Techrules AT96 Dieser Wagen macht viel Wind

Der AT96 zählt zu den verrücktesten Autos, die auf dem Genfer Salon stehen: Er hat 1044 PS und einen sagenhaft niedrigen Verbrauch. Möglich mache das eine Turbinentechnik, behauptet der Erfinder.

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Aus Genf berichtet


Der Mann, der neben der Bühne steht, wird später von sich selbst behaupten, er sei ein Genie. Matthew Jin trägt einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd, schwarze Schuhe und ein kabelloses Headset. Eine Hand steckt locker in der Hosentasche.

Es ist Dienstag, 12.15 Uhr, auf dem Automobilsalon in Genf. Unter einem silberfarbenen Tuch zeichnet sich ein monströser Sportwagen ab. Lichtkegel zucken über den verhüllten Boliden, ohrenbetäubende Musik kündigt Großes an. Eine Weltpremiere aus China. Jins Weltpremiere.

Premiere des AT96 in Genf
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Premiere des AT96 in Genf

22 Jahre jung ist der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt. Mit dem AT96 (Aviation Turbine) hat er eine Sportwagenstudie entwickelt, die die Autobranche erdrutschartig verändern könnte: ein Fahrzeug mit Range Extender, angetrieben von sechs Elektromotoren, die von einer Turbine mit Energie gespeist werden. Betankt mit Kerosin, Diesel oder Biogas, soll der 1044-PS-Wagen im besten Fall nur 0,18 Liter auf 100 Kilometern verbrauchen - bei einer Reichweite von 2000 Kilometern.

Das klingt nach einem Wunderwagen von einem Wunderknaben. Leistungsstark wie ein Bugatti und sparsamer als ein ferngesteuertes Modellauto mit Verbrennungsmotor. Hält die Studie nur annähernd, was sie verspricht, können Audi, BMW und Daimler einpacken. Und Jin wäre das, was er glaubt zu sein: ein Genie.

Viele Nachteile - aber ein zeitgemäßer Ansatz

Zielstrebig betritt der 22-Jährige die Bühne. Seine Hand steckt immer noch in der Hosentasche, als er zu reden beginnt. Zwar hängen in der Ecke Teleprompter, doch der Mann präsentiert frei in akzentfreiem Englisch.

"Weil Turbinen ein sehr ineffizienter Weg waren, chemische Energie in mechanische Energie zu verwandeln, haben nur wenige versucht, eine Turbine in den Antriebsstrang zu integrieren. Und keiner hatte damit kommerziellen Erfolg", doziert er. Aber mit der Elektromobilität sei die Zeit der Turbine gekommen. Nun diene sie nicht mehr als eigentlicher Antrieb, sondern als extrem effizienter Reichweitenverlängerer.

Ein vorbeigehender Journalist flüstert leise in die Runde: "Ein Auto aus China?" Als Kollegen nicken, verdreht er die Augen und zieht weiter.

Seine Reaktion: verständlich. Allzu oft entpuppten sich große automobile Ankündigungen aus dem Reich der Mitte als leere Versprechen. Qoros, der erste chinesische Autohersteller mit fünf Sternen im Crashtest, kämpft derzeit ums Überleben. Die Pläne des Herstellers Landwind, in Deutschland ein Händlernetz aufzubauen? Nichts mehr davon gehört.

Was soll also Techrules können, was die etablierten Hersteller mit ihren riesigen Entwicklungsabteilungen nicht auf die Reihe kriegen?

Bitte nicht unterschätzen

Klaus Schmitz, Partner bei der renommierten Beratungsfirma Arthur D. Little, warnt davor, Unternehmen wie Techrules zu unterschätzen. Auch wenn er die Bedenken von Entwicklern gegenüber der Turbinentechnik nachvollziehen kann. Denn diese habe zunächst mehrere Nachteile: Turbinen vertragen keine langen Standzeiten, sie besitzen im Mikroformat einen schlechten Wirkungsgrad und machten außerdem die Abgasnachbehandlung fast unmöglich, führen Skeptiker an.

Trotzdem passen "solche disruptiven und innovativen Lösungsversuche in die Zeit", glaubt Schmitz: "Nach 130 Jahren Automobilbau sind wir wieder in der Erfinderphase", sagt er. "Künftig werden wir mehr solcher kreativen Ansätze sehen."

Not macht erfinderisch, heißt ein altes Sprichwort. Und der Druck in der erfolgsverwöhnten Autoindustrie, die eigene Rolle und Lösungen neu zu definieren, ist groß. Von überall drohen Risiken: Dem Kunden scheint ein eigenes Auto nicht mehr so wichtig, er teilt es lieber oder lässt sich von neuen Fahrdiensten chauffieren. Zudem wollen mächtige Unternehmen wie Google oder Apple im Rennen um die Mobilität von morgen mitmischen. Selbst wenn sich nicht jeder neue Lösungsvorschlag bewähren wird, brächten sie die gesamte Autoindustrie voran, glaubt Schmitz. Nämlich, indem sie einen Beitrag zu mehr Innovationen und neuen Ansätzen lieferten.

"Schule, das ist für normale Menschen"

Das System in Jins AT96 funktioniert so: Eine Turbinenwelle treibt einen Generator an, die Welle dazwischen ist luft- statt ölgelagert und lässt sich über ein Magnetfeld ausrichten. Der Generator wiederum erzeugt Strom, um die Batteriezellen aufzuladen, die dann die Elektromotoren mit Energie versorgen. Zwei der sechs E-Aggregate sitzen im Frontbereich des Wagens, vier im Heck.

Matthew Jin erläutert Journalisten das Konzept seines Autos
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Matthew Jin erläutert Journalisten das Konzept seines Autos

Dass das erste Supercar aus China mit Kerosin befüllt werden muss, das normale Tankstellen nicht bereithalten, bremst Jin nicht in seiner Euphorie. "Der Antrieb funktioniert auch mit Diesel", sagt er. Eine Version des Supercar mit dem Kürzel GT, das ebenfalls in Genf zu sehen ist, könne dank kleinerer technischer Veränderungen zudem mit Biogas fahren.

"Der Wagen ist ein Monster", schwärmt der Erfinder. Er selbst testete das Auto, das größtenteils aus Kohlefaser besteht und in England und Italien gebaut wurde, im Februar auf der legendären Silverstone-Rennstrecke in Großbritannien. Viel zu schnell sei er dort in eine Kurve gefahren. Doch der Bolide mit einem maximalen Drehmoment von 8600 Nm und der Höllendrehzahl von 9600 U/min habe pariert.

In zwei Jahren soll ein Supercar wie der in Genf präsentierte Wagen in Serie gehen, später könne ein kleinerer Stadtwagen folgen. Produziert werden sollen die Autos in einer eigenen Fabrik. Große Pläne für die junge Firma aus Peking, die erst vor wenigen Monaten gegründet wurde und deren chinesische Mutterfirma, Txr-S, in Europa keiner kennt.

Wieso Jin ausgerechnet auf die Turbinentechnologie kam, erklärt dieser lapidar mit Experimenten von vor fünf Jahren. Ob er damals nicht hätte noch zur Schule gehen müssen? "Schule, das ist für normale Menschen", sagt er. Ganze Bücher habe er im Kopf, sein Gedächtnis funktioniere fotografisch. "Außerdem wollte ich etwas Neues tun und nicht nur den Verbrennungsmotor verbessern", erklärt er. "Ich bin eine Art Genie", sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, der nichts Arrogantes anhaftet.

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Seite 1
penie 02.03.2016
1. Wunderwagen von einem Wunderknaben?
Mit einer Turbine, wie sie z.B. in Flugzeugen verbaut wird? Das gibt es schon seit ewigen Zeiten. Leistung, Wirkungsgrad, etc: Alles wohlbekannt. Absolut lächerlicht, solche Verbrauchsangaben zu glauben.
w.diverso 02.03.2016
2.
Eigenartige Meldung. Normale Turbinen wie sie in Flugzeugen verwendet werden, haben einen Wirkungsgrad von zirka 40 Prozent. Wenn die in dem Auto verwendete nicht eine "kalte" Verbrennung schafft, wird ihr Wirkungsgrad nicht viel anders sein. Moderne Dieselmotore mit Direkteinspritzung kommen auf bis zu 45 Prozent Wirkungsgrad. Also recht ähnlich. Wie der Genie auf die angegebene Reichweite kommt, ist rätselhaft. Aber wenn er mal übrige Zeit hat, könnte er vielleicht sogar das Perpetuum mobile erfinden.
hgri 02.03.2016
3. 18cl/100km
Mit etwa 9 Schnapsgläsern voll Kerosin wird dieses Wunder vollbracht. (Im besten Fall, schon klar). In der Tat, der Mann ist ein Genie.
assiwichtel 02.03.2016
4.
Zitat von w.diversoEigenartige Meldung. Normale Turbinen wie sie in Flugzeugen verwendet werden, haben einen Wirkungsgrad von zirka 40 Prozent. Wenn die in dem Auto verwendete nicht eine "kalte" Verbrennung schafft, wird ihr Wirkungsgrad nicht viel anders sein. Moderne Dieselmotore mit Direkteinspritzung kommen auf bis zu 45 Prozent Wirkungsgrad. Also recht ähnlich. Wie der Genie auf die angegebene Reichweite kommt, ist rätselhaft. Aber wenn er mal übrige Zeit hat, könnte er vielleicht sogar das Perpetuum mobile erfinden.
Durch den unsinnigen NEFZ-Test können solche Verbrauchswerte erreicht werden. Wenn der Akku grösser wäre ginge sogar noch weniger. Einfach in einen Tesla eine Turbine mit Generator einbauen, nach NEFZ 0.00 l/100km! Jaguar hatte doch auch schon ein Showcar mit Turbine, Probleme: - Abgaswerte - Wärmeentwicklung - Schalldämmung des Abgasstrangs
seniorexpert 02.03.2016
5. Hochgejubelter Schwachsinn
Abgesehen davon. dass derartige Monster nirgends gebraucht werden, es besteht aus nichts außer heisser Luft. Und es wäre eine Aufgabe der Journaille, das aufzudecken, kompetent nachzufragen und nicht den Unsinn vermeintlich Hochbegabter zu verbreiten. Turbinen in diesem Leistungsbereich sind extrem ineffizient, der angebene Verbrauch ein Marketing-Gag. Kerosin, Diesel oder Biogas, die Energieträger der Zukunft. Was heisst "Höllendrehzahl" von 9600 U/min? Für eine Turbine ist das wenig, wo oder was dreht in dem "Boliden" mit dieser Drehzahl? Es wäre zu wünschen, dass es derartige Produkte nicht weiter beachtet werden, es würde uns den darauf folgenden journalistischen Dünnschiss ersparen
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