Erlkönig-Jagd am Polarkreis Eiskalt erwischt

Einst waren Erlkönig-Fotografen Stars, für ihre Schnappschüsse geheimer Automodelle erhielten sie fürstliche Honorare. Heute setzt ihnen die Handy-Fotoflut zu - und Bilder, die die Hersteller selbst veröffentlichen. Unterwegs mit zwei Prototypenjägern in der Wildnis Schwedens.

Andreas Conradt

Aus Arjeplog berichtet


Andreas Conradt starrt durch die Windschutzscheibe seines Kompakt-SUV. Die Wolken hängen tief über den Nadelbäumen in Arjeplog, einer Gemeinde südlich des Polarkreises. Vor ihm fährt ein schwarzes, unförmiges Etwas. "Sieht aus wie eine getarnte C-Klasse", sagt Guido ten Brink, Conradts Kollege, der in schwarzer Daunenjacke neben ihm sitzt. Er greift reflexartig nach hinten. Auf der Rückbank liegen Kameras, jede so teuer wie ein gebrauchter Kleinwagen. Eis bedeckt die Straße. Sanft gibt Conradt Gas, dann ereilt ihn das Kommando: "Das ist keine C-Klasse. Andreas, gib Gummi!"

Die C-Klasse, die im März Premiere beim Händler feiert, ist für diese Männer schon abgeschrieben. Conradt und ten Brink sind Erlkönig-Fotografen - ein Job, der auszusterben droht. Druck kommt von allen Seiten: der Industrie, den Medien und von Allzeit-bereiten-Smartphone-Nutzern, die mit ihrem Handy alles knipsen. Am meisten kämpfen die Männer aber gegen die heutige Zeit.

"Ah, das ist das S-Klasse Coupé", stellt Conradt fest, ten Brink legt die Kamera zur Seite. Zwei Kilometer außerhalb des Ortskerns von Arjeplog erkennen die beiden das unbekannte Objekt. Der Wagen steht als Premiere auf dem kommenden Autosalon in Genf. Bilder davon gibt es bereits reichlich. "Komm, wir machen erst einmal unsere übliche Runde", muntert Conradt den Kollegen auf.

Schwarze Punkte wimmeln über das Eis

Täglich klappern die beiden Fotografen die Testzentren der großen Autobauer und Zulieferer in Arjeplog ab. Im Winter ist die menschenarme Gemeinde in Nordschweden das Mekka der Autoindustrie. Auf den Seen wimmeln von Januar bis Ende März Massen schwarzer Erlkönig-Punkte über das Eis. Die Bedingungen, um dort neue Fahrzeugmodelle zu testen, sind nahezu ideal. Monatelang Temperaturen unter Null, Abgeschiedenheit und kilometerlange, menschenleere Straßen.

"Schmeißfliegen", schimpfen einige die Erlkönig-Jäger in der Autobranche. Falls Bilder von ihnen in den Medien auftauchen, fürchten die Konzerne um ihren Absatz: "Man läuft Gefahr, dass der Verkauf der aktuellen Modelle erschwert wird", klagt ein Sprecher von Daimler. Zudem missfällt den PR-Profis offenbar die unretuschierte Optik auf den hektisch geschossenen Bildern.

Irgendwann fingen sie deshalb an, selber Fotos von hübsch inszenierten Prototypen zu lancieren. "Wenn man sicher von Abschüssen ausgehen muss, ist es zuweilen sinnvoll, perspektivisch günstige Fotos von Versuchsfahrzeugen vorab anzubieten", erklärt der Daimler-Sprecher. Hinzu kommt, dass Prototypen es auch seltener nach Draußen schaffen. In frühen Entwicklungsphasen simulieren die Autobauer zunehmend Fahrzeugeigenschaften am Computer. Für Fotografen sinkt damit die Chance auf einen Abschuss.

Früher gab es bis zu 50.000 Mark pro Auto

Der Himmel trägt hellgrau, durch die Wolken dringt kaum Sonne. "Das Licht ist ein Desaster", klagt ten Brink. Normalerweise sind die beiden mit dem Snowmobil unterwegs, doch weil die Fahrt durch den bei dieser Sicht konturlosen Schnee zu gefährlich ist, parkt ihr Snowmobil zu Hause in Arvidsjaur, knapp hundert Kilometer von Arjeplog entfernt. In der Nachbargemeinde unterhält Conradt für seine beiden Firmen Automedia und Carparazzi eine Wohnung. Die Logistik für ein Foto ist enorm.

Vor 25 Jahren startete Conradt als Fotolaborant in Hamburg. Zu den Kunden des Labors zählte der König der Erlkönig-Fotografen, Hans G. Lehmann. 1973 erwischte Lehmann den ersten VW Golf auf einer öffentlichen Straße in Spanien. Damals zahlten die Verlage mit bis zu 50.000 Mark pro Auto noch traumhafte Summen für exklusive Fotos. Heute erhält Conradt für seine Agenturen Pauschalen, die das Auskommen der Jäger sichern sollen. "Eigentlich ein völlig idiotischer Job", reflektiert der 48-Jährige aus dem Wendland. Doch das Geheime, das unter der Tarnkleidung steckt, faszinierte ihn.

Eine Begeisterung, die bei den Kunden in den Verlagshäusern stetig nachlässt. Der Reiz, das Verbotene öffentlich zu machen, ist über die Jahre verloren gegangen. Seitdem Illustratoren aus schwarzen Erlkönigen am Computer prospektartige Fotos zaubern, unterhalten die Chefredakteure ihre Leser lieber mit bunten Bildern. "Wir können alles", sagt Conradt. "Außer bunt". Millionen von Handy-Nutzern setzten den Profis zusätzlich zu. Es grassiert die Foto-Inflation. Ob der Job irgendwann aussterben könnte? "Ich glaube schon", antwortet Conradt.

Conradt packt seine Zigarettenschachtel aus, die wirkt Wunder

Doch bislang gibt Conradt noch nicht auf. BMW testet auf dem zugefrorenen Kakel-See. In der Nähe zur Zufahrt hängt ein neongelbes Schild. Darauf steht in altdeutscher Schrift "Achtung Paparazzi". Eine zahnlose Warnung, denn in Schweden stehen die Seen jedermann offen. Dafür sorgt das sogenannte "Allemansrätten", das "Jedermanns Recht".

Die beiden Erlkönig-Fotografen halten an, Schnee knirscht unter den Spikes. Ten Brink schaut durchs Fernglas, während Conradt eine Zigarette auspackt. Er steckt die Fluppe in den Mund und nuschelt: "Meine Wunderwaffe. Immer wenn ich mir eine anstecke, kommt ein Erlkönig vorbei."

An diesem Donnerstag im Februar rollt erst einmal der Werkschutz heran. Conradts Gesicht zeigt keine Spur von Nervosität, zum Gruß hebt er die Hand. Der Mann vom Sicherheitsdienst, Lennard, winkt zurück und lässt die Scheibe des BMW herunter. "Na, was gibt es Neues?", fragt er die Fotografen neugierig. "Was gibt es bei euch Neues", kontern die. Lennard lacht verschmitzt: "Wir haben gelbe, blaue, weiße Blumenautos". BMW tarnt seine Prototypen in verschiedenen Farben: blaue Folie tragen die elektrischen Modelle der i-Reihe, gelb gehört Mini, und der Rest ist mit weißem Plastik abgeklebt.

Entspannt mit ein paar Stinkefingern

Der Umgang zwischen den Werkschützern, Autotestern und den Paparazzi in Arjeplog verläuft entspannt. Seit mehr als 40 Jahren leben sie gemeinsam in diesem surrealen Winter-Zauber-Tester-Kosmos, Jäger und Gejagte. Nach anfänglichen Konflikten haben sie sich aneinander gewöhnt. Ein paar Stinkefinger, kleinere Verfolgungsjagden zu Fuß - echte Aussetzer sind die Ausnahme.

Ten Brink startet noch einen Versuch an anderer Stelle. Er schlüpft in eine weiße Jägerjacke mit grünen Ästen drauf, Conradt fährt Richtung Opel-Testgelände, sein Kollege steigt aus. Mit dicken Gummisohlen stapft er durch den knietiefen Schnee. Bei Minus fünf Grad harrt er hinter einem Hügel aus. Wenn es sein muss, ein paar Stunden.

Schon nach etwa 15 Minuten klingelt Conradts Handy. "Er hat einen Chevy erwischt", sagt er. Chevrolet, die wichtigste Marke von General Motors, wird bis 2016 vom europäischen Markt verschwinden. Conradt und ten Brink wollen dann noch ihrem Job nachgehen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
denk-mal-nach123 21.02.2014
1. Realistisch
Sehr realitsiche Einschätzung des Fotografen. Und wenn man ehrlich ist, die Fotos der Erlkönige sind mit der Tarnung letztlich so nichtssagend wie ein Foto von Tante Ernas Hintern. Mit der Sensationsüberschrift "NEUER XY frisch abgelichtet" lassen sich aber halt dann doch noch Klicks generieren. Aufs Foto kommt es da dann wirklich nicht mehr an (mal die Fetischisten ausgenommen).
Wastlhund 21.02.2014
2.
Wie strange es anfangs war, wenn man im Erlkönig fährt und irgendwelche Schwachköpfe auf der Autobahn bei 130 versuchen Handyfotos zu schießen - auf der Spur nebenan, egal wie belegt und langsam diese war... Inzwischen: Drauf scheißen und weiterfahren. Diejenigen, die solche Fotos zu einem frühen Zeitpunkt eher nicht sehen sollten, haben sie dann nämlich eh schon zugespielt bekommen. Der Rest ist dann das AutoBild-Klientel - und die ist freilich wurscht.
medicus22 21.02.2014
3. Scheininnovationen...
...leben von der Story. Die Artikel über die Erlkönige gibt es jedes Jahr in exakt der gleichen Fassung. Man könnte auch "Erlkönig" als Überschrift wählen und drunter "siehe Artikel von 1983"....Ohne den ganzen Zirkus würde keine berichten.
arniston 21.02.2014
4. Erlkönig
aber nur für 2 % der ,,gesellschaft,, nach hildebrandt du bist mittelpunk, mittel, punkt !
chronos-kronos 21.02.2014
5. Tipps für Erlkönigjäger.
Zitat von WastlhundWie strange es anfangs war, wenn man im Erlkönig fährt und irgendwelche Schwachköpfe auf der Autobahn bei 130 versuchen Handyfotos zu schießen - auf der Spur nebenan, egal wie belegt und langsam diese war... Inzwischen: Drauf scheißen und weiterfahren. Diejenigen, die solche Fotos zu einem frühen Zeitpunkt eher nicht sehen sollten, haben sie dann nämlich eh schon zugespielt bekommen. Der Rest ist dann das AutoBild-Klientel - und die ist freilich wurscht.
Wer Mercedes-Erlkönige fotografieren möchte, kann sich in Sindelfingen auf das 1./2. Deck des Parkhauses P307 gegenüber dem Tor 16 in der Benzstraße postieren. Wer dann noch vor roten Augen von der ganzen knipserei mal die Position wechslen will, kann es noch mal am Tor 14 versuchen. Seite 3 http://career.daimler.com/dc/wms/links/anfahrtskizze_mtc_bw_sindelfingen.pdf Ich muss mich jedes mal lachend krümmen, wenn die Leute einen Erlkönig erkennen und nicht meinen, das wäre nur ein schwarzer Mercedes. Apropos Auto-BILD & Co. : Da werden ganz offen und unter Geheimhaltung die neuen Modelle lanciert um die Lesermeinungen zu studieren. So wie man gerne auf Automessen "Studien" vorstellt und auf Reaktionen von Mercedeskunden/-interessenten, der Fachwelt und Presse wartet. Ich gehe irgendwo zwischen Tiefgarage und 3 Stock vom Gebäude 50 und könnte illegal fotografieren. Aber auch das würde mich nicht zum Millionär machen, wenn ich die Bilder verkaufen könnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.