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
fmarkusi 15.11.2014
An dieser Stelle mal ein sozusagen uneingeshränktes LOb ans Fraunhofer Institut. Geröntgte Ferraris, gut! mp3 mit 640kBs: besser.
2. Doch
davemciroy 15.11.2014
Ich habe die meisten meiner Lieblingsbücher gefunden durch Bewertung des Cover, Titel, Autorennamens. Und ich kann auf die Art sehr zuverlässig bestimmen, ob mir ein Buch gefällt. "Don't judge a book by its cover" sagt man aus Egoismus, weil die meisten es nicht können...
3. auch die Unterseite von Sportwagen
MiniDragon 15.11.2014
ist sehr interessant, wenn man sich für ihre aerodynamischen Qualitäten interessiert und außerdem auch weiß, dass neben dem aerodynamischen Widerstandsbeiwert auch auf die Auftriebs-Beiwerte vorn und hinten ankommt.
4. Dann ist auch ein Ätzschema für einen Pentium Chip Kunst
kioto 15.11.2014
denn es sieht beeindruckend aus. Oder der Plan der Pariser Metro. Solche Röntgenbilder werden doch schon länger gemacht, zur Materialprüfung und bei Importautos gegen Schmuggel. Nun nur in noch besserer Qualität. mfg Kioto
5. Röntgen?
Walther Kempinski 15.11.2014
Röntgen? War da mal was? Gefährlich und so? Ich weiß nicht, ob ich mich vor einen Röntgenapparat setzen würde, der die Kraft hat eine Stahlkarosserie und Teile des dicken Motorblocks zu durchdringen! Nachdenkenswert, oder?...
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