Forschungsprojekt KESS: Jede Beule hat ihren Sound

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Wie kam der Kratzer in den Lack? Bagatellschäden sorgen beim Leihen eines Mietwagens oder beim Carsharing oft für Frust. Bald soll ein neues Überwachungssystem helfen. Es registriert selbst kleinste Beulen, wenn sie verursacht werden, und alarmiert automatisch die Zentrale.

Es hätte so ein schöner Wochenendausflug werden können. Eben hat man sich noch darüber gefreut, dass es für den Mietwagen ein Upgrade gab. Und jetzt dotzt irgendjemand auf dem Parkplatz das Auto an und macht sich aus dem Staub. So erholsam die zwei Tage im Süden auch waren: Mit der Selbstbeteiligung und dem ganzen Papierkram beim Autovermieter ist das Wochenende verdammt teuer bezahlt.

Das hat mittlerweile auch die Wissenschaft erkannt: "Vor allem Bagatellschäden führen bei Miet- oder Carsharing-Fahrzeugen immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Kunden und Anbietern - ein Ärgernis, das eine Wachstumsbremse für künftige Mobilitätskonzepte darstellt", schimpft Professor Karl-Ludwig Krieger, der Leiter der Forschungsgruppe "Elektronische Fahrzeugsysteme" der Universität Bremen.

Geht es nach Thomas Niemann, könnte sich solcher Ärger bald erledigt haben. Niemann ist Entwicklungschef beim Automobilzulieferer Hella in Bremen und forscht gemeinsam mit Krieger und seinen Studenten am elektronischen Dellen-Detektiv.

Wie klingt eine Beule?

Offiziell heißt das Projekt "Konfigurierbares elektronisches Schadenidentifikationssystem" (KESS)" und meint eine Technologie, die permanent über die Unversehrtheit der Karosserie wacht, mögliche Schäden protokolliert und diese umgehend weitermeldet.

Dabei setzen die Wissenschaftler auf sogenannte piezoelektrische Folien, die wie Mikrofone permanent mithören und einen Schaden am Geräusch erkennen. An wichtigen Knotenpunkten der Karosserie sollen eine Handvoll dieser Sensoren auf die Rückseite von Blech und Kunststoffteilen geklebt und dann mit einer Steuereinheit verbunden werden.

Diese analysiert die Köperschallwellen, vergleicht die Signalverläufe mit gespeicherten Werten und kann so ein Schadensereignis herausfiltern und dem jeweils betroffenen Bauteil zuordnen, erläutert Niemann: "Eine Beule am Kotflügel klingt anders als ein Kratzer auf der Motorhaube oder eine Verformung, die man an der Tür in das Blech drückt und die dann von selbst wieder herausspringt."

Die Sensoren erkennen selbst Kratzer sofort

Sobald die Elektronik eine Delle detektiert, wird das samt Fahrzeugdaten und möglicherweise auch der GPS-Position des Wagens automatisch an die Zentrale des Miet- oder Carsharing-Unternehmens übertragen. Noch bevor das Auto zurück ist, kann der Schaden so protokolliert und eine Reparatur vorbereitet werden.

Der Fahrer kann nachweisen, dass bei einem Schaden am stehenden Fahrzeug wohl Fremdverschulden vorliegt. Versteckte Vandalismusschäden bleiben nicht mehr unentdeckt. In gravierenden Fällen kann man eine Fahndung nach dem Fahrerflüchtigen einleiten. Und beim Mietvertrag für den nächsten Kunden ist der Vorschaden bereits protokolliert. "In einem dunklen Parkhaus ums Auto gehen und nach Kratzern suchen, kann man sich dann schenken", sagt Niemann.

Bislang ist KESS nur ein Forschungsprojekt. Doch gemeinsam mit dem Carsharing-Anbieter Cambio aus Bremen wollen die Entwickler jetzt in den Feldversuch gehen. "Wir rüsten demnächst die ersten 20 Fahrzeuge aus und erproben das System in den nächsten zwei Jahren", sagt Niemann.

Wenn es sich dort bewährt, sollte die Serienumsetzung relativ schnell gelingen. Außerdem denken Niemann und seine Kollegen auch schon an eine Lösung für die Erstausrüstung direkt bei der Produktion des Wagens sowie an Anwendungen bei der Sicherung teurer Ladung oder empfindlicher Fahrzeugteile wie der Batterien von Elektroautos.

Allerdings müssen die Entwickler vor allem für den Einsatz bei Carsharing und Mietwagen noch am Preis arbeiten. "Denn mehr als 100 Euro darf das Nachrüst-Set später nicht kosten", sagt Projektleiter Niemann. "Sonst zahlt man besser gleich die Selbstbeteiligung."

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Wir beschäftigen uns selbst
Zeugma 17.07.2012
Zitat von sysopimago Wie kam der Kratzer in den Lack? Bagatellschäden sorgen beim Leihen eines Mietwagens oder beim Carsharing oft für Frust. Bald soll ein neues Überwachungssystem helfen. Es registriert selbst kleinste Beulen, wenn sie verursacht werden und alarmiert automatisch die Zentrale. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,844320,00.html
Na, das ist ja mal ein Musterbeispiel von "Wir definieren ein Problem und beschäftigen ganz viele Leute damit, es zu beheben." Eine gewaltige Minimierung von "Schäden" würde man schon erreichen, wenn man Stoßstangen und (wie bei vielen Wagen) sogar seitliche Rammschutzleisten einfach nicht lackieren würde! Dagegen sind die Bürger von Schilda ja richtig vernünftig. Aber da lebt halt eine ganze Branche davon. Selbst kleinste Lackkratzer an der Stostange kosten schnell einen knappen 1000er. Es bezahlt die Solidargemeinschaft der Kfz-Versicherten, deshalb regt sich der einzelne nicht auf. Es wird der große Topf aufgemacht und eine ganze Branche lebt davon. Klar, das ist halt auch nur eine Form von Wirtschaftsförderung und -subventionierung. Im übrigen halte ich Kratzer und Dellen aufgrund von Kontakten des Autos mit irgendwas für hinzunehmende Verschleißerscheinungen und damit normale Abnutzung des Vermietgegenstandes. Das Mietentgelt ist nach dem Konzept des BGB übrigens auch gerade dafür ein Äquivalent, nicht nur für die reine Gebrauchsüberlassung. Das scheinen die Autovermieter bewusst zu ignorieren - wie auch gerne und oft Wohnungsvermieter es tun. Aber im Autoland Deutschland ist die Kiste eine heilige Kuh, eine unberührbare außerdem. Da steht man schnell mit einem Fuß im Knast, wenn man irgendwo gegen stößt. Andere Nationen lächeln darüber mitleidig. Schon mal in Paris gewesen und eingeparkt? Deutschmichels Alptraum!
2. Nachtrag
Zeugma 17.07.2012
Statt unlackierte Stoßstangen zu verbauen, die ich als Laternenparker sehr schätzen gelernt habe, entwickelt die tolle Autoindustrie lieber Mit Ultraschallsensoren arbeitende Einparkhilfen. Ganz toll, solche "Innovationen". Erst simpelste Funktionalitäten - leichtes Anstoßen ist für heutige Stoßstangen eigentlich völlig unproblematisch - durch den Lackauftrag verunmöglichen bzw. dafür eine Schadensfolge schaffen und sich dann technsich recht aufwändige Lösungen überlegen, das wiederum zu verhindern. Es ist wirklich irre. Und dann noch gutes öffentliches Geld für solche fragwürdige Förderprojekte aus dem Fenster zu werfen als gäbe es dafür keine sinnvolleren Verwendungen ...
3. Stoßstangen würden helfen
ironman 17.07.2012
Sensoren helfen die "Rempler" besser zu analysieren, packen das Problem aber nicht an der Wurzel. Bessere Einparkhilfe rund ums Auto würden Vermeiden helfen. Und auch kann ich mich an Zeiten erinnern wo Autos noch Stoßstangen hatten. Ein kleiner Rempler auf der Gummileiste war nicht so dramatisch. Heute gibt es am Auto zwar etwas, was sich Stoßfänger nennt, aber der ist mit einem hochempfindlichen Lack versehen und die Unterkonstruktion verformt sich dermaßen, daß sehr schnell teure Schädenentstehen.
4. Mach ich auch so
waldgänger 17.07.2012
Zitat von ZeugmaNa, das ist ja mal ein Musterbeispiel von "Wir definieren ein Problem und beschäftigen ganz viele Leute damit, es zu beheben." Eine gewaltige Minimierung von "Schäden" würde man schon erreichen, wenn man Stoßstangen und (wie bei vielen Wagen) sogar seitliche Rammschutzleisten einfach nicht lackieren würde! Dagegen sind die Bürger von Schilda ja richtig vernünftig. Aber da lebt halt eine ganze Branche davon. Selbst kleinste Lackkratzer an der Stostange kosten schnell einen knappen 1000er. Es bezahlt die Solidargemeinschaft der Kfz-Versicherten, deshalb regt sich der einzelne nicht auf. Es wird der große Topf aufgemacht und eine ganze Branche lebt davon. Klar, das ist halt auch nur eine Form von Wirtschaftsförderung und -subventionierung. Im übrigen halte ich Kratzer und Dellen aufgrund von Kontakten des Autos mit irgendwas für hinzunehmende Verschleißerscheinungen und damit normale Abnutzung des Vermietgegenstandes. Das Mietentgelt ist nach dem Konzept des BGB übrigens auch gerade dafür ein Äquivalent, nicht nur für die reine Gebrauchsüberlassung. Das scheinen die Autovermieter bewusst zu ignorieren - wie auch gerne und oft Wohnungsvermieter es tun. Aber im Autoland Deutschland ist die Kiste eine heilige Kuh, eine unberührbare außerdem. Da steht man schnell mit einem Fuß im Knast, wenn man irgendwo gegen stößt. Andere Nationen lächeln darüber mitleidig. Schon mal in Paris gewesen und eingeparkt? Deutschmichels Alptraum!
Kratzer und Dellen an Plastikteilen sind mir an meinem Auto egal. Normale Abnutzung halt. Wenn es das Blech betrifft, gehe ich kurz mit einem Pinsel mit Lack drüber damit es nicht zu rosten anfängt. Leider schmälert das den Wiederverkaufswert. Ich fahre aber meine Autos sowieso bis kurz vor dem Ende der technischen Lebensdauer.
5.
sinhamoca 17.07.2012
Zitat von ZeugmaNa, das ist ja mal ein Musterbeispiel von "Wir definieren ein Problem und beschäftigen ganz viele Leute damit, es zu beheben." Eine gewaltige Minimierung von "Schäden" würde man schon erreichen, wenn man Stoßstangen und (wie bei vielen Wagen) sogar seitliche Rammschutzleisten einfach nicht lackieren würde! Dagegen sind die Bürger von Schilda ja richtig vernünftig. Aber da lebt halt eine ganze Branche davon. Selbst kleinste Lackkratzer an der Stostange kosten schnell einen knappen 1000er. Es bezahlt die Solidargemeinschaft der Kfz-Versicherten, deshalb regt sich der einzelne nicht auf. Es wird der große Topf aufgemacht und eine ganze Branche lebt davon. Klar, das ist halt auch nur eine Form von Wirtschaftsförderung und -subventionierung. Im übrigen halte ich Kratzer und Dellen aufgrund von Kontakten des Autos mit irgendwas für hinzunehmende Verschleißerscheinungen und damit normale Abnutzung des Vermietgegenstandes. Das Mietentgelt ist nach dem Konzept des BGB übrigens auch gerade dafür ein Äquivalent, nicht nur für die reine Gebrauchsüberlassung. Das scheinen die Autovermieter bewusst zu ignorieren - wie auch gerne und oft Wohnungsvermieter es tun. Aber im Autoland Deutschland ist die Kiste eine heilige Kuh, eine unberührbare außerdem. Da steht man schnell mit einem Fuß im Knast, wenn man irgendwo gegen stößt. Andere Nationen lächeln darüber mitleidig. Schon mal in Paris gewesen und eingeparkt? Deutschmichels Alptraum!
Sie sprechen mir aus der Seele! Es gibt Länder, in denen ein relativ großer jurisitischer/gerichtlicher Aufwand betrieben wird wg. "Verstößen" gegen Angelegenheiten von religiöser - z.B. islamischer - Relevanz; dies wird dann im demokratischen Musterländle D'land kritisiert. Dabei gehört das von Ihnen angesprochene Verhalten der deutschen Justiz beim Auftreten eines Autolackschadens in genau die gleiche Kategorie von religiösem Fanatismus. Konkret: Die Verursachung eines Lackschadens, der u.U. ohne Lupe nur erahnt werden kann, ist in D'land juristisch gleichgestellt mit der Gefährdung von Leib und Leben 100er von Mitmenschen durch Trunkenheit am Steuer. Noch ein Gedanke dazu: Wenn die kostspielige Behebung von Autolackschäden wirklich von so großer Relevanz sein sollte, wie das in Deutschland häufig dargestellt wird, dann wäre die billigste und pragmatischste Lösung die, Versicherungen zu verpflichten, jeden derartigen Schaden einfach ohne weitere Diskussion zu bezahlen - das käme nämlich ungleich billiger als das Bezahlen dieser Schäden PLUS Polizeieinsatz PLUS Einschaltung von Gerichten und Staatsanwälten PLUS Rechtsanwälten PLUS Gutachtern
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