Kältemittelstreit: Frankreich blockiert weiterhin Mercedes-Modelle

Das ging rasch: Nachdem das Verwaltungsgericht von Versailles den Verkaufsstopp einiger Mercedes-Modelle in Frankreich zurückwies, hatte die Regierung zehn Tage Zeit, ihre Haltung zu überdenken. Jetzt hat sie sich bereits entschieden - und ihre Antwort dürfte Mercedes ärgern.

Paris/Stuttgart - Die Hoffnung für Mercedes, in Frankreich bald wieder Neuwagen der A-, B- und SL-Klasse verkaufen zu dürfen, hat sich schnell erledigt. Am Donnerstag hatte ein Verwaltungsgericht zwar entschieden, dass der Zulassungsstopp nicht rechtens ist - und damit die Regierung aufgefordert, ihre Haltung in der Angelegenheit zu überdenken. Die brauchte dazu aber nicht lange: Am Freitag hat sie angekündigt, an ihrer Entscheidung festzuhalten.

Laut Angaben des französischen Umweltministeriums hatte das Verwaltungsgericht seine Entscheidung damit begründet, dass nicht explizit die Schutzklausel einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2007 aktiviert wurde, mit der die Zulassung von Fahrzeugen etwa wegen Gefahren für die Umwelt verweigert werden kann. Das Umweltministerium erklärte daraufhin am Freitag, die Schutzklausel werde "umgehend" aktiviert.

Damit werden in Frankreich auch weiterhin keine Neuwagen von Mercedes zugelassen, die gegen gültiges EU-Gesetz verstoßen und mit dem Kältemittel R134a ausgestattet sind. Der deutsche Autobauer hält die zulässige und klimaschonendere Alternative mit der Bezeichnung R1234yf dagegen für gefährlich, weil sie bei Crash-Tests in Brand geriet (siehe Kasten in der linken Spalte).

Nutzloser Sieg vor Gericht

In Deutschland hat Mercedes für die betroffenen Modelle zwar eine nachträgliche Typengenehmigung vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) erhalten und das Problem damit gelöst, doch die EU will dieses Vorgehen nicht akzeptieren. Brüssel unterstützt Paris deshalb bei der Blockade.

"Wir sind sehr zuversichtlich, dass die französische Verwaltung der Meinung des Gerichts folgen wird und unsere Fahrzeuge in Kürze wieder in Frankreich zugelassen werden können", sagte ein Mercedes-Sprecher noch am Donnerstag. Die Zuversicht stellte sich nun jedoch als voreilig heraus. Denn die sofortige Wiederaufnahme der Zulassungen hatte das Gericht der Regierung nicht auferlegt. Der Streit um das Kältemittel geht damit weiter.

cst/Reuters/afp

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Reaktion?
edgarzander 26.07.2013
In Deutschland wird es doch hin und wieder zu Verkehrsunfällen mit französischen Autos kommen. Also ich würde da mal schnell eine ganze Baureihe aus dem Verkehr ziehen und dann mal ordentlich die Daumenschrauben anziehen. Die USA (und jetzt eben die Franzosen) fackeln bei solchen Dingen doch auch nicht lange. Aber der deutsche Michel....
2. Kältemittelstreit: Mercedes gegen EU-Richtlinie
raber 26.07.2013
Richtig so seitens der französischen Regierung. Von der EU beschlossene Richtlinien sind einzuhalten. Mercedes hatte viel Zeit gehabt um seine Einwände an die Fachkommission zu bringen. Management-Fehler von Mercedes sollen nicht nachträglich alles wieder auf den Kopf stellen. Die Behauptung von Mercedes muss auch noch bewiesen werden. Wenn jeder mit einer Extrawurst ankommt dann hätten wir bald überall Zustände wi bei BER und S21. Mit Tricksereien kommt Mercedes in anderen Ländern, besonders Deutschland, über die Runden. Das die jeweiligen Behörden es zulassen ist natürlich und leider eine Schwächung der EU-Autorität und die Folgen könnten sich langfristig ergeben. Eigentlich müssten alle EU-Lander dem Beispiel Frankreichs folgen.
3. honi soit qui mal y pense...
mant 26.07.2013
Da verweigert also die französische Regierung den Mercedes-Autos die Zulassung, jetzt auf Basis der EU-Direktive. Die greift nur dann, wenn unmittelbare Gefahr für Leib und Leben oder Umwelt besteht und Frankreich hat die Umwelt gewählt. Witzig dabei nur, dass fast ALLE Fahrzeuge in Europa mit dem alten, von Mercedes aus Sicherheitsgründen behaltenen Gas, herumfahren. Wird Frankreich also ab morgen die Zulassung ALLER Fahrzeuge sperren? Kafka hätte seine Freude dran.
4. Offensichtlich verkaufen Peugeot, Citroen und Renault immer noch zuviel,
guentherprien 26.07.2013
Autos mit R1234yf. Vielleicht sollte man mal die alle mal nicht zulassen. Mal sehen was Monsieur Le President dann macht. Es ist ja schon erstaunlich, wenn in Frankreich im Sommer solch eine Entscheidung so schnell durchgesetzt wird. Offensichtlich offener Neid und ein gewisses Element an alten Ressentimentts gegenüber dem Nachbarn. Alte Sozen-Politik. Nix mit Liberte !
5. Hoffentlich
freelucky123 26.07.2013
... lernen die Schwaben sich an Vorgaben zu halten und dass in Europa nicht Daimlers Lobbyisten alles bestimmen. Mit der deutschen Regierung könnten sie ja tun was sie wollen.
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Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


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