Gerichtsurteil Vorfahrt an der Autobahnauffahrt kann sich ändern

Wer auf die Autobahn auffährt, muss dem Verkehr auf der durchgehenden Fahrbahn Vorfahrt gewähren? Das gilt meistens, aber nicht immer - wie ein Gerichtsurteil zeigt.

Langer Stau auf der Autobahn A7
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Langer Stau auf der Autobahn A7


Beim Beschleunigungsstreifen der Autobahn gilt in der Regel: Wer auffährt, muss dem Verkehr auf der durchgehenden Fahrbahn Vorfahrt gewähren. Bei Stop-and-go kann diese Regel aber entfallen, wenn der Verkehr länger zum Stehen gekommen ist, wie aus einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm hervorgeht, über das die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) berichtet.

Ein Autofahrer wollte seinerzeit von einem Rastplatz auf die Autobahn A 45 in Richtung Frankfurt auffahren. Dort staute sich der Verkehr. Seinem Vordermann gelang es noch, sich vom Beschleunigungsstreifen kommend zwischen zwei Lkw auf der rechten Spur einzufädeln. Er selbst kam schräg zum Stehen - halb auf der Fahrbahn und halb auf dem Beschleunigungsstreifen. Als der hintere Sattelzug wieder anfuhr, übersah dieser das Auto und stieß mit ihm zusammen. Der Autofahrer sollte im Bußgeldverfahren vor dem Amtsgericht 110 Euro zahlen, weil er wartepflichtig gewesen sei.

Das Oberlandesgericht wiederum urteilte: Kein Vorfahrtsverstoß. Diese Vorfahrtsregel gelte zwar auch bei Stop-and-go-Verkehr. Aber nicht dann, wenn der Verkehr auf der durchgehenden Spur derart zum Stehen gekommen sei, dass in kürzerer Zeit nicht mit einer Weiterfahrt zu rechnen sei.

Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme

Der Lkw-Fahrer hatte ausgesagt, dass er circa drei bis vier Minuten gestanden hatte. Dann, so das Gericht, hätte die Vorfahrt gar nicht mehr bestanden, sondern das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme.

mhu/dpa

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insgesamt 103 Beiträge
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Jo-achten-van-Haag 07.09.2018
1. Alter Hut
Erzwungene Vorfahrt. Aber wieder mal typisch für die Knöllschenschreiber, auf jeden Fall einen Bußgeldbescheid raushauen. Aber das sind ja auch nur Verwaltungsangestellte. Deshalb jeden Bußgeldbescheid hinterfragen.
Querkopf58 07.09.2018
2. wieder mal ein weltfremdes Urteil
Welcher Lkw-Fahrer kennt die dargestellte Situation nicht? Da wird ( ja auch im Stau) unmittelbar vor dem Lkw auf die Spur gefahren oder wie hier beschrieben, stellt man sich erst einmal halb in die Spur. Man MUSS ja unbedingt noch rein. Das der Lkw-Fahrer auf Grund der baulichen Gegebenheiten diesen Pkw wahrscheinlich gar nicht sehen kann (toter Winkel) interessiert keinen, am wenigsten die Richter. Warum werden entsprechende Systeme an Lkw nicht verbindlich vorgeschrieben? Es gibt sie doch und sie sind auch nicht so teuer. Denn das sich das Verhalten der Pkw-Fahrer ändert, glaubt doch wohl niemand.
Christine R 07.09.2018
3. Kann ein LKW-Fahrer überhaupt sehen
was direkt vor seinem Fahrzeug unten so steht? Welcher Depp drängelt sich denn in den toten Winkel eines Brummis, nur damit er zehn Meter spart? Der LKW-Fahrer war m.E. nur im Unrecht wenn er das Auto überhaupt hätte sehen können.
St.Baphomet 07.09.2018
4. Ist ja irre
Es existiert ein "Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme" im Straßenverkehr. Wissen die Fahrschulen dies? Nach meiner Erfahrung im täglichen Berufsverkehr eher nicht. Ist ersetzt worden durch."Dreistigkeit siegt".
Korken 07.09.2018
5. Im Gegensatz zu
Im Gegensatz zu den ersten Kommentatoren muss ich doch darauf hinweisen, dass den LKW Fahrer auch im toten Winkel ein Mitverschulden trifft. Das Problem kennt man ja auch von den Radfahrern im Stadtverkehr beim Rechtsabbiegen eines LKW. Es nennt sich allgemeine Betriebgefahr, die auch PKW Fahrer eingehen. Selbst wenn sie im recht waren oder Vorfahrt hatten, kann sie eine Teilschuld treffen. Das klingt ungerecht und widerspricht auch dem Gerechtigkeitsgefühl, ist aber so.
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