Ford F-Serie Heavy Metal

Was für Otto Normalverbraucher der VW Golf, das ist für Joe Average die Ford F-Serie: Noch klarer als bei uns der Bestseller aus Wolfsburg dominiert der Pickup mit zuletzt 790.000 Zulassungen die US-Zulassungsstatistik. SPIEGEL ONLINE war mit dem "US-Golf" unterwegs.


Habib El Mawla muss zweimal nachfragen, bis er versteht was wir wollen. Denn das kommt dem freundlichen Verkäufer bei "Palm Springs Motors" dann doch etwas ungewöhnlich vor: Da kommen ein paar Autojournalisten aus Germany in das glamouröse Wüstennest und fragen nach einer Testfahrt? Schon dieses Anliegen scheint ihm eher ungewöhnlich. Doch dass wir dann aus dem riesigen Fuhrpark auf dem Hof des Ford-, Lincoln- und Mazda-Händlers auch noch einen Ford F-150 erbitten, müssen wir ihm schon genau erklären.

Fragte man nach einem Mustang oder einem Thunderbird, würde er es ja noch verstehen. Aber ein F-150? Der steht doch an jeder Straßenecke. Stimmt! Genau deshalb ist er ja so interessant für neugierige Europäer, die wissen wollen, wie sich "der Golf der Amerikaner" fährt. Schließlich behauptet der F-150 seit mittlerweile fast 30 Jahren unangefochten die Spitze des Pickup-Segments, das in den USA rund ein Fünftel des Gesamtmarktes ausmacht. Und zusammen mit den größeren Modellen F-250, F-350 und F-450 kam er zum Beispiel im vergangenen Jahr auf 790.000 Zulassungen. Auch dies bedeutet eine unangefochtene Führungsposition - und zwar in der US-Zulassungsstatistik. Auf Platz zwei rangiert mit dem Chevrolet Silverado (630.000) ebenfalls ein Pickup, erst auf Rang drei folgt mit dem Toyota Camry (450.000) die erste Limousine.

Den Stellenwert des F-150 für Ford erkennt man schon auf dem Parkplatz von "Palm Spring Motors", wo die Pickups in Reih und Glied aufgefahren sind. Während man Limousinen oder Vans fast suchen muss, stehen hier auf dem fussballfeldgroßen Hof so viele F-Trucks, dass El Mawla seine Kunden mit dem Golf-Karren zwischen den Vorführwagen umher kutschiert. Und an Fluktuation mangelt es nicht: "Pro Monat verkaufen wir rund 600 Autos", erzählt der Ford-Händler. Etwa jeder zweite davon sei ein Truck der F-Serie

Der größte Ford F misst 6,30 Meter

Mit der europäischen Vorstellung von einem Allerweltsauto hat der F-150 allerdings nur wenig gemein. Obwohl er der Kleinste in der Familie ist, stellt er alle gängigen Pkw aus Wolfsburg, Köln oder Rüsselsheim locker in den Schatten: 5,35 bis 6,30 Meter lang, zwei Meter breit und mehr als 1,90 Meter hoch, würde der Pritschenwagen, der modisch korrekt auf bis zu 20 Zoll großen Alurädern steht, auch einen VW Bus locker verdecken. Dazu gibt es ein stolzes Design, das unverhohlen mit den Muskeln protzt und beim riesigen Kühlergrill auf den ewigen Charme glänzenden Chroms setzt. Innen dagegen ist zumindest das Basismodell des F-150 grau und trist wie so viele andere US-Fahrzeuge – aber immerhin hat man in der Kabine reichlich Platz: Für jede Sitzreihe gibt es zwei Türen, und drinnen locken vorn wie hinten drei Plätze, die kuschelig aneinander gerückt sind.

Unter der Haube steckt schon beim kleinsten Modell ein Motor, der in Deutschland Sportfahrer und Tankwarte gleichermaßen erfreuen würde. Schließlich gibt sich Ford nicht mit banalen Vierzylindern ab. Nein, was da nach dem Drehen des Zündschlüssels bollert wie ein Hafenschlepper ist ein V6 mit stolzen 4,2 Litern Hubraum, der über eine vierstufige Automatik, die per Lenkradhebel bedient wird, 202 PS und 260 Nm an die Hinterachse oder auf Wunsch auch an alle vier Räder schickt. Das klingt zwar gewaltig, doch weil der F-150 ein Dickschiff ist und sich auch ungefähr so präzise steuern lässt, erlebt man die Leistung eher selten – zumal die Tempolimits ohnehin davor sind.

Extremversion mit V10-Dieselmotor und 362 PS

Doch wer möchte, kann durchaus die Motormuckis spielen lassen. Denn als zweiten Motor bietet Ford einen V8 mit 4,6 Litern Hubraum und 248 PS an, und im Top-Modell arbeitet gar ein 5,4-Liter-V8, der es auf 300 PS bringt. Selbst dann ist der F-150 allerdings ein Waisenknabe gegen den neuen F-450 Super Duty, den Ford unter lautstarker Heavy-Metal-Beschallung unlängst auf der Motorshow in Detroit enthüllte.

Das neue Flaggschiff mit Zwillingsreifen auf der Hinterachse und einem größeren Grill als die McDonald’s Filiale in Chicago ist 6,65 Meter lang, kann drei Tonnen laden und maximal zwölf Tonnen an den Haken nehmen. Unter der riesigen Haube gibt es zwar auch einen Dieselmotor. Aber schon der sprengt mit 6,4 Litern Hubraum, 350 PS und 650 Nm die Vorstellungskraft. Und wie sich ein V10 mit 6,8 Litern Hubraum und 362 PS fährt, wollen wir angesichts der Erdölreserven besser nicht wissen.

Doch allen Unterschieden zwischen dem Golf und dem F-150 zum Trotz gibt es über die Marktdominanz hinaus noch eine weitere Gemeinsamkeit: Den Preis. Zwar kann man für einen Super-Duty-Truck im edlen Ledertrimm, mit hochgezüchtetem Sportmotor oder in der Harley-Davidson-Edition 80.000 Dollar und mehr ausgeben, sagt El Mawla und stellt den Laster damit auf ein Niveau mit der Mercedes S-Klasse, deren Preis in den USA bei rund 86.000 Dollar beginnt. Doch das günstigste F-Modell ist schon für weniger als 20.000 Dollar zu haben. Nach aktuellem Kurs wären das nicht einmal 15.000 Euro - und damit liegt der Ford F-150 sogar unter dem Einstandspreis eines VW Golf.



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