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Stickoxid-Test: Umweltverband wirft Fiat zu hohe Abgaswerte vor

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Fiat 500x bei der Abgasuntersuchung der DUH: Erhöhte NOx-Emission Zur Großansicht
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Fiat 500x bei der Abgasuntersuchung der DUH: Erhöhte NOx-Emission

Die Deutsche Umwelthilfe hat erneut verdächtig hohe Abgaswerte bei einem Auto festgestellt. Nach Mercedes C-Klasse, Opel Zafira und Renault Espace ist nun ein SUV-Modell von Fiat an der Reihe.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) wirft dem italienischen Autohersteller Fiat erhöhte Abgaswerte vor. Das teilte die Organisation am Dienstag in Berlin mit.

Wenn die DUH derzeit zu Pressekonferenzen lädt, ist dort allerdings ein ganz bestimmtes Wort tabu: "Abschaltautomatik". Die technische Vokabel ist seit dem VW-Skandal um manipulierte Abgasreinigungen von Dieselfahrzeugen der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Als DUH-Geschäftsführer in Berlin Jürgen Resch vor die versammelte Hauptstadtpresse trat, entschuldigte er sich erst einmal: "Sie werden von mir den Begriff 'Abschaltautomatik' nicht hören, weil das für mich äußerst riskant ist", sagt der weißhaarige Verbraucherschützer. Dazu hielt er ein Schreiben von Anwälten der Daimler AG in die Kameras. Es enthält die rechtliche Androhung von Schadenersatzklagen in Millionenhöhe, sollte die DUH den Vorwurf erheben, das Unternehmen verwende in seinen Fahrzeugen illegale Abschaltautomatiken.

Das Schreiben, das Resch hochhielt, war komplett geschwärzt. "Selbst die Androhung des Unternehmens", so Resch lakonisch, "ist mir von Gerichts wegen verboten, zu veröffentlichen."

Dabei war diesmal ja eigentlich gar kein Mercedes im Visier des Umweltverbands. Resch und sein Sachverständiger Axel Friedrich hatten sich das SUV-Modell Fiat 500X vorgeknöpft. Auch dieses Fahrzeug, so ergaben Messungen der Universität Bern im Auftrag der DUH, zeigt unter bestimmten Bedingungen eklatante Überschreitungen. Bis zu 22-mal mehr Stickoxide (NOX) als laut EU-Grenzwert erlaubt habe das Auto ausgestoßen.

"Kein VW-Skandal, sondern ein Diesel-Skandal"

Bei allen auf dem Rollenprüfstand ausgeführten Tests mit betriebswarmen Motor seien die Grenzwerte überschritten worden. Lediglich im kalten Zustand und mit spezieller Konditionierung seien Werte in der Nähe der Diesel-Euro-6-Norm ermittelt worden. Überraschend sei aber, dass der warme Motor des Fiat 500x mehr Abgase ausgestoßen habe, da normalerweise dann die Werte niedriger seien.

Die eidgenössischen Prüfer hätten die Messungen mitunter "fassungslos" gemacht. Ihre Messgeräte seien bei dem Fahrzeug so häufig weit über ihre Maximalanzeigen geraten, dass die Computer es anschließend nicht mehr geschafft hätten, die Emissionen darzustellen. "Die Prüfer mussten per Hand nachrechnen", sagt DUH-Experte Friedrich.

Fiat hatte bereits vor wenigen Tagen generell auf die Diskussion um umstrittene Diesel-Emissionen regiert und nach eigenen Angaben interne Untersuchungen dieser Antriebstechnologie durchgeführt. Mit dem Ergebnis: Diesel-Fahrzeuge des Fiat Chrysler-Konzerns (FCA) "haben keine Vorrichtung zur Erkennung von Prüfstand-Situationen im Labor oder zur Aktivierung einer Funktion für Emissions-Steuerung speziell bei Labortests", heißt es dazu in einer Stellungnahme von FCA.

Nach Ansicht der DUH ist mit den Nachmessungen mehrerer Modelle belegt, dass es sich "nicht um einen VW-Skandal handelt, sondern um einen Diesel-Skandal", so Resch. Nicht ein einzelner Hersteller habe betrogen, sondern die gesamte Branche. Vor dem Fiat 500x und der Mercedes C-Klasse hatte die DUH auch bei einem Opel Zafira und einem Renault Espace verdächtig hohe Abgaswerte ermittelt. Die Hersteller bestreiten aber, gegen Vorschriften verstoßen zu haben.

Resch sieht das anders: Offensichtlich habe bislang das Unrechtsbewusstsein gefehlt, weil "die Konzerne von der Regierung nichts zu befürchten hätten". In der Tat scheint es derzeit so, als würde das zuständige Bundesverkehrsministerium alles tun, um die Autoindustrie zu schonen. Zwar haben auch deren Prüfer vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) bei Messungen Überschreitungen der Stickoxid-Grenzwerte ermittelt. Doch derzeit verhandeln die Beamten von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hinter verschlossenen Türen mit den Konzernen, wie die Werte zu erklären sind.

"Körperverletzung mit Todesfolge"

"Die Unternehmen betreiben allerdings Körperverletzung mit Todesfolge", so DUH-Mann Resch. Denn die extrem hohen Stickoxidwerte in deutschen Städten seien die Folge der horrenden Überschreitungen, die die DUH auf den Messständen beobachten könne.

Die Politik müsse deshalb dringend einschreiten und scharfe Ermittlungen vornehmen, so wie es die US-Umweltbehörde EPA vorgemacht habe, so die DUH. "Wir erwarten vom Verkehrsministerium, dass es sich zu den von uns und anderen Einrichtungen ermittelten Messwerten äußert und daraus Konsequenzen zieht", sagte Resch auf der Pressekonferenz in Berlin.

Derzeit zeichnet sich eine neue Verteidigungsstrategie der Hersteller ab. Auch darauf machten Resch und Friedrich aufmerksam: Nicht die Abschaltautomatik selber wird geleugnet, sondern es wird behauptet, sie sei legal, weil sie nur im Ausnahmefall einsetzt.

Mercedes etwa bestätigt indirekt, dass bei dem auffälligen Modell der C-Klasse die Stickoxid-Reinigung zeitweise gedrosselt würde. Dies sei nach Darstellung des Konzerns aber zulässig, weil damit der Motor geschützt werden solle. Das Problem daran ist allerdings: Dies geschieht bei Temperaturen unter zehn Grad. In Deutschland finden aber 60 Prozent aller Fahrten unter diesen für das Land durchschnittlichen Temperaturen statt.

"Was würden Sie antworten", fragte DUH-Fachmann Friedrich provokativ, "wenn Ihnen der Hersteller sagt, die Bremsen würden leider unter zehn Grad nicht funktionieren, weil sie sonst kaputt gehen würden?"

mit Material von Reuters

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insgesamt 169 Beiträge
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    Seite 1    
1. Verkehrministerium?
petermeyer70 09.02.2016
Alles schön und gut, aber das hatten wir ja jetzt schön öfters, das unabhängige Vereine/Organisationen zu hohe Abgaswerte nachweisen. Sollte das eigentlich nicht die Aufgabe des Verkehrsministeriums bzw. des KBA's sein? Wollte Verkehrsminister Dobrindt das nicht alles Autos nachmessen lassen? Wo sind die Ergebnisse? Bzw. von Dobrindt habe ich seit Monaten nichts mehr gehört...hat der keine Lust auf seinen Job? Naja, schon eine Frechheit, das wir als Steuerzahler solche Luftpumpen wie den Verkehrsminister und auch das KBA auch noch bezahlen müssen.
2. War klar,...
Sibylle1969 09.02.2016
... dass jetzt nach und nach andere Hersteller auffliegen. Es haben ja alle das Problem, dass eine effektive Abgasreinigung beim Dieselmotor zwar technisch möglich ist, aber ziemlich aufwändig, wenn es tatsächlich funktionieren soll.
3.
H-Vollmilch 09.02.2016
Es freut mich, das so Offensichtliches endlich zur Sprache gebracht wird und alle Herstelelr, die den Irrweg des Diesels gehen, endlich mal öffentlich am Pranger stehen. Der Anfang vom Ende des schmutzigen Diesels!
4.
gerd0210 09.02.2016
Audi, BMW, Citroën, Dacia, Fiat, Ford, Honda, Hyundai, Lexus, Mazda, Mercedes Benz, Mini, Mitsubishi, Nissan, Opel, Peugeot, Porsche, Renault, Seat, Skoda, Suzuki, Toyota, Volvo, VW... Ich hoffe, da keinen vergessen zu haben. Warum sollte einer von denen nicht mit Wasser kochen? Mich wundert bis heute nur die Aufregung. Alle haben eine Zulassung bekommen, auch VW in den USA.
5. Ganz ehrlich? Wer glaubt
static2206 09.02.2016
das diese schweren, überflüssigen Stadtpanzer (so werden sie nämlich meist von Prolls und SUV-Mamas gefahren) ihre Werte tatsächlich einhalten, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.
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