Futuristische Funktechnik Kazaa auf der Autobahn

Jeder für sich war gestern: In Zukunft sollen alle Autofahrer auf Deutschlands Straßen per Funk miteinander verbunden sein. Bei Unfall, Glatteis oder Stau leitet jeder Warnhinweise an andere Verkehrsteilnehmer weiter - ohne Zentralrechner und Satelliten.


Karlsruhe/Mannheim - "Mehrere Fahrzeuge sind bei schlechter Sicht auf einen Lkw aufgefahren. Bitte umfahren Sie die Unfallstelle auf der A8 weiträumig", tönt es aus dem Radio. Geht es nach Hannes Hartenstein, wird es solche Massenkarambolagen bald nicht mehr geben. Der Informatiker vom Institut für Telematik der Universität Karlsruhe forscht im Projekt "Network on Wheels" an einer Art SOS-Funkpost: Sobald ein Auto abrupt bremst oder in einen Unfall verwickelt ist, teilt es dies den nachfolgenden Wagen mit. Diese fordern ihren Fahrer über einen Lautsprecher dann zum Bremsen auf.

Kommunizierende Autos, im Fachjargon "Car-to-car-Communication", könnten Leben retten, ist sich Hartenstein sicher: "90 Prozent der Unfälle ließen sich vermeiden, wenn der Fahrer die Lage richtig eingeschätzt hätte. Die Funkpost kann Informationen liefern, die solchen Fauxpas vorbeugen."

Die europäischen Autobauer Fiat, Volkswagen, DaimlerChrysler, Renault und Audi haben sich deshalb zu einem Konsortium zusammengeschlossen, um eine einheitliche Technik für den Austausch der Informationen zwischen verschiedenen Fahrzeugen zu entwickeln. Ingenieure tüfteln bereits an 500 Prototypen, die ab 2008 im Raum Frankfurt am Main fahren sollen. In einem vierjährigen Feldtest soll dann überprüft werden, ob die Technik die Zahl der Unfälle tatsächlich senken kann.

Die Fahrzeuge senden über ihre Antenne einen Funkspruch, der unter anderem ihre Position beinhaltet. Im Abstand weniger Sekundenbruchteile wird diese Information ähnlich dem Feuer eines Leuchtturms erneut übermittelt. Im Umkreis von einigen 100 Metern können alle ausgerüsteten Fahrzeuge die Nachricht über ihre Antenne empfangen. So erfährt jeder von seinem Nachbarn, wo dieser sich befindet. Um weiter entfernte Wagen zu informieren, wird der Funkspruch ähnlich wie bei der stillen Post von Auto zu Auto weitergereicht.

Das Revolutionäre an dem System: Es gibt, anders als beim Verkehrsfunk oder bei satellitengestützen Navigationssystemen, keine Zentralinstanz, von der aus die Informationen versendet werden. Damit ähnelt das neue Autonetz ein wenig Internet-Tauschbörsen wie Kazaa, wo die Nutzer untereinander direkt und ohne Umwege Informationen austauschen können.

Gegenwärtig diskutieren die Experten allerdings rund 15 verschiedene Verfahren, wie die Zustellung der Funkpost erfolgen soll. Wolfgang Effelsberg, Informatiker an der Universität Mannheim, hat mit seinem Mitarbeiter Holger Füßler ein System entwickelt, bei dem immer nur jenes Auto eine Nachricht weiterleitet, das sich am nächsten zum Empfänger befindet. "Dieser Austausch funktioniert gerade bei Geschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde sehr effizient und erreicht höhere Zustellungsraten als alle anderen Übertragungstechniken", erläutert Effelsberg.

Während die Forscher noch fieberhaft nach der besten Route für die Funkpost suchen, fallen den Autobauern immer mehr Anwendungen ein: Der Fahrer soll vor kritischen Situationen gewarnt werden, wenn er diese selbst noch gar nicht erkennen kann. Ist ein Wagen hinter einer Kurve liegen geblieben, erfährt der Nachfolger dies rechtzeitig aus dem Lautsprecher oder über das Navigationssystem. Auch über Unfälle oder Staus könnten die Verkehrsteilnehmer auf diese Weise rasch informiert werden. Das sprechende Auto würde im Idealfall gleich eine Ausweichstrecke vorschlagen.

Sogar vor Eis auf Brücken oder vor Aquaplaning könnte die "Car-to-car-Communication" warnen. Dafür müsste lediglich das elektronische Signal der durchdrehenden Reifen, das schon heute von der Bordelektronik erfasst wird, in eine Funkbotschaft übersetzt werden. Bei einem Unfall müsste das Signal des explodierenden Airbags oder des sich ruckartig straffenden Gurtes ausgewertet werden.

Noch sind nicht alle technischen Hürden ausgeräumt. Die metallenen Karosserien reflektieren die Funkwellen, so dass diese sich überlagern und schlimmstenfalls als unverständlicher Datensalat ankommen könnten. Störungen würden auch bei Schneefall oder Regen auftreten.

Das "Car-to-Car-Communication"-Consortium rechnet nach Angaben eines Sprechers damit, dass die Technik in sechs bis zehn Jahren in Neuwagen zu finden sein wird. Damit die Funkpost zuverlässig von Auto zu Auto weitergeleitet werden kann, müssten mindestens 95 Prozent der Fahrzeuge über eine entsprechende Antenne verfügen. In den Simulationen soll jedoch schon ein Anteil von zwei bis zehn Prozent ausgereicht haben, um die Kommunikation aufrecht zu erhalten.

Susanne Donner, ddp



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