Genfer Autosalon Mini-Flitzer, Brachial-Boliden, Öko-Limousinen

Extreme Sportwagen, smarte Alltagsautos, überall ein bisschen Öko - doch auf diesem Genfer Autosalon zeigen die Konzerne vor allem eines: Ratlosigkeit. So wenig einheitlicher Trend wie in diesem Jahr war selten. Wohin steuert die Branche?

Von Jürgen Pander


"Baby you can drive my car" von den Beatles dröhnt aus den Lautsprechern - da öffnet sich die schwarze Pforte. Im knallroten Kostüm kutschiert Jutta Benz, die Urgroßenkelin von Berta und Karl Benz, den Nachbau des ersten Automobils der Welt auf die Bühne des Mercedes-Messestandes.

Neben ihr auf dem Dreirad: Daimler-Chef Dieter Zetsche, der fröhlich vom Bock springt und erklärt, dies sei das wahre Auto – eine kleine Stichelei Richtung Wolfsburg, wo vor kurzem der Konzernslogan in "Das Auto" geändert wurde.

Die ganz große Überraschung hatte Zetsche dann allerdings auch nicht parat. Er ließ eine Phalanx von einem halben Dutzend neuer Modelle auffahren, die jedoch allesamt schon einmal gezeigt worden waren und eher Variationen bekannter Typen sind als komplett neue Fahrzeuge.

Blue Tech, Blue Efficiency, Vision Hybrid – es wimmelte vor Kunstbegriffen, die ökologische Korrektheit suggerieren sollen. Doch Kompromisse werden nicht gemacht. Als Blue Efficiency geht zum Beispiel auch der kommende Mercedes C 350 CGI durch. Ein Auto mit 3,5-Liter-V6-Motor mit 292 PS, der 8,7 Liter je 100 Kilometer verbrauchen soll. Gewiss ein respektabler Wert für diese Leistung, aber eben kein wirklich zukunftsfähiges Auto.

Das Boliden-Dilemma der Öko-Autos

Es ist das generelle Dilemma aller großen Hersteller, dass sie offenbar glauben, ökologisch relevante Technik werde nur dann wahrgenommen, wenn sie mit einer Leistungssteigerung einhergehe. Die Taktik macht immer gleich einen Teil des Einsparpotenzials zunichte.

Einen Durchbruch vermeldete Mercedes-Forschungsvorstand Thomas Weber dann doch noch: Im kommenden Jahr werde die Lithium-Ionen-Batterie erstmals in einem Serien-Pkw, der S-Klasse mit Hybridantrieb eingesetzt. Ansonsten lieferten die Schwaben vor allem die tollsten Bilder der Autoshow: Eine chinesische Ballett- und Artistengruppe wirbelte spektakulär über die Bühne.

Viel nüchterner ging es bei BMW zu, wo Entwicklungsvorstand Klaus Draeger ein Diesel-Hybrid-Konzeptauto im Gewand des Geländewagens X5 vorstellte. Der Wagen wird in dieser Form vermutlich niemals auf die Straße kommen. Nebenan ließ Mini die Muskeln spielen mit der Premiere der 211 PS starken "John Cooper Works"-Varianten des Mini und Mini Clubman, die von Twinturbo-Motoren befeuert werden und ab dem Sommer auf den Straßen mitmischen wollen.

Ruhig blieb es bei VW, wo ja bereits am Vorabend der Premierenreigen gestartet worden war. Dafür punktete die direkte Konkurrenz. Opel zeigte eine überzeugende Meriva-Studie mit gegenläufig öffnenden Türen, die allerdings erst in zwei Jahren marktreif sein wird. Ford wiederum tischte den Kompakt-SUV Kuga in seiner endgültigen Form sowie den neuen Fiesta auf. Besonders wegen seiner grellen Himbeer-Pink-Lackierung fiel das Auto ins Auge. Der Kleine wirkt stämmig, etwas unruhig und im Vergleich zu früheren Ford-Kleinwagen um ein Vielfaches moderner.

Selbst Bentley will jetzt nachhaltig sein

Renault überraschte durch einen Vorgeschmack auf den kommenden Kompaktwagen Mégane. Obwohl auf dem Drehteller ein rassiger Viersitzer mit horizontal geteilten Flügeltüren rotierte, erklärten Renault-Mitarbeiter, es handle sich "um eine 80-Prozent-Studie". Will heißen, dass 80 Prozent des kühnen Karosserieentwurfs für das Serienmodell übernommen werden. Es wäre mal wieder eine optische Revolution durch die französische Marke. Bei der nächsten großen Automesse in Europa, dem Autosalon in Paris Ende September wird sich herausstellen, ob sie gelingt, denn da soll der Serien-Mégane debütieren.

Zu den Messe-Novitäten, die bald das Straßenbild bereichern werden, gehören weiterhin der neue Honda Accord, der in Genf als Limousine und Kombi debüiert. Sodann der Fiat Fiorino, ein putziger Hochdachkombi im Kleinformat, der elegante und trotz seines Volumens schlank wirkende Volvo XC 60 sowie der Kompaktkombi Peugeot 308 SW. Schade, dass die Franzosen das ansprechend gestylte Auto mit der allerdings sehr unruhigen Fenstergrafik in einem seltsamen Schlammgrau unter die Scheinwerfer stellten.

Farbtupfer – zumindest sprachlich – waren einmal mehr die zahlreichen Sparvarianten diverser Hersteller, etwa die schon genannten "Blue Efficiency"-Typen von Mercedes oder der neue Skoda Superb, der auch gleich in einer Öko-Version namens Green Line vorgestellt wurde. Selbst die Luxusmarke Bentley will da nicht mehr zurückstehen und schwenkt auf die Nachhaltigkeitslinie ein. Man werde, verkündete Bentley-Chef Franz-Josef Paefgen, einen Wert von 120 Gramm CO2 je Kilometer bis 2012 erreichen. Allerdings dürfe man das nicht am Auspuff messen, sondern in einer komplexen "well to wheel"-Berechnung, die das gesamte Autoleben in Betracht zieht.

Eine stramme Vorgabe bleibt es dennoch, denn in der "well to wheel"-Kategorie liegt Bentley nach eigenem Bekunden derzeit bei 450 Gramm CO2 je Kilometer. Daher komme vor allem auch Leichtbau in Betracht, so Paefgen. Was genau das bedeutet? "Wir prüfen jedes Material, das weniger als zehn Euro pro Kilo kostet."

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