Frauen unterwegs Virtuelle Zettelwirtschaft

Frauen telefonieren oft, lange und mit dem größten Vergnügen - heißt es jedenfalls. Ebenso gern sind sie im Auto unterwegs. Eine Studie der Hochschule Niederrhein hat jetzt den Zusammenhang zwischen beidem untersucht. Das Ergebnis ist vor allem für die Hersteller von Freisprechanlagen ermutigend.

Von Kati Borngräber


Automobile Kommunikation: Frau mit Kopfstützen-Freisprecheinrichtung

Automobile Kommunikation: Frau mit Kopfstützen-Freisprecheinrichtung

Autofahrer, die mit einem Handy in der Hand erwischt werden, müssen eine satte Strafe zahlen. Autofahrerinnen selbstverständlich auch. Wer das seit 2001 geltende Verbot ignoriert, riskiert einen Punkt in Flensburg und ein Bußgeld, das im vergangenen Jahr von 30 auf 40 Euro erhöht wurde. Dabei ist es gar nicht das Telefonieren an sich, das die Ordnungshüter auf den Plan ruft, sondern das Hantieren mit dem Handy. Solange man jedoch dabei keinen Hörer halten muss, ist gegen automobiles Kommunizieren nichts einzuwenden.

Wer also auch im Straßenverkehr nicht aufs Telefon verzichten möchte oder kann, sollte eine Freisprechanlage im Auto installieren, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Hier kommen nun die Mobiltelefonunternehmen ins Spiel, für die sich mit dem Handyverbot für Autofahrer das Marktsegment der Freisprechsysteme aufgetan hat. Der finnische Mobiltelefon-Hersteller Nokia etwa wittert hier besonderes Geschäftspotential, und zwar vor allem bei Frauen. Offenbar deshalb, weil deren Motorisierungsgrad stetig zunimmt, während der von Männern bestenfalls stagniert.

Die Reaktion der Finnen: Sie gaben beim "Kompetenzzentrum Frau & Auto" der Fachhochschule Niederrhein eine Studie in Auftrag zu "Bekanntheit, Wichtigkeit und Präferenzen von Freisprechanlagen". Mittels Fragebogen gaben 494 überwiegend junge Frauen Auskunft über ihre Kommunikationsgewohnheiten während der Fahrt.

Damit hat Nokia eine verheißungsvolle Zielgruppe ausgemacht. Denn fast 90 Prozent der Befragten gaben an, während des Autofahrens telefonieren zu wollen. Wichtiger, als selbst jemanden anrufen zu können, war den Frauen die Erreichbarkeit. "Dieses aktive und passive Kommunikationsbedürfnis während der Autofahrten gilt sowohl für berufliche wie auch private Anlässe", sagt Doris Kortus-Schultes, Professorin für Marketing- und Handelsbetriebslehre und Leiterin des Kompetenzzentrums Frau & Auto.

Freisprechen: Frauen sind eine verheißungsvolle Zielgruppe

Freisprechen: Frauen sind eine verheißungsvolle Zielgruppe

"Jede fünfte Frau benutzt eine Freisprechanlage", erklärt Kortus-Schultes, die die Studie gemeinsam mit Studenten und Studentinnen ausgeführt hat. "Die restlichen Befragten gaben entweder an, weiterhin mit dem Handy in der Hand zu telefonieren, oder haben gar nicht auf die Frage geantwortet." Die Wissenschaftlerin vermutet, dass weit über die Hälfte aller Fahrerinnen das Verbot ignoriert. Es sieht also so aus, als bedeute es noch eine Menge Arbeit, flächendeckend Freisprecheinrichtungen an den Mann - beziehungsweise an die Frau - zu bringen.

In der Studie wurde auch abgefragt, auf welche Funktionen der Freisprechanlagen die Fahrerinnen besonders achten. Gute Sprachqualität wurde als wichtigstes Kriterium genannt, was nicht weiter überrascht. Dagegen ließ ein anderes Resultat sowohl die Forscher als auch den Auftraggeber aufhorchen: Die Technik Bluetooth hielt nur knapp jede fünfte Frau für wichtig. "Wir sehen, dass es rund um das Thema noch Aufklärungsbedarf gibt", sagt Michaela Borsje, Marketing-Managerin bei Nokia. Den versucht Kortus-Schultes mit folgender Definition zu decken: "Bluetooth ist eine kabellose Funkverbindung, zum Beispiel zwischen Handy und Freisprechanlage, die auch dann funktioniert, wenn das Telefon auf dem Rück- oder Beifahrersitz liegt."

Unerwartet positiv wurde die Funktion Sprachaufzeichnung bewertet. "Es scheint den Frauen ein wichtiges Bedürfnis zu sein, alles was ihnen im Auto durch den Kopf geht, schnell aufzuzeichnen, bevor sie es wieder vergessen haben", erklärt Kortus-Schultes. Erstaunt hat die Wissenschaftlerin vor allem die kreative Art der Nutzung der Sprachaufzeichnung; kurzerhand erfand sie den Begriff "Virtueller Zettelkasten" für das Feature.

Mindestens eine Frage ließ die Studie allerdings offen: die nach den telefonierenden Männern am Steuer. Halten sie sich gewissenhafter an das Gesetz? Kennen sie Bluetooth? Nutzen sie die Sprachaufzeichnung? Auf die Suche nach Antworten darauf will sich Kortus-Schultes demnächst begeben, unter anderem deshalb, weil ihre männlichen Studenten sich nach der Forscherei über Frauen schon über Diskriminierung beschwert haben.



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