Französische Marken auf dem Pariser Salon: Das Asterix-Prinzip

Aus Paris berichtet Jürgen Pander

Die Arbeitsteilung in Europas Autowelt war bislang eindeutig: Die dicken Brocken mit den hohen Margen kamen aus Deutschland, das Kleinvieh aus Frankreich. Was stets als Manko der französischen Hersteller galt, wird angesichts der CO2-Debatte zum unschlagbaren Vorteil.

Renault, Peugeot, Citroën – die drei Marken dominieren in dieser Reihenfolge und mit großem Abstand den französischen Automarkt. Auch im September, als fast überall sonst in Westeuropa die Pkw-Verkäufe zum Teil dramatisch einbrachen, kletterten die französischen Zulassungszahlen weiter nach oben (plus 8,4 Prozent). Den größten Sprung nach vorn machten im Vergleich zum Vorjahresmonat drei Kleinwagen aus französischer Produktion: der Citroën C1 (plus 59 Prozent), der Peugeot 107 (plus 28 Prozent) und der Renault Twingo (plus 17 Prozent).

Jahrelang wurden die Kleinwagenspezialisten von der Konkurrenz mit den teureren Luxusmodellen belächelt. Das ist vorbei. Denn wie der gallische Comic-Held Asterix, der trotz seines kleinen Wuchses dank eines Zaubertranks immense Kräfte entwickelt, wird für die französischen Automarken die Fixierung auf kleine und mittelgroße Pkw jetzt zum Erfolgselixier. Steigende Rohstoffpreise, erhöhte Spritkosten und unkalkulierbare Risiken aus der internationalen Finanzkrise lassen die Kundschaft – wenn überhaupt – zu kleineren und sparsameren Fahrzeugen greifen.

Das wird nicht der Schaden der französischen Hersteller sein. Obwohl es auf dem Autosalon in Paris bei Renault heißt, man sehe sich "mit einer ungewöhnlich deutlichen Verschlechterung des wirtschaftlichen und finanziellen Umfelds konfrontiert". Immerhin zeigt die Marke als Antwort darauf ein paar neue Modelle, die auch in Krisenzeiten gute Chancen haben dürften. Den neuen Kompaktwagen Mégane zum Beispiel, der am 28. November zu Preisen ab 16.900 Euro in den Handel kommen wird.

Exportschlager für Israel

Dem allgemeinen Schrumpf-Trend folgt auch der Debütant Renault Kangoo Be Bop. Der Viersitzer im kompakten Kastenwagenlook ist lediglich 3,87 Meter lang, verfügt über zahlreiche Glasflächen und lässt sich am Heck fast wie ein Pickup-Modell öffnen. So soll das Auto, das im nächsten Frühjahr auf die Straße kommen wird, Alltagsnutzen und Freizeitspaß verknüpfen. Auf Basis dieses neuen Modells zeigt Renault außerdem die Studie ZE Concept, ein Elektroauto mit 95-PS-Aggregat und Lithium-Ionen-Batterie. So ähnlich, deutet Renault an, könne auch der Stromer aussehen, der im Rahmen des Projekts "Better Place" ab 2011 in Israel, Dänemark, Portugal und der japanischen Präfektur Kanagawa an den Start gehen soll.

Die ökologische Karte spielt auch der PSA-Konzern (Peugeot-Citroën) aus. PSA-Chef Christian Streiff erklärte in Paris: "Wir haben das sauberste Modellangebot in Europa. Seit 2006 haben wir jedes Jahr mehr als eine Million Autos verkauft, die weniger als 140 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen." Das große Ziel für Peugeot und Citroën sei es, diesen Vorsprung zu halten und künftig "noch mehr umweltfreundliche Autos für Jedermann" anzubieten.

Bei Peugeot sieht das dann so aus, dass nahezu jede Neuheit auf dem Messestand mit Hybridantrieb ausgestattet ist. Das gilt beispielsweise für die Gran-Turismo-Studie RC Hy-Motion 4, ein Viertürer und Viersitzer, dessen vier Räder allesamt angetrieben werden. Die hinteren von einem 218 PS starken Benziner, die vorderen von einem 95 PS-Elektromotor. Insgesamt soll der CO2-Ausstoß so auf 109 Gramm je Kilometer gesenkt werden, verspricht Peugeot. Noch schonender könnte man mit dem Hy-Motion 3 unterwegs sein, einem dreirädrigen, überdachten Roller für zwei, der ebenfalls als Benzin-Elektro-Hybrid ausgelegt ist und im gemischten Betrieb lediglich 47 Gramm CO2 je Kilometer emittiert.

Neuer Peugeot-Designer soll es richten

Etwas weniger weit in die Zukunft ist das neue Serienmodell 308 cc gerichtet. Das viersitzige Coupé-Cabrio mit festem Klappdach soll im nächsten Frühling debütieren; zunächst mit einem 140 PS starken Dieselmotor, später soll eine Variante mit Benzin-Direkteinspritzer (150 PS) folgen. Und vermutlich darf man sich auch auf eine Design-Neuorientierung bei Peugeot freuen, denn zum neuen Kreativchef wurde erst vor wenigen Tagen Jean-Pierre Ploué berufen. Es kann den Autos nur gut tun, denn zuletzt wirkten neue Peugeot-Modelle eher einfallslos; außer noch größeren Scheinwerfern und noch groteskeren Kühlergrills tat sich optisch nichts.

Citroën hat es da besser. Die Peugeot-Schwestermarke aus dem PSA-Verbund ist nach Jahren der Agonie längst wieder auf eine frische, moderne und individuelle ästhetische Linie eingeschwenkt. Bestes Beispiel ist die Paris-Premiere C3 Picasso, die im ersten Quartal 2009 zu den Händlern kommen soll und die Van-Idee einmal mehr verkleinert. "Magic Box" nennt Citroën das flotte Auto, das auf dem Messestand auch mit Start-Stopp-Automatik gezeigt wird. Die Technik hilft beim Spritsparen und drückt den CO2-Ausstoß auf 109 g/km.

Bilder der originellen Hybrid-Studie Hypnos veröffentlichte Citroen bereits vor dem Autosalon in Paris. Bis zur Messe geheim aber blieb das Konzeptauto GT, ein atemberaubender Sportwagen im Science-Fiction-Dress, der ursprünglich für die Rennsimulation Gran Turismo 5 entworfen wurde, und jetzt den Sprung von der virtuellen in die reale Welt schaffte. Das Auto ist irr und verwegen, kühn und durchgeknallt – eben ein echtes Showcar zum Gucken und Staunen. Und auch ein wohltuender Kontrapunkt zu all den vernünftigen Hybrid-, Eco- und Sonstwie-Modellen, bei denen man rasch die Orientierung verliert.

Autos, die durch und durch vernünftig und sparsam sind, gab es ja schon immer. Vor 60 Jahren, am 7. Oktober 1948, enthüllte Citroën in Paris den 2 CV – hierzulande besser bekannt als Ente. Zum Jubiläum stattete das Luxuslabel Hermès einen "Döschewo" aus. Er ist rehbraun, ultra-edel und ein bisschen wie Asterix: klein, aber stark.

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