Fiats 1300 und 1500: Geschrumpfte Straßenkreuzer

In den Sechzigern Massenware, heute seltene Oldtimer: Die Fiats 1300 und 1500 waren beliebt zu ihre Zeit, gerieten aber schnell in Vergessenheit. Dabei war das Design der Italiener außerordentlich einfallsreich.

Seltene Oldtimer: Die Fiat-Modelle 1300 und 1500 mit ihren charakteristischen, leicht überdachten Frontscheinwerfern
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Seltene Oldtimer: Die Fiat-Modelle 1300 und 1500 mit ihren charakteristischen, leicht überdachten Frontscheinwerfern

Turin - Auch bei klassischen Automobilen gibt es eine Art Hackordnung: Da sind die edlen Sportwagen und Cabriolets vergangener Zeiten, die von Liebhabern gehegt und gepflegt werden. Dann gibt es die große Gruppe eher alltäglicher Autos, die irgendwie Kultstatus erreicht haben und deren Besitzer sich aufopfernd um sie kümmern. Und dann existieren Klassiker wie die beiden Fiats 1300 und 1500, die Massenware waren, als Oldtimer aber eine Rarität sind.

Sie wurden in den sechziger Jahren massenhaft produziert, galten als ebenso solide wie beliebt und könnten sogar als für ihre Zeit beispielhafte Autos stehen. Trotzdem gerieten sie schon nach wenigen Jahren vollkommen in Vergessenheit. Und bis heute ist es eher als Zufall anzusehen, wenn sich einmal jemand gerade einen der beiden kompakten Mittelklässler als Liebhaberobjekt ausguckt.

Ende April 1961 erschienen der 1300 und der 1500, von denen heute nur noch wenige Exemplare unterwegs sind - obwohl bis 1967 rund 600.000 Stück von den Bändern rollten. Vielleicht sind auch die Namen mit daran schuld, die das Erinnern nicht eben einfacher machen: 1300 und 1500 waren schlicht und einfach Hinweise auf die Hubräume der Motoren. Notwendig geworden waren die Modelle, weil nach der Einstellung des ebenfalls wenig einfallsreich benannten Fiat 1200 eine Lücke im Programm klaffte. Die große Fiat-Klasse mit dem 1800 und dem 2100 war für viele eine Spur zu teuer und zu voluminös.

Auch wenn die Namen der - von den Motoren abgesehen - baugleichen Neuen nicht auf allzu große Kreativität im Hause Fiat schließen lassen: Die Karosserie zeichnete sich durch außergewöhnliche Einfälle der Designer aus. Von vorne wirkte die italienische Limousine mit dem großen Kühlergrill wie ein geschrumpfter Straßenkreuzer aus US-Produktion. In der Seitenansicht entdeckten Kenner Ähnlichkeiten mit einem NSU Prinz oder mit der typischen Form von Booten.

Heckscheibe mit Überbau: Beim Fiat 1500 ragte das   Blech des Daches einige Zentimeter über die Glasscheibe hinaus
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Heckscheibe mit Überbau: Beim Fiat 1500 ragte das Blech des Daches einige Zentimeter über die Glasscheibe hinaus

Hinzu kam eine Reihe extravaganter Details. So stellten die Doppelscheinwerfer an der Front Anfang der sechziger Jahre durchaus eine Besonderheit dar. Als zusätzlichen Design-Gag waren sie mit einer kleinen Überdachung versehen worden. Das bedeutet, dass das Blech von Kotflügel und Motorhaube ein Stück nach vorn und über sie hinweg gezogen war. Diese Idee faszinierte die Autobauer wohl derart, dass sie sie am Heck und auch am Dach gleich noch einmal umsetzten. Die überstehende Blechfalze überragte die Heckscheibe am oberen Rand um einige Zentimeter und wirkte von der Seite wie ein Vorläufer eines der heute aktuellen Dachspoiler.

Tatsächlich handelte es sich dabei wohl jeweils um reine Formen-Spielerei. Denn nötig hatten die beiden Fiats derlei aerodynamische Maßnahmen zur Verbesserung des Anpressdrucks bei hohem Tempo kaum, auch wenn sie für ihre Zeit mit Höchstgeschwindigkeiten von 140 bis 165 Stundenkilometern flotte Fahrzeuge waren.

Die im Laufe ihrer Bauzeit je nach Modell 60 bis 80 PS starken Autos hatten einen Ruf als recht flinke Familienkutschen. Das galt besonders für das Topmodell der Baureihe. Dieses wurde nicht in Italien gebaut, sondern in Deutschland: bei der Deutschen Fiat AG in Heilbronn. Auf die Straßen kam es nach Angaben der in Mainz erscheinenden Zeitschrift "Oldtimer Markt" als Neckar 1500 TS beziehungsweise NSU/Fiat 1500 CT. Von der Tatsache, dass der 1300 und der 1500 immerhin einen Hauch von Sportlichkeit besaßen, zeugten die Fahrleistungen und - bei der deutschen Version - eine Knüppelschaltung statt des Schalthebels am Lenkrad.

Die Instrumentierung des Armaturenbretts mit dem schlichten Bandtacho ließ nur bedingt sportliche Gefühle aufkommen. Hinzu kam eine für damalige Verhältnisse geradezu üppige Komfortausstattung ab Werk. Zu dieser gehörten unter anderem ein abblendbarer Rückspiegel, Taschen in den Türverkleidungen und ein Aschenbecher. Als die Modellreihe im Laufe ihrer Bauzeit um weitere Varianten ergänzt wurde, hatte Fiat ohnehin nicht die sportliche Klientel im Visier.

Familienfahrzeug durch und durch: Den Motor aus   dem Fiat 1500 setzte das italienische Unternehmen auch in dem   größeren Modell 1500 L ein
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Familienfahrzeug durch und durch: Den Motor aus dem Fiat 1500 setzte das italienische Unternehmen auch in dem größeren Modell 1500 L ein

Ersten "Familienzuwachs" gab es schon Ende 1961: Den Limousinen wurde eine Kombiversion namens Familiare zur Seite gestellt. Im Jahr 1964 erschien dann die Limousine 1500 C. Sie bot unter anderem einen um acht Zentimeter verlängerten Radstand und damit mehr Platz im Innenraum.

Alles in allem repräsentieren der Fiat 1300 und der Fiat 1500 aber mehr als nur ein typisches Gebrauchsauto der sechziger Jahre. Die beiden Wagen stehen auch für den Wandel der Vorlieben in Hinblick auf das Autodesign. Ihre etwas barocken Formen zeugten noch vom Geschmack der späten fünfziger Jahre und waren zugleich mit verantwortlich für dessen Ende.

Denn in den ausgehenden Sechzigern kamen zunehmend jene sachlichen, unverschnörkelten Formen in Mode, die sich dann in den siebziger Jahren endgültig durchsetzen sollten. Genau diesem Ideal entsprach der neue Fiat 125, der im Frühjahr 1967 anrollte. Noch im selben Jahr wurde die Produktion seiner Quasi-Vorgänger 1300 und 1500 eingestellt, und ihr Weg in Richtung Vergessenheit begann.

Von Heiko Haupt, gms

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