Ferrari 458 Speciale Der Ausbrecher-König

Verzicht liegt im Trend, auch bei Ferrari. Der 458 hat nur acht Zylinder statt zwölf, und in der Fassung Speciale wiegt er 100 Kilo weniger. Das Ergebnis: mehr Fahrspaß - der Wagen macht aus ambitionierten Amateuren echte Drift-Profis.

Ferrari

Der erste Eindruck: Kann ein Ferrari dezent sein? Der neue 458 Speciale ist es jedenfalls nicht. Gleichzeitig verkneift sich die Hardcore-Version der 458-Baureihe weitgehend optische Peinlichkeiten. Zwei winzige Finnen an den Flanken und eine Lüftungsluke in der Fronthaube demonstrieren den aerodynamischen Feinschliff und machen protzige Schweller oder Spoiler überflüssig. Nur die Wettkampflackierung ist einen Tick zu laut geraten.

Das sagt der Hersteller: Für Ferrari-Marketingchef Nicola Boari ist das neue Modell maßgeschneidert für jene, die es gerne noch sportlicher, rasanter, extremer haben und das Auto tatsächlich auch auf die Rennstrecke ausführen. Nicht umsonst buche beinahe jeder zweite dieser Kunden gleich auch ein Track-Event, sagt Boari. Beim konventionellen 458 Italia liegt diese Quote bei nur 16 Prozent.

Bessere Aerodynamik, mehr Motorleistung, weniger Gewicht und Feinschliff der Getriebe- und Fahrwerks-Software - das erwartet man von einem Auto mit dem Beinamen Speciale. "Doch so weit wie diesmal sind wir noch nie gegangen", sagt Matteo Lanzavecchia, der Leiter der Test- und Entwicklungsabteilung. "Mit dem neuen 458 Speciale werden alle Kunden in der Lage sein, auf der Rennstrecke bis an die Grenze zu gehen und auf anspruchsvollen Straßen das erhebende Gefühl sportlichen Fahrens auch bei niedrigeren Geschwindigkeiten zu genießen."

Das ist uns aufgefallen: Ein bisschen zu viel Gas in der Kurve und das breite Heck des Speciale entwickelt eine Eigendynamik, die das Adrenalin in Kübeln auskippt. Die Reifen quietschen und im Rückspiegel sieht man Qualm. Doch während der Ferrari driftet und der Fahrer schon mit dem Schlimmsten rechnet, zieht die Elektronik das Auto am Kurvenausgang wieder schnurgerade. Und als wäre nichts gewesen, pfeilt der Ferrari weiter. Side Slip Angle Control (SSC) nennen die Entwickler aus Maranello den neuen Software-Baustein der Stabilitätskontrolle ESP, der im "Race-Modus" aktiviert ist und aus ambitionierten Amateuren Drift-Profis macht - und aus Reifenhändlern reiche Männer.

Das System kann zwischen einem gefährlichen Fahrfehler und gewolltem Übersteuern unterscheiden. In letzterem Fall ermöglicht es über den Eingriff in die Drehmomentverteilung an der Hinterachse ein spektakuläres Fahrgefühl mit hohem Suchtpotential. Wo andere Supersportwagen dem Fahrer die Grenzen aufzeigen, driftet man hier wie im Lehrbuch und gewinnt mit jeder Kurve an Selbstvertrauen. Vielleicht ist es deshalb doch nicht so albern wie anfangs gedacht, dass der Testwagen mit Schalensitzen und Hosenträgergurten ausgestattet ist.

Was noch auffällt beim Ritt mit dem roten Ross: Wie gierig der Speciale selbst dann die Kurven frisst, wenn der Rennmodus wieder abgeschaltet ist. Lenkung, Keramikbremsen, V8-Motor - das Zusammenspiel der Technik ermöglicht ein ebenso explosives wie unverkrampftes Vorwärtskommen. Ja, man kann auch mit dem Speciale zum Brötchenholen fahren und sich ans Tempolimit halten. Doch man braucht dazu Selbstbeherrschung. Was auf jeden Fall gilt: Der 458 Speciale mit V8-Motor vermittelt ein intensiveres, wilderes Fahrgefühl als die protzigen V12-Modelle.

Das muss man wissen: Als dritte Spielart neben 458 Italia und 458 Spider wird der Speciale seit ein paar Wochen ausgeliefert. Der Basispreis liegt bei 232.530 Euro und damit um rund 30.000 Euro höher als beim Grundmodell. Für das Geld gibt es ein gründlich modifiziertes Auto, das mehr zu bieten hat als die spektakuläre Drifthilfe. Zum Beispiel eine aktive Aerodynamik: Neben den kleinen Finnen an der Seite und dem dezenten Heckspoiler hat der Speciale im Bug drei Klappen, die vom Luftdruck geöffnet werden. Bei 170 km/h öffnen sich die vertikalen Luken und verringern den Abtrieb, ab 220 km/h senkt sich die horizontale Klappe und sorgt für mehr Anpressdruck. Gleichzeitig kanalisieren zwei elektrisch verstellbare Klappen unter dem Heck die Luft auf ihrem Weg durch den Diffusor.

Außerdem haben die Italiener den 458 um knapp hundert Kilo abgespeckt, was durch den Einsatz dünnerer Scheiben, eines leichteren Motors, geschmiedeter Räder, mehr Carbon und den Verzicht auf einige Komfortdetails gelang. Der Motor wurde natürlich auch stärker. Dank einer neuen Programmierung, erhöhter Verdichtung, einer geänderten Kurbelwelle und weniger Reibung legt der V8 um 35 PS zu und kommt nun auf 605 PS. Bei 4,5 Litern Hubraum macht das eine Literleistung von 135 PS und sichert dem Speciale nicht nur einen Bestwert unter den V8-Motoren der Ferrari-Historie. Sondern glaubt man Entwickler Lanzavecchia, ist das die höchste Leistungsdichte, die bislang von einem Saugmotor für ein Straßenfahrzeug erzielt wurde.

Subjektiv kann man diesen Feinschliff mit jedem Meter spüren, weil sich der Speciale anfühlt wie ein Skalpell, das niemals stumpf wird. Objektiv kann man ihn messen: Nicht nur die 3 Sekunden von null auf hundert und das Spitzentempo von mehr als 325 km/h sprechen Bände. Sondern vor allem die Rundenzeit auf der Hausstrecke in Fiorano. Dort braucht der Speciale 1:23,5 Minuten und nimmt damit dem Standard-Italia 1,5 Sekunden ab.

Das werden wir nicht vergessen: Gekappte Türgriffe, kein Handschuhfach, dünnere Bodenbleche, eine verkleinerte Mittelkonsole und statt Leder eine federleichte Spezialfaser auf dem Cockpit - Ferrari hat wirklich um jedes Gramm gerungen. Über ein paar schräge Nadelstiche und kleine Falten in den Bezügen muss man trotz des Preises wohl hinweg sehen. Es ist vermutlich ein Glück, dass es bei dieser Konsequenz zum Leichtbau überhaupt eine Innenraumverkleidung gibt

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insgesamt 46 Beiträge
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medicus22 03.04.2014
1. gott sei dank
Na endlich gibt es Sportwagen zum Spritsparen. Ist ja auch der Sinn eines Sportwagens oder? Jeder Autoartikel wird auf den Verbrauch reduziert...aber der ist in diesem Segment vollkommen egal.
totalmayhem 03.04.2014
2.
Der "Rallystreifen" ist ein Aprilscherz, oder? Sowas haben sich frueher die Halbstarken auf ihren Manta oder Capri gepappt... :)
josefinebutzenmacher 03.04.2014
3. @totallymannem: nein. Ist es nicht.
Es ist ein Unterscheidungsmerkmal zum einfachen 458er. Gabs schon immer bei Ferrari. Für die etwas sportlicher ausgelegten Fahrzeuge.
syracusa 03.04.2014
4.
Zitat von sysopFerrari Verzicht liegt im Trend - auch bei Ferrari. Der 458 hat nur acht Zylinder statt 12, und in der Fassung "Speciale" wiegt er 100 Kilo weniger. Das Ergebnis: mehr Fahrspaß - der Wagen macht aus ambitionierten Amateuren echte Drift-Profis. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/ferrari-458-speciale-neuer-supersportwagen-mit-v8-motor-aus-maranello-a-962090.html
Echten und vermeintlichen Drift-Profis sollte man dauerhaft die Fahrerlaubnis entziehen. Im Zirkus dürfen sie dann ja immer noch als Pausenclowns auftreten.
david-39 03.04.2014
5. sauber
Zitat von sysopFerrari Verzicht liegt im Trend - auch bei Ferrari. Der 458 hat nur acht Zylinder statt 12, und in der Fassung "Speciale" wiegt er 100 Kilo weniger. Das Ergebnis: mehr Fahrspaß - der Wagen macht aus ambitionierten Amateuren echte Drift-Profis. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/ferrari-458-speciale-neuer-supersportwagen-mit-v8-motor-aus-maranello-a-962090.html
Das Schmankerl sitzt hier ganz klar unter der Haube. 4,5 Liter V8 mit 600 PS, nice! Dazu gibts 540 Nm Drehmoment vom Saugmotor. Da müssen sich selbst Motorradhersteller verneigen ;) Über Haltbarkeit und Service/ Verschleißkosten macht sich der Fußballer, Oligarch oder Ölscheich eh keine Gedanken bei 230.000€ Einstandspreis. Dennoch cool, dass es einen Hersteller gibt, der noch Hochdrehzahlsauger in der Kategorie baut.
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