Genf 2012 Feuer im Salon 

Die Zukunft fährt elektrisch - unter dem Motto entwarf die Autoindustrie in den vergangenen Jahren kühne Mobilitätsvisionen. Fossile Kraftstoffe kamen darin nicht mehr vor. Nun wird die Industrie von der Realität eingeholt. Auf dem Autosalon in Genf feiert ein alter Bekannter sein Comeback: der Benziner.

Von Jürgen Pander

AP

Ein Rückgang von 8, 15 oder gar 29 Prozent - politische Kommentatoren würden angesichts derartiger Veränderungen von einem Erdrutsch sprechen, womöglich von einer Revolution. Und genau dies geschieht derzeit in der Autoindustrie, wo nämlich Hersteller neue Fahrzeuge auf den Markt bringen, die 8, 15 oder gar 29 Prozent weniger Benzin verbrauchen als das jeweilige Vorgängermodell. Zu besichtigen sind die in Sachen Verbrauch geradezu revolutionären Pkw auf dem Autosalon in Genf, der großen Frühjahrsmesse der Branche (8. bis 18. März).

"Der Hype ums Elektroauto ist vorbei, in Genf steht 2012 wieder Traditionelles im Mittelpunkt", sagt der Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Eine Meldung des größten Autoherstellers der Welt unterstreicht diese Einschätzung: General Motors hat angekündigt, die Produktion von E-Mobilen bald für einige Wochen zu stoppen. Grund sei die geringe Nachfrage nach dem Stromer Chevrolet Volt.

Nachdem es ein paar Jahre lang so aussah, als stünden Verbrennungsmotoren auf der Liste der aussterbenden technischen Arten, feiern vor allem die Ottomotoren derzeit ein Comeback. Und zwar deshalb, weil die Ingenieure die Benziner durch immer neue Tricks immer sparsamer machen. Es wirkt fast so, als habe die Aussicht auf gleichförmig summende Elektromotoren und zentnerschwere Akkupakete eine ganze Zunft wachgerüttelt - nämlich die der klassischen Motorenkonstrukteure.

Und plötzlich funktioniert, was jahrelang als undenkbar galt - regelrechte Stürze in Sachen Verbrauch. Lange argumentierten die Ingenieure nämlich, dass um jeden Milliliter Benzin regelrecht gekämpft werden müsse, und dass der technische Aufwand die dadurch erzielte Einsparung kaum rechtfertige. Das gilt offenbar nicht mehr, wie ein paar aktuelle Beispiele aus dem Premierenreigen von Genf zeigen: Der Ferrari F12 Berlinetta soll 30 Prozent weniger Sprit verbrauchen als das Vorgängermodell; der neue Mercedes SL lässt sich um bis zu 29 Prozent sparsamer bewegen als die vorangegangene Baureihe; und der fabrikfrische Porsche Boxster wird nach Herstellerangaben mit 15 Prozent weniger Sprit klarkommen.

Nun könnte man einwenden, dass es ein Leichtes sei, bei zuvor spritsaufenden Ferrari-, Mercedes- und Porsche-Modellen derartige Einsparungen hinzukriegen; und zudem werden diese Autos in Preisregionen angeboten, wo es auf tausend Euro mehr oder weniger für zusätzliche Spritspartechnik nicht ankommt. Doch wer sich auf der Messe in Genf umsieht, wird noch viel mehr "Benzingeiz-ist-geil"-Aggregate entdecken, und zwar in ganz normalen Alltagsautos wie VW Polo oder Peugeot 208.

So oft wie möglich läuft der Motor nur mit halber Kraft

VW beispielsweise enthüllt auf dem Salon den Polo Blue GT, einen fünfsitzigen Kleinwagen mit 140 PS, 210 km/h Höchstgeschwindigkeit und einem Durchschnittsverbrauch von 4,7 Liter, was einem CO2-Ausstoß von 108 Gramm je Kilometer gleichkommt. Herzstück des Autos ist der 1,4-Liter-Benziner aus der neuen Ottomotoren-Baureihe EA211 des Wolfsburger Konzerns. Der Vierzylinder verfügt als weltweit erster Großserienmotor dieser Klasse über eine Zylinderabschaltung. Die Technik an sich ist nicht neu, wurde bislang aber vor allem bei Acht- oder Zwölfzylindermotoren eingesetzt.

Fährt man den neuen VW-Motor im Teillastbereich, also auf entspannte Weise in einem Drehzahlbereich von 1250 bis 4000 Umdrehungen pro Minute, werden die Zylinder zwei und drei von der Motorelektronik lahmgelegt. Man ist dann zweizylindrig unterwegs - und spart Sprit. Pro 100 Kilometer 0,4 Liter, haben die VW-Leute ausgerechnet. Dazu kommt noch das Einsparpotential der Start-Stopp-Automatik im Stadtverkehr sowie der Bremsenergierückgewinnung (Rekuperation), die bei jedem Ausrollen des Fahrzeugs wie ein Dynamo die Batterie auflädt. Im Audi A1 wird die Maschine bereits angeboten, im Polo demnächst auch, und es ist klar, dass auch der neue Audi A3 und der kommende VW Golf mit diesem Motor bestückt werden.

Ottomotoren werden kleiner und lernen das Spritsparen

Downsizing ist der Mega-Trend bei den Benzinmotoren. Während VW Zylinder vorübergehend stilllegt, reduzieren andere Hersteller die Zahl der Brennkammern generell. Peugeot etwa hat für den neuen Kleinwagen 208 auch gleich eine neue Benzinmotorenfamilie entwickelt: mit drei Zylindern. Die Maschinen sind rund 25 Prozent sparsamer als die bisherigen Vierzylindermotoren. Das bescheidenste Triebwerk mit 1,0 Liter Hubraum und 68 PS stößt 99 Gramm CO2 je Kilometer aus. Peugeot beziffert die Entwicklungskosten der neuen Maschinen auf 460 Millionen Euro, es wurden 52 Patente angemeldet.

Mittelfristig sollen die Dreizylinderaggregate die bisherigen 1,4-Liter-Vierzylindermaschinen ablösen und damit auch in der Kompaktklasse zum Einsatz kommen. Von Ford gibt es ja bereits das Kompaktauto Focus mit einem Dreizylindermotor. Und auch BMW wird demnächst ein 1,5-Liter-Dreizylinder-Aggregat im Einstiegsmodell 1er anbieten.

Dass der Ottomotor plötzlich wieder en vogue ist und im Zentrum der Innovationen steht, hat auch mit Politik zu tun. Die EU hat vorgegeben, dass der durchschnittliche CO2-Ausstoß von Neuwagen bis zum Jahr 2015 auf 120 Gramm pro Kilometer gesenkt wird, für 2020 sind 95 Gramm angepeilt. Das ist noch ein weiter Weg, denn 2011 lag der CO2-Durchschnitt aller in Deutschland neu zugelassenen Autos bei 146,1 Gramm je Kilometer. Es besteht also Handlungsdruck in der Industrie, denn werden die Ziele verfehlt, werden pro Gramm zu viele Strafzahlungen fällig.

Elektro- und Hybridautos noch immer unter "ferner liefen"

Allein mit alternativ angetriebenen Autos wäre die geforderte CO2-Reduktion realistisch betrachtet nicht möglich. Aktuell sind unter den rund 43 Millionen in Deutschland zugelassenen Pkw lediglich 47.642 Hybridfahrzeuge und 4541 Elektroautos. Die Crux ist, dass deren Zunahme überschaubar bleiben wird - und zwar je sparsamer die herkömmlichen Antriebe werden. Die Unternehmensberatung Deloitte führte in einer Studie zum Thema Elektroautos aus: "Wichtige Kriterien für die Kaufbereitschaft von Elektroautos ist die Entwicklung der Verbrennungsmotoren. Je effizienter sie arbeiten und je geringer der Spritverbrauch, desto kleiner das Interesse an Elektroautos."

Für das augenblickliche Geschäft der Autohersteller mag das Comeback der Benziner einträglich sein. Mittel- und langfristig jedoch könnte sich die Verbrenner-Renaissance als Bumerang erweisen. Automobilwirtschaftler Dudenhöffer: "Das Signal von Genf 'Elektromobilität macht Pause' sollte ernst genommen werden. Es wäre schade, wenn die Entwicklung hin zu den elektrischen Antrieben wieder einschlafen würde."



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johnnychicago 05.03.2012
1. Dieselpower
Zitat von sysopFerrariDie Zukunft fährt elektrisch - unter dem Motto entwarf die Autoindustrie in den vergangenen Jahren kühne Mobilitätsvisionen. Fossile Kraftstoffe kamen darin nicht mehr vor. Nun wird die Industrie von der Realität eingeholt. Auf dem Autosalon in Genf feiert ein alter Bekannter sein Comeback: der Benziner. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,818552,00.html
Mein VW Golf 2.0 TDI mit 140PS verbraucht bei mir 4,9l/100 km. Es hängt eben auch viel von der Fahrweise ab und ich bin weiss Gott kein Schleicher! Strecke: ca. 1/3 Autobahn, 2/3 Landstrasse Ich mache auch gern ein Foto und stelle es hier rein, wenn man mir nicht glaubt!
realpress 05.03.2012
2. Wozu ?
VW beispielsweise enthüllt auf dem Salon den Polo Blue GT, einen fünfsitzigen Kleinwagen mit 140 PS, 210 km/h Höchstgeschwindigkeit und einem Durchschnittsverbrauch von 4,7 Liter. Wozu 140 PS und wozu 210 (!) km/h fragt man sich wenn man in einem Land lebt wo 130 km/h bereits zu einer saftige Strafe führt.
Jonny_C 05.03.2012
3. Jepp !
Zitat von johnnychicagoMein VW Golf 2.0 TDI mit 140PS verbraucht bei mir 4,9l/100 km. Es hängt eben auch viel von der Fahrweise ab und ich bin weiss Gott kein Schleicher! Strecke: ca. 1/3 Autobahn, 2/3 Landstrasse Ich mache auch gern ein Foto und stelle es hier rein, wenn man mir nicht glaubt!
Meine Frau hat die gleiche Maschine, nur mit 170 PS in Ihrem Skoda Yeti. Inclusive längerer Vollgasorgien und immer viel Gepäck liegt ihr Verbrauch bei 6,1 L lt. Fahrtenbuch. Strecke 2/3 Autobahn, 1/3 Stadt. Ich glaube Ihnen !
zaphod_beeblebroxiii 05.03.2012
4. Kann ja sein...
Zitat von johnnychicagoMein VW Golf 2.0 TDI mit 140PS verbraucht bei mir 4,9l/100 km. Es hängt eben auch viel von der Fahrweise ab und ich bin weiss Gott kein Schleicher! Strecke: ca. 1/3 Autobahn, 2/3 Landstrasse Ich mache auch gern ein Foto und stelle es hier rein, wenn man mir nicht glaubt!
d.h. dann brauchen Sie also "im Schnitt" nicht mehr als ca. 15 kw Motorleistung. (bei einem angenommenen Gesamtwirkungsgrad Ihres Antriebs von 33% und einem Energieinhalt von 8,8kWh / l Benzin) Eines ist sicher: Die Energiebilanz muss immer stimmen.. Auch wenn einige Verbrauchsangaben immer an ein Perpetuum Mobile denken lassen. ;-)
Oberleerer 05.03.2012
5.
Zitat von johnnychicagoMein VW Golf 2.0 TDI mit 140PS verbraucht bei mir 4,9l/100 km. Es hängt eben auch viel von der Fahrweise ab und ich bin weiss Gott kein Schleicher! Strecke: ca. 1/3 Autobahn, 2/3 Landstrasse Ich mache auch gern ein Foto und stelle es hier rein, wenn man mir nicht glaubt!
Es geht auch weniger: Übersicht: Volkswagen - Golf - Spritmonitor.de (http://www.spritmonitor.de/de/uebersicht/50-Volkswagen/452-Golf.html?fueltype=1&fuelsort=1&power_s=140&power_e=140&powerunit=2) Im Artikel ging es aber um Benzin-Motoren. Den Herstellerangaben kann man vermutlich nicht trauen. Ich fahre oft Mietwagen, 90% Autobahn. Relevante Verbrauchsunterschiede bei Benzinern konnte ich nicht feststellen. Bin stets bei knapp 10l und dafür fahren die Kisten nur max. 160-180.
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