Autonomes Auto: Der Mensch denkt, das Auto lenkt

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Rund um den Globus ist ein stiller Wettkampf entbrannt: Welches Forscherteam entwickelt als erstes ein selbständig fahrendes Auto? Ziemlich weit vorn liegt dabei die FU Berlin: Ihr neues Selbstfahrzeug kann sogar Ampeln erkennen - dabei ist die Technik deutlich günstiger als noch beim Vorgänger.

AutoNOMOS

Im ursprünglichen Antrag ist der Wagen als Reinigungsfahrzeug geführt - auch wenn er so aussieht wie ein gewöhnlicher Mitsubishi iMiEV. Auf Nachfrage klärt Tinosch Ganjineh das Rätsel auf: Der 32-jährige Informatiker zeigt auf zwei kleine rechteckige, milchig weiße Plättchen an der hinteren Stoßstange. "Hier lässt sich die Kehrvorrichtung anschrauben."

Dank des kleinen Kunstgriffs gelang es den Forschern vom Autonomos-Lab der FU-Berlin, ein wenig vom Etat des Forschungsprojekts umzuwidmen und ihre Flotte von selbstfahrenden Autos um eben jenen Mitsubishi iMiEV zu erweitern. Das E-Mobil soll das neue Aushängeschild des Autonomos-Lab werden und den Fortschritt dokumentieren, den die Wissenschaftler mit ihrem intelligenten Auto inzwischen erreicht haben.

Der ist schon von außen gut sichtbar. So schrumpfte das zentrale Radargerät auf die Größe einer Blinkleuchte. Der rotierende 360-Grad-Laserscanner ermöglicht es, Autos auf bis zu 100 Meter Entfernung zu erkennen. Beim Vorgänger, einem silbernen VW Passat, wirkte der Scanner noch wie ein topfgroßer drehbarer Fotoapparat. "Passanten verwechseln das Auto regelmäßig mit einem Google-Street-View-Wagen und sprechen uns darauf an", erzählt Ganjineh. "Beim Neuen dürfte das kaum noch passieren".

Kampf gegen den Elektronik-Overkill

Auch die Sensoren in den Stoßstangen sind kaum noch zu erkennen, die die Geschwindigkeitsunterschiede zu den anderen Verkehrsteilnehmern messen. Die Laser liefern auch Informationen über Größe und Gestalt anderer Verkehrsteilnehmer. Der iMiEV besitzt ohnehin nur noch je einen an der Front und am Heck, statt derer drei, die beim Passat ihren Dienst tun. "Dank der verbesserten Software konnten wir auf die doppelte oder dreifache Auslegung der Sensorsysteme verzichten", erklärt Raúl Rojas, der das Fach Künstliche Intelligenz an der FU lehrt und das Autnomos Lab ins Leben gerufen hat.

Die schlanke Architektur macht auch das extrem genaue 100.000 Euro teure GPS verzichtbar, das die Position des Vorgänger-Passats auf 20 Zentimeter exakt bestimmt hat. Stattdessen genügt jetzt ein handelsübliches Gerät aus dem Elektronikmarkt für knapp 100 Euro.

Fotostrecke

8  Bilder
Autonomer iMiEV: Ein Auge vorn, ein Auge hinten
Die Abrüstung beim GPS hat einen entscheidenden Anteil daran, dass der iMiEV gegenüber dem Passat spürbar billiger geworden ist. "Insgesamt kostete der Umbau lediglich rund ein Viertel dessen, was wir für den Passat ausgeben mussten", rechnet Rojas vor.

Pfadfinder im Großstadtdschungel

Trotz der abgespeckten Elektronik soll sich der iMiEV genauso talentiert durch den Großstadtdschungel kämpfen, wie seine Schöpfer versichern. Er beherrscht Kurvenfahrt und Spurwechsel, hält den Abstand zum Vordermann und bremst im Ernstfall.

Zwar ist die Zahl vergleichbarer Projekte insgesamt gering, doch das macht den Wettlauf um die beste Fahrkunst nicht weniger anstrengend. Schon Ende 2010 gelang es Google-Forschern unter Leitung des von Stanford-Professor Sebastian Thrun, eine Flotte von sechs Toyota Prius auf kalifornischen Landstraßen fahren zu lassen. Ohne Fahrer legten die Autos mehr als 220.000 Kilometer zurück und haben seit Mai dieses Jahres sogar eine offizielle Straßenzulassung. BMW traut sich mit einem X5 über die Autobahn, und ein Passat der TU Braunschweig schafft es auch bereits durch dichten Stadtverkehr.

Nase vorn im internationalen Wettstreit

In einer Disziplin aber sind die FU-Forscher aus Berlin ihren Rivalen noch einen Schritt voraus. Ihre Autos können Ampeln erkennen und darauf reagieren. "Im internationalen Vergleich sind wir ganz vorne mit dabei", betont Ganjineh nicht ohne Stolz. Das Ampelerkennungssystem sei technisch sogar noch anspruchsvoller als das Lenken mit Gedanken.

Mit der Steuerung per Sensor-Haube hatten die Berliner zu Beginn des Jahres einen regelrechten PR-Coup gelandet. Für einige Wochen stand das Thema im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Dabei ist an einen Einsatz im Alltag in den nächsten 30 bis 40 Jahren noch gar nicht zu denken - wenn überhaupt je. Die Autofahrer von heute jedenfalls lehnen den Autopiloten in der Mehrzahl noch rundweg ab.

Immerhin aber werden intelligente Fahrerassistenten immer beliebter, die einiges von dem beherrschen, was autonome Fahrzeuge können müssen. Das beste Beispiel dafür sind die Assistenten, die Autos ganz ohne Zutun des Fahrers selbständig einparken. Aber auch intelligente Tempomaten mit Abstandsregelung, Nachtsichtassistenten und Verkehrszeichenerkenner finden sich schon den Extra-Listen vieler Hersteller. Spurhalteassistenten, Notbremssysteme und Toter-Winkel-Wächter vereinzelt schon in der Kleinstwagenklasse. Ginge es nach dem Willen der Verkehrssicherheitsexperten in der EU, dann würden solche Systeme sogar bald Pflicht.

Die Forscher der FU haben davon bislang wenig. Nach dem Auslaufen der Förderung durch das Bundesforschungsministerium kämpfen sie um jeden Euro aus dem ohnehin knappen Etat der Uni. Gleichzeitig denkt Ganjineh über weitere Verwendungsmöglichkeiten nach, um die Technologie vermarkten zu können. Eine Möglichkeit hat er bereits gefunden. Die Berliner Stadtreinigungsbetriebe interessieren sich für den Radar zur Erkennung von Gegenständen und Menschen. Sie soll helfen, die Müllmänner zu schützen, die hinter dem Auto mit den Tonnen hantieren.

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insgesamt 143 Beiträge
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1. Verampelt
dunham 26.09.2012
Ein schönes Projekt. Leider wird es scheitern: den Sinn deutscher Ampelschaltungen wird auch kein Computer jemals verstehen ^.^ DH
2.
fisschfreund 26.09.2012
So einen "intellienten Fahrassistenten" gibts schon lange. Er nennt sich "Busfahrer". Ansonsten gehört sowas mal wieder in dee Rubrik "Dinge, die die Welt nicht braucht".
3.
Onkel Uwe 26.09.2012
Zitat von fisschfreundSo einen "intellienten Fahrassistenten" gibts schon lange. Er nennt sich "Busfahrer". Ansonsten gehört sowas mal wieder in dee Rubrik "Dinge, die die Welt nicht braucht".
Technikfeindliche Nichts-Versteher. Warum nutzen Sie überhaupt das Internet? Braucht man sicher auch nicht, oder? Das eine Flotte selbstfahrender Elektrofahrzeuge viele Probleme des Individualverkehrs lösen könnten, so weit reicht der Blick nicht? Fahrzeuge, die in Ruhephasen selbstständig zur Stromtanke fahren. Welche zum Kunden kommen, wenn er das Fahrzeug braucht und nach dessen Aussteigen selbständig wegfahren (kein Parkplatzsuchfrust). Damit effizientere Auslastung im städtischen Bereich. Verkehrssicherheit, weil kein Sekundenschlaf, keine Ablenkung durch Telefon, Kinder, Stress. Allein für die entspannte und doch individuelle Fahrt auf Arbeit (die sich dank Lage nicht sinnvoll mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen lässt) würde ich so ein Fahrzeug nehmen, wenn es sowas serienreif zu entsprechend bezahlbaren Preisen schon gäbe.
4.
tubaner 26.09.2012
Zitat von fisschfreundAnsonsten gehört sowas mal wieder in dee Rubrik "Dinge, die die Welt nicht braucht".
Elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung, Servolenkung, Bremskraftverstärker, ABS, ESP. Alles Dinge die die Welt nicht braucht. Wie viel davon ist in Ihrem Wagen trotzdem eingebaut?
5. Mehr Recherche & Stand der Technik
Genau 26.09.2012
Leider liegt die FU relativ weit hinten. Wer sich dieses Video anschaut wird wissen wieso. Zumal dieses Fzg. in den USA bereits in einem Staat die Zulassung für den Straßenverkehr erhalten hat. Und das, obwohl gerade dort die rechtlichen Aspekte der Haftung höchst Heikel sind. http://www.youtube.com/watch?v=cdgQpa1pUUE
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