Ford Model T Und Lizzy knattert immer noch

Erdacht wurde das Automobil 1886 von Carl Benz - zum zweiten Mal erfand es Henry Ford 1908. Vor 100 Jahren stellte der Amerikaner das legendäre Model T auf die Räder. Mit diesem Wagen begann die Massenmotorisierung - SPIEGEL ONLINE ließ es noch mal fahren.

Aus Bendestorf berichtet Jürgen Pander


Raimund Grosser, der sich bei Ford um die Testwagenflotte kümmert, hat keine Mühe, das perfekt restaurierte Ford Model T aus dem Baujahr 1914 zu starten. Den Gashebel rechts am Lenkrad ein wenig verschieben, den Zündversteller links am Lenkrad ebenso, dann durch die Beifahrertür aussteigen (die Tür auf der Fahrerseite ist nur eine Attrappe) und die Kurbel, die unterhalb des Kühlers hervorragt, zwei-, dreimal kräftig drehen. Tack-tack-tack - schon läuft der Motor.

Schwarz glänzt der Lack, golden der Messingkühler, und hellbraun schimmern die Speichen der Holzräder. Der 2,9-Liter-Vierzylindermotor schnurrt jetzt zufrieden vor sich hin. Grosser klettert wieder auf den Fahrersitz, greift zum hölzernen Lenkrad und tritt auf eines von insgesamt drei Pedalen im Fußraum. Jetzt ist der erste Gang eingelegt und eine Art Zeitreise kann beginnen. Zurück in jene frühen Tage des Automobils, als die knatternden Kisten schier unbezahlbare und meist sehr exzentrische Luxusprodukte waren. Bis zu Henry Ford und seiner Idee, ein "einfaches Gebrauchsauto für Jedermann" zu bauen.

Der Ingenieur und Erfinder, der unter anderem bei der Illuminating Company seines Freundes Thomas Alva Edison sein Handwerk erlernt hatte, gründete 1903 in Detroit die Ford Motor Company. Es folgten mehr als ein Dutzend unterschiedlicher Automodelle - hübsch der Reihe nach bezeichnet nach den Buchstaben des Alphabets -, ehe im Oktober des Jahres 1908 das allererste Ford Model T fertig war. Ein Einfach-Auto mit einem Leiterrahmen aus vernieteten Stahlprofilen, mit dem schon erwähnten 20-PS-Motor, mit Deichselachsen, Blattfedern und einem Zweigang-Planetengetriebe.

Jeder Schmied konnte die schlichte Technik reparieren

Es gab keine Kupplung, keine Wasser- oder Benzinpumpe, keinen Ölfilter und keinen Ölpeilstab. Genau so wollte es Henry Ford, denn das Auto sollte so robust und zuverlässig wie möglich werden, und falls doch ein Defekt auftrat, dann sollte er von jedem Schmied behoben werden können. Autowerkstätten im heutigen Sinn gab es ja noch nicht.

Der wirkliche Grund aber, warum ausgerechnet das Ford Model T zum ersten Massenfahrzeug avancierte, war ein anderer: 850 Dollar kostete das Auto im ersten Jahr. Das entsprach etwa dem Zweieinhalbfachen des damaligen Pro-Kopf-Jahreseinkommens in den USA und war damit ein erstaunlich günstiger Preis. Und es kam noch besser, denn mit zunehmender Rationalisierung der Fertigung, ganz besonders nach Einführung der Fließbandproduktion für das Model T im Jahre 1914, senkte Ford sukzessive den Preis. In den zwanziger Jahren kostete der Wagen nur noch 370 Dollar.

Anfangs verdoppelte sich die Produktion jedes Jahr

Die Nachfrage entwickelte sich rasant. Bereits 1909, im ersten kompletten Verkaufsjahr, stellte Ford rund 10.600 Exemplare des Model T her. Im gleichen Jahr wurden im Deutschen Reich von damals rund 50 Autofabrikanten insgesamt 9.444 Fahrzeuge gefertigt. Und noch stand die Karriere des bald Tin-Lizzy - zu deutsch etwa Blechliesel - genannten Allzweckfahrzeugs ja am Anfang.

Mit der Einführung der Fließbandmontage im Januar 1914 verkürzte Ford die Fertigungszeit auf 93 Minuten pro Auto und steigerte die Jahresproduktion auf mehr als 200.000 Exemplare. Henry Ford hatte die Idee, den Wagen an Montagebändern an den Arbeitern vorüberrollen zu lassen, während sie ein weiteres Bauteil hinzufügten, angeblich nach einem Besuch im Schlachthof von Chicago. Dort sollen ihn die Rinderhälften, die an Hängebahnen durch die Hallen schwebten, zu dieser wegweisenden Produktionsmethode inspiriert haben.

Mit dem Beginn der Fließbandfertigung - an guten Tagen sollen bis zu 9000 Autos die Fabrik verlassen haben - wurde die Farbauswahl für die Karosserie des Model T drastisch eingeschränkt. Es gab den Wagen nur noch in Schwarz. Der wichtigste Grund dafür war, dass der schwarze Lack am schnellsten trocknete und dadurch ein weiteres Detail im ständigen Bemühen um noch größere Rationalisierung war.

Mehr als 15 Millionen Model T wurden gebaut

Große Variationen gab es dagegen bei den Aufbauten. Das Ford Model T wurde als Coupé und Limousine, als zweisitziges Runabout-Cabriolet, geschlossene Tudor-Limousine oder Kleinlastwagen ausgeliefert. Immer wieder gab es auch kleinere Neuerungen und Verbesserungen am Auto selbst. Ab 1915 zum Beispiel erhielten die Fahrzeuge eine elektrische Beleuchtung. Zuvor versorgte ein kleiner Außentank an der Fahrerseite die Scheinwerfer mit Acetylen-Gas, das von Hand mit einem Streichholz entzündet werden musste, um dem Wagen in die Dunkelheit vorauszuleuchten.

Bis 1927, als die Produktion eingestellt wurde, baute Ford mehr als 15 Millionen Exemplare des Model T. Das Auto hatte die Massenmotorisierung eingeleitet und den Wohlstand breiterer Bevölkerungsschichten mitbegründet. Nun verlangten die Kunden zunehmend modernere, elegantere, anspruchsvollere Autos. Das Ford Model T hatte die Nachfrage nach einem bezahlbaren Einstieg ins Autofahrerdasein befriedigt - und sich so nach und nach selbst überflüssig gemacht. Heute allerdings ist es ein großes Vergnügen und ein höchst exklusives Erlebnis, wie vor hundert Jahren in ein Auto zu klettern, an mehreren Hebeln zu hantieren und dann loszuknattern, als sei die Zeit stehengeblieben.



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