Frauen in der Autoindustrie Es lebe die Auto!

Frauen kaufen immer mehr Autos - die aber werden von Männern gemacht. Doch kann Mann wirklich wissen, was Frau fahren will? Experten meinen: Nein. Und fordern, in Zukunft mehr Frauen an der Entwicklung von Fahrzeugen zu beteiligen.

Von Philip Wesselhöft


Frauen haben andere Wünsche als Männer - eine Binsenweisheit, gerade kurz vor Weihnachten. Doch auch ein durchaus komplexes Problem, mit dem sich die Autoindustrie herumschlägt. Denn in den Forschungs- und Entwicklungszentren der Hersteller arbeiten vor allem Männer - und die wissen mitunter gar nicht, was Frauen wirklich wollen, meinen Experten. "Autos für Frauen zu konzipieren ist höchst schwierig", sagt Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim und so etwas wie der Chefausbilder künftiger Auto-Designer in Deutschland. Denn Frauen, so seine Erfahrung, kaufen sich oft genau die Autos, die von den Marketingabteilungen für die Zielgruppe Mann gedacht waren.

Volvo YCC: Ein reines Frauenteam entwickelte diese Studie im vergangenen Jahr - inzwischen steht sie im Museum
AP

Volvo YCC: Ein reines Frauenteam entwickelte diese Studie im vergangenen Jahr - inzwischen steht sie im Museum

Ein prominentes Beispiel ist der Jeep Grand Cherokee. Der massige Offroader mit dem bärenstarken Antrieb unter der Haube ist eigentlich ein Wagen für Fahrer, die den Camel-Mann oder Marlboro-Cowboy in sich entdecken sollen. "Ein richtiges Macho-Auto", so Fügener. "Doch gefahren wird es vorwiegend von Frauen." Denn die werden aus ganz praktischen Gründen von dem vermeintlichen Männer-Mobil angezogen: Sie sitzen hoch, haben genügend Platz und Überblick, der Motor ist nicht zu laut und das Fahrzeug hat Automatik-Getriebe. "Das Ding vermittelt rundum Sicherheit, das gefällt den Frauen", sagt Fügener

Dass damit vor dem Verkaufsstart niemand gerechnet hatte, liegt nicht nur aus Sicht des Design-Professors an der geringen Beteiligung von Frauen an der Fahrzeug-Entwicklung. Denn obwohl Frauen bei der Anschaffung eines neuen Familienwagens vermehrt die treibende Kraft sind, werden die Wünsche von Frauen in Bezug auf ihr Auto von der Industrie und vom Handel vernachlässigt. Zu diesem Ergebnis kam jüngst auch das Symposium "Auto und Frauen: Trends und Visionen" von führenden Automobil-Wissenschaftlern in Hamburg, veranstaltet vom Internet-Gebrauchtwagenmarkt mobile.de. Das Fazit: Eine neue Generation von mobilen Frauen erfordert einen grundsätzlichen Wandel in der Autoindustrie.

Gleichstand bei der Kaufentscheidung

Schätzungen zufolge wird in den kommenden 20 Jahren der Anteil der weiblichen Auto-Halter von heute 30 auf 50 Prozent anwachsen. Bei der Kaufentscheidung herrscht schon heute Gleichstand zwischen den Geschlechtern, zu je 40 Prozent entscheiden Frauen und Männer beim Autohändler, welches neue Gefährt ins heimische Carport kommt, bei weiteren 20 Prozent wird gemeinsam ausgesucht.

Frauen aber haben andere Anforderungen an ein neues Fahrzeug als Männer. "Frauen leben anders als Männer, deshalb erleben sie auch im Auto so manches anders", sagt Prof. Doris Kortus-Schultes, Leiterin des Kompetenzzentrums Frau und Auto der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Frauen kauften mehr ein, kümmerten sich mehr um die Kinder oder Großeltern, daher "interessiert Frauen zum Beispiel besonders die Gestaltung der Laderampe, des Kofferraums und die Verstellbarkeit der Sitze". Daran aber, so die Marketing-Expertin, denken Männer beim Autokauf und Ingenieure beim Konzipieren eines Modells weniger: "Ein Mann fühlt nicht wie eine Frau. Deshalb haben wir heute unheimlich viel Elektronik im Auto, aber erst seit kurzem Mulden und Halterungen im Kofferraum, um Wasserkisten und Einkaufstüten zu sichern", beklagt Kortus-Schultes. "Dabei ist das so nahe liegend, dass man sich fragt, warum wir jahrzehntelang darauf gewartet haben."

Die Antwort liegt in den Entwicklungsabteilungen der Automobilindustrie. Hier entscheiden noch immer vor allem Männer, wie künftige Autos aussehen. Welchen Anteil Frauen in entscheidenden Positionen haben, darüber gibt es keine genauen Zahlen. "Wenn es zehn Prozent wären, könnten wir schon froh sein", sagt Doris Kortus-Schultes. Vermutlich aber sei der Anteil der Auto-Ingenieurinnen und Auto-Designerinnen deutlich weniger.

Fehlt Frauen die frühkindliche Auto-Prägung?

Auch in der Eliteschule für künftige Automobildesigner in Pforzheim komme auf 20 Studenten nur eine angehende Fahrzeug-Gestalterin. "Die Autoindustrie würde es begrüßen, wenn wir mehr Designerinnen ausbilden würden", sagt Studiengangs-Leiter Lutz Fügener. Warum also sitzen nicht mehr Frauen in den Hörsälen und streben nach Höherem in den Design-Labors von BMW, Volkswagen oder Mercedes? "Bei Frauen ist die Hemmschwelle, sich mit dem Thema Auto anzufreunden, einfach viel höher." Männer, so die Erfahrung des Automobilexperten, sind entscheidend durch die frühkindliche Matchbox-Phase geprägt: "Die setzen sich seit dem Sandkasten mit dem Thema auseinander und haben, wenn sie ihr Studium bei uns beginnen, keinen emotionalen Abstand zum Auto."

Das allerdings ist die Sicht eines Mannes. Die Leiterin des Kompetenzzentrums Frau und Auto, Dörte Kortus-Schultes, wiederum glaubt nicht, dass Frauen erst eine emotionale Bindung zum Auto entwickelt müssen. "Es ist in einer generell maskulinen Industrie einfach schwer für Frauen, Fuß zu fassen." Vor allem das Außendesign, wo es um die schönen Schwünge der Kotflügel und das extrovertierte Design der Kühlergrills geht, sei eine "klassische Männerdomäne, wo Frauen einfach nicht hineinkommen". Dabei hätten die Erfahrungen im Innenraumdesign, wo in den vergangenen Jahren vermehrt Frauen mit Hand anlegen, gezeigt, dass "Frauen durchaus bessere Autos" entwerfen könnten als Männer: "Als BMW endlich Designerinnen ans Armaturenbrett und die Sitze heran gelassen hat, gab es sofort gefälligere und verkaufsgängigere Lösungen als zuvor", sagt Kortus-Schultes.

Auch wegen solcher Erfahrungen reagiert die Autoindustrie auf die wachsende Zielgruppe Frau - wenn auch behäbig. So stellte Volvo 2004 ein reines Frauen-Auto auf die Räder: Die Studie "YCC" (Your Concept Car) war von einem rein weiblichen Entwicklungsteam konzipiert worden. Das elegante Coupé mit 215 PS, Flügeltüren und sportlichem Auftritt erstaunte die Motorwelt - und räumte mit dem Vorurteil auf, dass nur Männer gerne viel PS und ein prestigeträchtiges Design schätzen. Zusätzlich wartete der futuristische Flitzer mit allerlei praktischen Details auf, die die männlichen Kollegen in Schweden bislang nicht für wichtig erachtet hatten: besonders viele Abstellflächen für Einkaufstüten und Kaffeebecher, eine erstklassige Rundumsicht und intelligente Parksensoren, die das Rangieren in kleinen Lücken erleichtern. Das einzige Manko des durchdachten Automobils: Es ist nie in Serie gegangen. Heute steht das Frauen-Auto im Designmuseum von Göteburg - ein Stück Autozukunft, das schon wieder Geschichte ist.



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