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Genfer Automobilsalon 2009: Keine-Mätzchen-Autos für die Krise

Aus Genf berichtet Jürgen Pander

Abstürzende Verkaufszahlen, sieche Märkte: Der 79. Genfer Autosalon startet während der vielleicht größten Branchenkrise seit 60 Jahren. Doch während Opel, Chrysler oder Saab ums Überleben kämpfen, hoffen VW und Ford, gestärkt aus der PS-Rezession hervorzugehen.

VW-Vorstandschef Martin Winterkorn versucht, das Beste aus der Situation zu machen. "Die Krise ist wie eine Bereinigung", ruft er ins Publikum. "Sie zwingt unsere Branche, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren." Dann übergibt er an die US-Popprinzessin Pink. Sie soll mit ihrem "Polo-Song" zumindest akustisch die letzten Zweifel aus der Genfer Festhalle fegen.

Am Vorabend des Genfer Salons, der wichtigsten und größten Frühjahrsmesse der Autowelt, schmeißt der VW-Konzern die größte Party. Alle acht Pkw-Marken präsentieren je ein Modell als Weltpremiere. "Es geht darum, den Menschen wieder Lust aufs Auto zu machen", so Winterkorns Parole. Während General Motors seinen traditionellen Empfang in einem hochherrschaftlichen Anwesen am Lac Léman abgesagt hat, sieht es bei VW noch vergleichsweise erfreulich aus: Die Wolfsburger konnten den Gewinn 2008 sogar leicht steigern.

Und das Defilée der VW-Neuheiten deutet an, warum das so ist. Der größte europäische Autokonzern hat derzeit - anders als die US-Konkurrenz - für fast jedes Kundensegment etwas im Angebot.

Vom neuen Polo bis zum Jubiläums-Bugatti

Skoda zeigt den Kompakt-Geländewagen Yeti, der bereits im Spätsommer bei den Händlern stehen soll. Die spanische Marke Seat fährt den Kombi Exeo ST vor, Audi den höher gelegten A4 Allroad und als Debütant der Sparte VW Nutzfahrzeuge rollt der allradgetriebene Caddy auf die Bühne.

Als Kontrast dazu treten auf: Der Bentley Continental Super-Speed mit einem 630 PS starken Motor, der auch Ethanol (E85) tanken kann und als schnellstes Auto der Firmengeschichte gefeiert wird. Weiter der Lamborghini Murciélago LP 670-4 Super Veloce, ein Bolide mit 670 PS zum Preis von 300.000 Euro, von dem 350 Stück gefertigt werden sollen. Und schließlich als Einzelstück der Bugatti Veyron Centennial, das Auto zum hundertsten Geburtstag der Marke. Die rasende Geburtstagstorte kostet netto 1,35 Millionen Euro.

Wichtigste Neuheit des Abends aber ist der neue Kleinwagen Polo, das Auto, das zum Debüt ein eigenes Lied von Pink bekommt. 3,95 Meter lang und "ohne Spielereien oder Gimmicks", wie VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg hervorhebt, tritt der neue Polo an als Musterknabe in der Kleinwagenklasse. 12.858 Euro wird die billigste Version mit fünf Türen kosten. Sie ist ab Juni zu haben; einige Monate später folgen die dreitürigen Versionen.

Der Polo passt perfekt zur gegenwärtigen VW-Botschaft: nämlich dass man jetzt "mit Augenmaß durch die schwierige Phase, von der noch keiner weiß, wie lange sie dauern wird" navigiere, wie Konzernchef Winterkorn sagt. Ein Kleinwagen, der sich jedem Humor verweigert, ein No-frills-Auto - das passt zur Krise.

VW möchte grüner werden

Im nächsten Jahr soll neben dem Flitzer Polo GTI und dem Möchtegern-SUV Cross-Polo auch das Sparmodell Polo Blue Motion auf den Markt kommen, das in Genf noch als Studie deklariert ist. Ausstaffiert mit einem 1,2-Liter-Dreizylinder-Dieselmotor mit 74 PS schluckt das rundum verbrauchsoptimierte Modell im Durchschnitt angeblich nur noch 3,3 Liter pro 100 Kilometer. Das entspricht 87 Gramm CO2 je Kilometer und wäre für ein vollwertiges, fünfsitziges Auto ein erstaunlicher Wert.

"Die Zukunft des VW-Konzerns ist grün", so Winterkorn. Der Wunsch nach umweltfreundlicher Mobilität, das hat der VW-Chef registriert, sei "keine Modeerscheinung". Man habe schon jetzt einhundert Modelle im Angebot, die weniger als 140 Gramm CO2 je Kilometer ausstoßen. "Wir sind bestens gerüstet für die Pole-Position nach der Krise."

Das prophezeit auch Ford-Europachef John Fleming. Bei der Präsentation des Konzeptautos Iosis Max erklärte Fleming, man werde "stärker aus der Krise herausfahren, als man hinein gefahren sei". Auch er kündigte an, man werde sich nun wieder ganz "aufs Produkt" konzentrieren. Zum Beispiel auf die 2010 erwartete neue Kompaktbaureihe Focus, auf deren Design die in Genf enthüllte Kompakt-Van-Studie erste Ausblicke geben soll. Im Übrigen, so Fleming, sei nun die EU gefordert, endlich Industriepolitik zu machen, die diesen Namen auch verdiene und jedwedem Nationalismus und Protektionismus einen Riegel vorschiebe.

Neue Stärke nach der Krise? Der Kollaps als Chance? Die meisten anderen Hersteller sind deutlich vorsichtiger als VW und Ford. Der Europa-Präsident von Toyota, Tadashi Arashima, sagte bei einem Empfang am Vorabend des Autosalons ebenso diplomatisch wie ernst, er erwarte "ein Jahr des tiefgreifenden Wandels" in der Autobranche. Das klingt watteweich - und um sich in diesen ungewissen Zeiten nicht weiter festlegen zu müssen, sagte Arashima die für Dienstag angekündigte Pressekonferenz auf dem Messestand von Toyota kurzerhand ab.

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VW-Markenabend in Genf: Ein Ständchen für den Polo


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