Fiat Mefistofele Rekordgeschoss mit teuflischem Verbrauch

Downsizing? Dafür hätte Ernest Eldridge nur Spott übrig gehabt. Der englische Rekordfahrer setzte auf Hubraum. Mit einem 21,7-Liter-Flugzeugmotor in einem Fiat-Rennwagen jagte Eldridge 1924 zum Geschwindigkeitsweltrekord. Und auch der Verbrauch war absolute Spitze.


Was für ein Motor! Die Kurbelwelle ist fast zwei Meter lang und knapp hundert Kilogramm schwer, jeder der sechs Zylinder ist beinahe vier Liter groß, und die Kolben haben das Format von Elefantenfüßen: Kein Wunder, dass dieses Kraftwerk für Rekordfahrten taugt. Das wusste auch Ernest Eldridge, ein Tempofanatiker, Rennfahrer und Pilot. Eldridge hatte seinen eigenen Rennstall am Rundkurs von Brooklands und kam irgendwann in den zwanziger Jahren billig an einen Fiat SB/4 von 1908.

"Mit dem Auto wollte Eldrige den Weltrekord für Straßenfahrzeuge brechen", sagt Raffaele Terlizzi, der die historische Sammlung von Fiat verantwortet. Dieser Plan jedoch war mit dem ursprünglich im Auto eingesetzten Vierzylindermotor - immerhin zehn Liter groß und 150 PS stark - kaum zu schaffen. Es musste ein anderes Aggregat her. "Mehr Leistung war damals nur mit mehr Hubraum zu bekommen", sagt Terlizzi. Heute geht die Motorenentwicklung exakt in die andere Richtung - um Sprit zu sparen, setzen die Entwickler auf Downsizing. Das ist der Fachbegriff, wenn Hubraum durch Aufladung und Direkteinspritzung ersetzt wird.

Eldrige konnte davon noch nichts ahnen. Er streckte mit Teilen eines ausrangierten Londoner Stadtbusses das Chassis und ersetzte den Vierzylinder nach der damals gängigen Praxis durch einen Flugmotor; ebenfalls ein Fiat-Aggregat, das für Kampfflugzeuge des ersten Weltkriegs entwickelt worden war: sechs Zylinder, 21,7 Liter Hubraum und 320 PS schienen ihm ideal für sein abenteuerliches Vorhaben.

Um den Motor herum einige Bleche, darunter ein Holzgestell, daran vier große Speichenräder sowie ein winziger Sitz, eine außen angeschlagene Schaltung und zwei Ketten für den Antrieb der Hinterachse - fertig war der Rekordwagen. Auf Nebensächlichkeiten wie Bremsen an der Vorderachse, Scheinwerfer oder Blinker hatte Eldrige verzichtet. Schließlich war der Fiat nur aus einem Grund gebaut worden: Tempo.

Schon beim ersten Versuch knackte Eldridge mit 230,55 km/h den bis dahin geltenden Bestwert. Doch der Triumph war nur von kurzer Dauer, denn ein Delage V12 mit 350 PS war noch einen Tick schneller. Außerdem musste Eldridge einen Rückwärtsgang nachrüsten - wie es das Rekord-Regelwerk vorschrieb. Dann war es so weit: Am 12. Juli 1924 jagte Eldridge auf einer langen Geraden bei Arpajon vor den Toren von Paris mit 234,98 km/h über die Messstrecke und ergatterte den begehrten Rekord: Er fuhr das schnellste Landfahrzeug der Welt.

Es war der letzte Temporekord auf einer öffentlichen Straße

Für Terlizzi, der die Bestleistungen des Mefistofele genannten Rekordwagens auf einer Messingtafel im Motorraum verewigt hat, gilt dieser Rekord übrigens bis heute. "Es war die letzte Rekordfahrt auf öffentlichen Straßen", sagt der Fiat-Historiker. "Alle nach Eldrige sind auf Flughäfen, Rennstrecken oder Salzseen gefahren. Das kann man nicht vergleichen." Offensichtlich unterscheidet der Mann auch zwischen Landstraße und Autobahn, denn dort erreichte 1938 Rudolf Caracciola eine Geschwindigkeit von 432 km/h.

Nach dem Rekord wurde der Wagen in England eingemottet und nur noch zu besonderen Gelegenheiten hervorgeholt - wie etwa zum Goodwood Festival of Speed. Dort habe ihn, so berichtet Terlizzi, in den siebziger Jahren Fiat-Patriarch Gianni Agnelli zum ersten Mal gesehen und entschieden: "Der Wagen muss zurück nach Italien." Für eine nicht bekannte Summe Bargeld und zwei Fiat 125 als Dreingabe kam der Rekord-Renner nach Turin in die Fiat-Sammlung. 2007 dann begann eine gründliche Restaurierung, und erst seit wenigen Monaten fegt der feuerrote Bolide wieder über die Teststrecke.

Sobald der Motor läuft, hüllen die Abgase Auto und Umstehende in eine dichte Wolke beißenden Qualms. Der Asphalt vibriert beinahe, der Lärm ist infernalisch, und aus dem Auspuff - groß wie ein Ofenrohr - schießen meterlange Flammen. Spätestens wenn der Fahrer aufs Gas tritt, ahnt man auch, wie der Wagen zu seinem Namen kam: Mefistofele nannten ihn die französischen Augen- und Ohrenzeugen der damaligen Rekordfahrt - den Teuflischen.

Ein Verbrauch von 200 Litern Benzin je 100 Kilometer

Terlizzi fuchtelt mit einem der acht Kilo schweren Kolben des Mefistofele, als nutze er ihn zum Hanteltraining. Dann zeigt er auf andere Bauteile, etwa die Ventile, die groß sind wie Zimmermannsnägel. Und gewaltig ist auch das Gewicht des Motors - 520 Kilogramm wiegt er. Das moderne Zweizylinder-Twinair-Triebwerk aus dem Fiat 500 mit 900 Kubikzentimetern Hubraum bringt lediglich 85 Kilogramm auf die Waage.

Auch beim Verbrauch sind die Unterschiede der beiden Fiat-Aggregate beachtlich. Terlizzi sagt: "Mit vier Litern Benzin kommt der Fiat 500 rund hundert Kilometer weit. Der Mefistofele fährt mit dieser Menge Sprit lediglich zwei Kilometer."



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
AntiGravEinheit 26.05.2011
1. Wer hat den größeren?
Sinsheim ;-) => http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,760586,00.html
Flightkit, 26.05.2011
2. Der Mundgeruch des Zeitgeists
Ich weiß, die Welt geht unter. Aschewolken-Phänomen. Solch ein Auto am Verbrauch festzumachen: da wabert wohl auch noch ein leicht pädagogisch motiviertes Anliegen. Gehört in die gerade gestartete Spiegel-Reihe gegen die Unvernunft: Große Autos verbrauchen viel. Für mich haben Autos eine emotionale Dimension. Zerstören wir diese, wird Deutschland sich noch hinter Griechenland wiederfinden.
Hugh, 26.05.2011
3. Penibles Zeichnen?
Alle Bilder zeigen ein sowohl -recht- gelenktes, als auch geschaltetes Fahrzeug, die technische Zeichnung, in deren Bildtext etwas von peniblen Zeichnen steht, zeigt aber eindeutig ein sowohl -links- gelenktes, als auch geschaltetes Fahrzeug.
r-le 26.05.2011
4. Prinzipiell würde ich Ihnen Recht geben, aber...
Zitat von FlightkitIch weiß, die Welt geht unter. Aschewolken-Phänomen. Solch ein Auto am Verbrauch festzumachen: da wabert wohl auch noch ein leicht pädagogisch motiviertes Anliegen. Gehört in die gerade gestartete Spiegel-Reihe gegen die Unvernunft: Große Autos verbrauchen viel. Für mich haben Autos eine emotionale Dimension. Zerstören wir diese, wird Deutschland sich noch hinter Griechenland wiederfinden.
...in diesem Fall dient das Ganze wohl eher der Vergleichbarkeit, was damals gemacht wurde, um das technisch maximal Mögliche zu erzielen. Der Artikel liest sich eigentlich objektiv. Es werden wohl eher der eine oder andere Forist wieder mit solchen Äußerungen auftauchen.
Somian 26.05.2011
5. Tempo-rekord?
Warum gilt der Rekord auf öffentlicher straße bis heute wenn man auf deutschen autobahnen gemütlich mit einem 3er BMW schneller fahren kann?
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