Geisterfahrer: Plötzlich falsch unterwegs

Von Christoph Stockburger

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Fataler Fehler: Wer auf der Straße den Überblick verliert, wird schnell zum Geisterfahrer

"Kann mir nie passieren!" Wer von sich selbst denkt, nicht auf die falsche Spur geraten zu können, ist schon auf dem Weg dorthin. Verkehrspsychologen warnen davor, wie schnell man zum Geisterfahrer werden kann. Besonders gefährlich: ruhiger Verkehr.

Es klingt unfassbar: Ein Mann lenkt sein Auto absichtlich in den Gegenverkehr, weil er Suizid begehen will. In Baden-Württemberg hat sich ein solcher Fall aber offenbar ereignet: Das Landgericht Tübingen verurteilte einen 35-Jährigen wegen Mordes zu zwölf Jahren Haft - er sei absichtlich auf die falsche Fahrbahn gerast und habe sein Auto frontal in den entgegenkommenden Wagen gelenkt. Ein Familienvater war bei dem Unfall ums Leben gekommen.

Solche Wahnsinnstaten sind selten, weiß der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss. Die Gefahr einer Geisterfahrt lauert eher dort, wo niemand sie vermutet. "Es kann jeden treffen", sagt Voss. Besonders in scheinbar ruhigen Verkehrssituationen.

Voss erzählt von einem Fall, der sich vor einigen Jahren in Rheinland-Pfalz ereignete. Dort befanden sich zwei Polizisten auf Nachtstreife. Als sie dachten, sich auf einer einsamen Landstraße verfahren zu haben, wendeten sie ihren Wagen. Das Manöver endete tödlich: tatsächlich befanden sie sich auf einer vierspurigen Bundesstraße, die geteilt war. Die Polizisten fuhren in falscher Richtung auf der Überholspur und prallten in ein anderes Fahrzeug.

Für den Verkehrspsychologen sind hier alle Merkmale gegeben, die zu einer Geisterfahrt führen können: Es herrschte wenig Verkehr, es war dunkel - und die Polizisten waren der festen Überzeugung, auf der richtigen Spur zu fahren. "Mangelnde Orientierung in Verbindung mit einer ruhigen Verkehrslage führen zu den meisten Falschfahrten", sagt Voss. Es kann fast jeden treffen.

Vorsicht bei freier Fahrt

Mangelnde Orientierung sei auch mit einem Navigationssystem nicht immer auszugleichen. "Wir alle haben schon von den Fällen gehört, wo Leute sich auf ihr Navi verlassen haben und im Fluss gelandet sind", sagt Voss. Somit könne es auch vorkommen, die falsche Ausfahrt zu nehmen und auf einer Autobahn oder Bundesstraße in falsche Richtung zu fahren.

Habe man sich trotz Navigationssystem verfahren, sei es im Zweifelsfall ratsamer, sich nach den Anweisungen der Navi-Durchsagen zu richten, anstatt während der Fahrt auf die Karte zu schauen, so der Psychologe.

Voss' Hinweis an alle Verkehrsteilnehmer lautet, grundsätzlich aufmerksam zu fahren - gerade dann, wenn "freie Fahrt" herrsche. "Ist mehrere Kilometer lang nichts lauf der Straße los gewesen, heißt das nicht, dass es auf dem nächsten Kilometer genau so weiter geht."

Eine Statistik des ADAC lässt erahnen, wie schnell es passieren kann, dass Fahrer auf die falsche Bahn geraten. Im Zeitraum von Dezember 2008 bis Dezember 2009 seien demnach 2800 Falschfahrer im Radio gemeldet worden. Bei den zwölf Unfällen, die dadurch verursacht worden seien, hätten insgesamt 20 Menschen ihr Leben verloren.

Tipps zum richtigen Verhalten

Wie soll man sich verhalten, wenn die Gefahr eines Geisterfahrers droht? Was soll man tun, wenn man selbst zum Falschfahrer geworden ist? Markus Niesczery, Pressesprecher der Autobahnpolizei Düsseldorf, gibt folgende Ratschäge:

  • Befinde man sich auf einer Autobahn oder Bundesstraße, auf der ein Falschfahrer unterwegs ist, gelte es zunächst, drei Dinge zu tun: Tempo reduzieren, auf keinen Fall überholen - und ruhig bleiben. Bei der ersten Möglichkeit solle man die Straße verlassen oder auf einen Parkplatz fahren. Sei genug Platz am Straßenrand, könne man auch rechts ranfahren und warten, bis im Radio Entwarnung gegeben werde.
  • Hat man einen Falschfahrer gesehen, sollte die nächste Notrufsäule abgewartet und dort die Meldung durchgegeben werden. Somit sei gewährleistet, dass die Polizei sofort den genauen Standort wisse. Bei Meldungen übers Handy seien diese Informationen meistens nicht gegeben.
  • Habe man festgestellt, selbst zum Geisterfahrer geworden zu sein, müsse sofort das Tempo reduziert und der nächstgelegene Fahrbahnrand angesteuert werden. Auf keinen Fall dürfe die Fahrbahn gekreuzt oder gar gewendet werden. Steht das Auto, solle man die Warnblinker einschalten, sich hinter die Leitplanke stellen und die Polizei verständigen.

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insgesamt 55 Beiträge
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1. Wer selbst zum Geisterfahrer geworden ist ...
bafibo 03.02.2012
... man sollte noch ergänzen: Aussteigen bitte nicht auf der Fahrerseite, sondern rechts oder noch besser hinten, wenn das möglich ist (dann kann der Wagen nämlich hautnah an der Leitplanke abgestellt werden)
2. unsachgemäße Baustellen
Hamberliner 03.02.2012
Zitat von sysop"Kann mir nie passieren!"*Wer von sich selbst denkt, nicht auf die falsche Spur geraten zu können, ist schon auf dem Weg dorthin. Verkehrspsychologen warnen davor, wie schnell*man zum Geisterfahrer werden kann. Besonders gefährlich: ruhiger Verkehr. Geisterfahrer: Plötzlich falsch unterwegs - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,813187,00.html)
Mir wär es einmal beinahe passiert, und das ist nicht meine Schuld. Es war nachts im Winter bei Schneegriesel und sehr schlechter Sicht, erst recht auf dem Motorrad, und ich musst um auf die Autobahn zu gelangen nach links zur Auffahrt abbiegen. Da war eine Baustelle mit einem chaotischen Gewirr aus Schildern und Baken, die waren reflektierend und blitzsauber, das hat so geblendet dass man kaum etwas sehen konnte. Die Beschilderung der Einfahrt, die Geisterfahrten verhindern soll, war verdeckt bzw. in dem Geblende nicht zu sehen.Ich sah nur etwas Asphalt, begrenzt von einer Bordsteinkante, und hielt diese für den rechten Rand der Auffahrt. Was ich nicht sehen konnte: die Kante begrenzte eine Mittelinsel, hinter der ich hätte durchfahren müssen. Nachdem ich mich sehr wunderte, dass mein Fahrstreifen immer dünner wurde und zuende war kamen mir Fahrzeuge entgegen. Fazit: wenn sich manche Gemeinden einen "Straßenbegeher" leisten, wie wär's mit einem "Straßenbefahrer", der aus der Sicht eines Verkehrsteilnehmers, nicht aus der Sicht des Bauleiters, Baustellen prüft, ob sie als Todesfalle hingeschlampt sind? Baken müssen nicht reflektieren, oft sind die meisten sowieso überflüssig, und wenn die ursprünglich vorhandenen Verkehrszeichen, die notwendig sind um Geisterfahrten zu verhindern, nicht reflektierend ausgeführt sind, dann hat jede reflektierende Baustellenbeschilderung zu unterbleiben. Wer das nicht gebacken bekommt, seine Baustelle entsprechend einzurichten, muss eben für Strom und Beleuchtung (von oben) sorgen.
3. Und man merkt...
olaf m. 03.02.2012
...wirklich nicht, - daß r.e.c.h.t.s von einem eine doppelte (Mittel-) Leitplanke und dahinter (oder r.e.c.h.t.s daneben) eine doppelte Fahrspur mit Standspur und daneben (oft) wieder eine einfache Leitplanke ist, - daß man die (meist auf beiden Seiten vorhandene Ausfahrts-) Beschilderung auf der gerade befahrenen Spur bzw. Seite von h.i.n.t.e.n sieht, - und meist ein paar Kilometer später eine Entfernungsanzeige zu den Zielorten der BAB oder die Beschilderung für die nächste Abfahrt/ Ratstätte/ Parkplatz auf der rechten Seite j.e.n.s.e.i.t.s der Leitplanke von vorn ? Abgesehen von einem dann doch - wenigstens - gelegentlich auf einer der rechts verlaufenden Spuren "überholenden" Fahrzeug ? Aua. Wer noch etwas merkt, müßte eigentlich "irgendwie" verwirrt/ irritiert innerhalb von 30 bis 60 Sekunden auf der l.i.n.k.s befindlichen Standspur anhalten... Weil einfach etwas nicht stimmt. Oder nicht ? Selbst wenn einem niemand entgegen kommen sollte. Bei dem vor allem nachts herrschenden Güterfernverkehr (trucks) allerdings kaum vorstellbar. Man belehre mich gerne eines anderen.
4.
tbax 03.02.2012
Zitat von olaf m....wirklich nicht, - daß r.e.c.h.t.s von einem eine doppelte (Mittel-) Leitplanke und dahinter (oder r.e.c.h.t.s daneben) eine doppelte Fahrspur mit Standspur und daneben (oft) wieder eine einfache Leitplanke ist, - daß man die (meist auf beiden Seiten vorhandene Ausfahrts-) Beschilderung auf der gerade befahrenen Spur bzw. Seite von h.i.n.t.e.n sieht, - und meist ein paar Kilometer später eine Entfernungsanzeige zu den Zielorten der BAB oder die Beschilderung für die nächste Abfahrt/ Ratstätte/ Parkplatz auf der rechten Seite j.e.n.s.e.i.t.s der Leitplanke von vorn ? Abgesehen von einem dann doch - wenigstens - gelegentlich auf einer der rechts verlaufenden Spuren "überholenden" Fahrzeug ? Aua. Wer noch etwas merkt, müßte eigentlich "irgendwie" verwirrt/ irritiert innerhalb von 30 bis 60 Sekunden auf der l.i.n.k.s befindlichen Standspur anhalten... Weil einfach etwas nicht stimmt. Oder nicht ? Selbst wenn einem niemand entgegen kommen sollte. Bei dem vor allem nachts herrschenden Güterfernverkehr (trucks) allerdings kaum vorstellbar. Man belehre mich gerne eines anderen.
Alles richtig, aber Es sind ja Leute, die schon recht blind eingefahren sind. Sie befinden sich vielleicht in einer Ausnahmesituation und sind mit den Gedanken ganz weit weg. Sollte alles natürlich nicht sein, aber wer kennt nicht all die vielen Autofahrer, die scheinbar ohne Sinn und Verstand fahren. Oder aufgrund ihres Alters ziemlich unaufmerksam sind. Ich weiß, alles schlecht, aber so ist die traurige Realität. Insgesamt ist die Zahl der gemeldeten Falschfahrten hoch, aber in Relation zur Gesamtzahl eher gering, meine ich. Man könnte vielleicht auf die Leit- und Mittelstreifen alle 100 Meter einen Pfeil in die richtige Fahrtrichtung zeichnen. Vielleicht hilfts.
5. Mmhh...
olaf m. 03.02.2012
Zitat von tbaxAlles richtig, aber Es sind ja Leute, die schon recht blind eingefahren sind. Sie befinden sich vielleicht in einer Ausnahmesituation und sind mit den Gedanken ganz weit weg. Sollte alles natürlich nicht sein, aber wer kennt nicht all die vielen Autofahrer, die scheinbar ohne Sinn und Verstand fahren. Oder aufgrund ihres Alters ziemlich unaufmerksam sind. Ich weiß, alles schlecht, aber so ist die traurige Realität. Insgesamt ist die Zahl der gemeldeten Falschfahrten hoch, aber in Relation zur Gesamtzahl eher gering, meine ich. Man könnte vielleicht auf die Leit- und Mittelstreifen alle 100 Meter einen Pfeil in die richtige Fahrtrichtung zeichnen. Vielleicht hilfts.
(Danke für Ihre Antwort) ...ich kenne aus meinem ehemaligen Beruf einen grausigen (Frontal-) Unfall aus dem Jahr 2009 auf einer autobahnähnlichen Schnellstraße mit einem 80 Meter langen Trümmerfeld und mit 2 x ca. 80 km/ h laut Unfallgutachten, über den ich mir viele intensive Gedanken gemacht habe - verursacht durch einen "Geisterfahrer". Was die quantitative Relation angeht, haben Sie sicherlich recht. Man sollte aber dann kategorisch eine sehr intensive Überprüfung der Fahr- und Wahrnehmungstüchtigkeit des Geisterfahrers vornehmen und die zuvor vorläufig entzogene Fahrerlaubnis nicht einfach nach sechs Monaten wieder erteilen, nachdem es acht Stunden Nachschulung und hilfreiche Gespräche für den Verursacher gab. Und ggf. die Fahrerlaubnis für immer entziehen. Daran stirbt man als Verursacher für die Zukunft nicht, aber andere. Auch in dessen Interesse. Aber ich weiß: Der Mensch ist ein schwindlig' Geschöpf (Shakespeare).
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