Forschungsprojekt "Brain-Driver" Kopf denkt, Gehirnstrom lenkt

Mit den Gedanken auf Reisen gehen - wenn Henrik Matzke das sagt, dann meint er das wörtlich. Denn der Student ist ein sogenannter Brain-Driver in einem Forschungsprojekt der FU Berlin und steuert einen VW Passat mit seinen Gehirnströmen - bislang aber nur auf abgesperrtem Terrain.

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Tom Grünweg

Gegen Henrik Matzke ist Uri Geller ein Waisenknabe. Der israelische Mental-Artist konnte seinen Zuschauern zwar die Illusion vermitteln, allein durch Konzentration und Willenstärke Löffel verbiegen zu können. Doch der Berliner Student steuert mit der Kraft seiner Gedanken tatsächlich ein Auto - und zwar nicht nur im Fernsehstudio, sondern ganz ohne Tricks. Heute zum Beispiel auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen in Berlin.

Dort sitzt er am Steuer eines VW Passat, nimmt demonstrativ die Füße von den Pedalen und die Hände vom Lenkrad. Trotzdem fährt der Wagen Kurven, beschleunigt oder verzögert. Dabei folgt er nicht eingespeicherten Mustern -Matzke chauffiert vielmehr genau dorthin, wohin er will. "Jetzt links", ruft sein Chef vom Rücksitz und Matzke kneift die Augen ein wenig zusammen und konzentriert sich. Und wirklich: der Passat ändert die Richtung. "Schneller", der Wagen zieht an, "langsamer" und spürbar greifen die Bremsen. "Dabei sind die einzige Verbindung zwischen Auto und Fahrer dessen Gedanken", erläutert der wissenschaftliche Mitarbeiter des Projekts, der Hirnforscher Daniel Göhring vom Autonomos-Lab an der Freien Universität Berlin. Er hat einem Rechner auf dem Schoß und einem großen roten Knopf neben sich: "Notaus" - nur falls die Sache mit dem Gedankenlesen mal nicht klappt.

Für das Autofahren mit der Kraft der Gedanken nutzt Matzke weder Hypnose noch übersinnliche Phänomene - sondern ein vergleichsweise simple elektronische Mütze, wie sie auch Computerspieler aufsetzen. Ähnlich wie der EEG-Sensor des Arztes, aber mit einem Preis von nicht einmal 500 Euro viel billiger, erstellt sie ein Elektroenzephalogramm, erläutert Hirnforscher Göhring: Mit 16 Sensoren auf der Kopfhaut misst sie bioelektrische Wellen, sogenannte Hirnströme. So weiß sie, was Matzke denkt und übersetzt das in Steuerbefehle für das vergleichsweise seriennahe Auto. "Die Schnittstellen zur Bordelektronik hat VW für uns geöffnet", sagt Göhring. Für alles andere genügten ein WLAN-Empfänger zur Kopplung von Rechner und Gehirnkappe, ein paar Stellmotoren und ein selbst geschriebenes Programm, das die Steuerung von Lenkung, Gas und Bremse modifiziert.

Vier Befehle reichen aus

Allerdings kann die Elektronik des Berliner Testwagens nicht wirklich Gedanken lesen, schränkt Göhring ein. Er erkenne vielmehr nur mit vier simple Befehle: rechts, links, beschleunigen oder verzögern. Stärke und Moment des Lenkeinschlags ermittele das Auto dann mit Hilfe von Kameras und Laser- sowie Radarsensoren selbst.

Doch Matzkes Aufgabe ist keineswegs so simpel, wie es zunächst klingt. Er musste den Computer solange trainieren, bis dieser das mit jedem einzelnen Befehl verbundene spezifische Muster der Gehirnströme wieder erkennen konnte. Dabei muss er gar nicht die Wörter rechts, links, schneller oder langsamer denken. Er könnte für jedes Kommando auch den Gedenken an eine Farbe oder eine Person hinterlegen. Wichtig ist nur, dass es immer das gleiche ist. "Denn jeder Gedanke erzeugt ein ganz charakteristisches, immer gleiches Bild an Gehirnströmen", erläutert Göhring. Sobald der Rechner diese erkennt, kann er reagieren und das Lenkrad ein wenig drehen, Gas oder Bremse bestätigen.

Dass der Chauffeur dabei weiter spricht, wild gestikuliert und die Mine seines Gesichts spielen lässt, stört die Elektronik nicht: "Das ist eine Art Grundrauschen, das wir einfach ausfiltern." Trotzdem muss sich Matzke natürlich konzentrieren, damit der Gedankenleser auch funktioniert. Sonst würde der Passat in dieser Versuchsandordnung stur weiter fahren, bis ihm der Sprit ausgeht - oder Göhring den roten Knopf drückt. Deshalb wirkt Matzke am Ende einer Testrunde auch ausgelaugt wie nach einer langen Mathe-Klausur.

Dass der Student überhaupt den Job als "Brain Driver" bekommen hat, verdankt er einem glücklichen Zufall: Er ist einer der wenigen, bei denen die Gehirnkappe verwertbare Ergebnisse liefert. "Wir mussten im Projekt zwölf Mitarbeiter testen, bis wir den ersten gefunden haben, bei dem es funktioniert," erläutert Patrick Vogel aus der Geschäftsführung des Instituts. Und auch Matzke musste lange am Rechner trainieren. Dass es bei vielen anderen - wie dem Autor dieser Zeilen übrigens auch - allenfalls für ein paar unkontrollierte Schlangenlinien reicht, liegt aber weniger an verschwommenen Gedanken, tröstet Göhring. Denn schon so banale Größen wie die Frisur und die Dicke der Haare oder die Leitfähigkeit der Kopfhaut können die Messung stören. "Und natürlich würde auch eine Kappe mit mehr Sensoren das Ergebnis verbessern", sagt der Wissenschaftler. Nicht umsonst arbeiten die Kommilitonen in der medizinischen Fakultät mit Masken, die über hundert Sensoren haben. Aber erstens wäre so eine Maske beim Autofahren ziemlich unbequem, und zweitens würden sie das mit Regierungsmitteln aufgefüllte Forschungsbudget über Gebühr belasten.

Brain-Driver ist erst der Anfang

Der Brain-Driver ist zwar ein faszinierendes Projekt. Aber er macht nur einen kleinen Teil der Forschungsarbeit am Autonomos-Lab aus. Schon seit fünf Jahren tüftelt das Institut am autonomen Auto. Das soll seinen Weg zum Ziel irgendwann ganz ohne den Fahrer finden und bräuchte deshalb eigentlich auch keine Gehirnsteuerung, erläutert Vogel und verweist auf die Ausstattung des Prototypen: Er sieht mit einem runden Dutzend Kameras, Laser- und Radarsensoren und denkt mit einem Kofferraum voll Elektronik. Das macht der Passat schon fast so gut wie sein Vorbild "Junior", mit dem ein Team von VW und der Stanford Universität 2007 die " Urban Challenge" gewonnen hat. Die Wissenschaftler hatten es geschafft, einen Tag lang autonom durch simulierten Stadtverkehr zu kreuzen.

Doch auch wenn der Berliner Wagen technisch schon jetzt seinen Weg durch die Hauptstadt finden könnte, während der Fahrer im Internet surft, wollen die Forscher den Menschen nicht ganz ausmustern. "Irgendwie muss man seinem Fahrzeug ja mitteilen, ob man an der nächsten Kreuzung links oder rechts abbiegen will", sagt Vogel und erklärt damit Matzkes Gedankenspiele. Denn der Griff zum Lenkrad erscheint den Forscher dafür dann offenbar doch zu profan. "Brain Driver" Matzke hält es dagegen, ein wenig freier formuliert, lieber mit dem Aufklärungs-Philosophen René Descartes: Ich lenke, also bin ich.



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
khid 13.05.2011
1. Überflüssiger, gefährlicher Quatsch!
Zitat von sysopMit den Gedanken auf Reisen gehen - wenn Henrik Matzke das sagt, dann meint er das wörtlich. Denn der Student ist ein sogenannter Brain-Driver in einem Forschungsprojekt der TU Berlin und steuert einen VW Passat mit seinen Gehirnströmen - bislang aber nur auf abgesperrtem Terrain. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,762184,00.html
Nein, ich bin kein Zukunftshasser - ich bin sogar ein ausgesprochener Technik-Fan; aber: Alles hat seine Grenzen! Interessant ist die Sache zwar schon - nur: Wozu das Ganze? Es gibt so viele "kranke Hirne" auf der Welt - die möchte ich lieber mit den Händen am Lenkrad wissen mit dem sie noch merken, was sie tun - anstatt dass deren Gedanken freie Fahrt hätten! In Zeiten von GPS-Navigation, Radarsensoren zur Abstandsmessung und überfüllten Verkehrswegen sehe ich die Zukunft des Autofahrers eher als Auslaufmodell das nur noch auf Wunsch in bestimmten, "einfachen" Situationen selbst Hand an die Steuerung eines Autos legen darf! Eine Gedankensteuerung halte ich für vollkommen überflüssig! Es dürfte reichen dem Auto der Zukunft zu sagen! wohin man fahren will - und evtl. noch, wann man dort ankommen möchte! Den Rest erledigt dann das Auto als vernetzte Einheit des Verbundes aller im Verkehr befindlichen Fahrzeuge! Ähnlich einer Ameisenstraße oder eines Vogelschwarms sucht sich das System dann den idealen Weg zum Ziel! Individualverkehr 2.0 könnte so aussehen - und bereits auf "Hirnströme" zur Steuerung verzichten! Dennoch kann ich der Forschungsarbeit etwas abgewinnen - wenn auch nicht im Bezug zum Autofahren sondern vielmehr im Bezug zur Hilfe für Behinderte! Menschen mit körperlichen Behinderungen oder gar auch geistigen könnten mit Hilfe der Gehirnsteuerung Computer bedienen, Texte schreiben (E-Mails, etc.), Haustechnik, Haushaltsroboter, etc.! Vielleicht bekommt man dafür aber nicht die Forschungsgelder, die man braucht - aber wenn´s um´s Auto geht ist die deutsche Wirtschaft und Politik ja meist spendabler...
manni-two 13.05.2011
2. was soll besser werden mit Gehirnstrom
heute : Kopf denkt,Arme lenken,Füße geben Gas oder bremsen,solange das "Denken" nicht anders wird gibt es täglich 11 Tote.
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