Geschützter Fahrradweg "Kampfradler sind auch das Ergebnis einer schlechten Infrastruktur"

Berlin hat als erste Kommune in Deutschland einen geschützten Radweg vorgestellt. Sollen mehr Menschen vom Auto aufs Fahrrad umsatteln, braucht es davon nach Expertenmeinung mehr.

Geschützter Radstreifen (Entwurf)
SenUVK, Visualisierung: Bloomimages

Geschützter Radstreifen (Entwurf)

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SPIEGEL ONLINE: Herr Graf, Berlin will als erste Kommune geschützte Radwege bauen. Sollte der gezeigte Prototyp mit Pollern als Absperrung und grüner Fahrbahnmarkierung in Deutschland Schule machen?

  • Institut für innovative Städte
    Thiemo Graf, geb. 1982, Diplom-Kaufmann, ist Gründer und Inhaber des Instituts für innovative Städte, einem privaten Fachbüro für Fuß- und Radverkehr sowie Stadtentwicklung. Mit seinem Team berät und begleitet er Kommunen, Behörden und Ministerien in der Radverkehrsförderung.

Thiemo Graf: Unbedingt. Hierzulande tobt noch immer ein Glaubenskrieg, wo der Radweg geführt werden soll - auf der Straße oder im geschützten Seitenraum, beispielsweise neben dem Bürgersteig. Bisher zogen die Verkehrsplaner weiße Streifen auf die Straße - und das war es. Doch die Praxis hat gezeigt, dass die Markierungen Autofahrer nicht davon abhalten, den Fahrradweg als Parkplatz zu missbrauchen, oder sie überfahren ihn, wenn rechts daneben ein Stellplatz ist.

SPIEGEL ONLINE: Die weißen Streifen zur Abtrennung der Fahrradwege waren ein Irrweg der Verkehrsplaner?

Graf: Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, welchen Anspruch ich habe. Baue ich Fahrradwege für Menschen, die bereits täglich mit ihrem Rad unterwegs sind, reichen die Markierungen aus. Möchte ich aber mehr Menschen zum Fahrradfahren bewegen, dann muss ich als Stadt oder Kommune alles daran setzen, das Sicherheitsgefühl der Menschen zu steigern. Und das erreiche ich nur, wenn ich ihnen einen von Autos oder Lkw separierten Raum zuteile.

SPIEGEL ONLINE: Ist der geschützte Fahrradweg nicht die Kapitulation vor dem Autoverkehr?

Graf: Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil: Er macht das Fahrradfahren besonders attraktiv. Kurze Frage: Wo setze ich mich im Auto hin, wenn ich mitgenommen werde? Automatisch auf den Beifahrersitz, weil es kommunikativer ist. Der abgetrennte Fahrradweg ermöglicht es Eltern mit Kind, nebeneinander zu fahren. Der soziale Aspekt ist ganz wichtig, wenn wir künftig mehr Radverkehr wollen.

SPIEGEL ONLINE: Berlin will zusätzlich zu den Pollern die Fahrbahn für Räder grün markieren...

Graf: Farbe hilft - und zwar als Marketinginstrument. Jedes Unternehmen wirbt für seine Produkte. Und was haben die Städte getan? Ihre Fahrradwege geradezu versteckt. Durch die Farbe signalisiere ich dem Autofahrer: Hey, hier kannst du super Fahrrad fahren! Damit bewege ich Menschen umzusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Stirbt durch den geschützten Raum der sogenannte Kampfradler aus? Jener Typ, der sich mit verrohten Sitten und regelwidrigem Verhalten seinen Weg durch den Verkehr bahnt?

Graf: Kampfradler sind auch das Ergebnis einer schlechten Infrastruktur. Zwar gibt es immer und überall einen gewissen Prozentsatz an Idioten, doch es fällt auch mir als Radfahrer schwer, mich an Regeln zu halten, wenn ich den Sinn der Verkehrsführung nicht erkenne. Da enden Fahrradwege im Nichts, oder es gibt an der Ampel keine Möglichkeit, links abzubiegen.

SPIEGEL ONLINE: Ich stelle mir das gerade vor: Mutter und Kind, unterwegs auf dem geschützten Radweg, dahinter ein Rennradfahrer mit doppeltem Tempo - kann das wirklich gut gehen?

Graf: Eine vernünftige Infrastruktur mit breiten Wegen kann alle Radfahrer glücklich machen, den Rennradfahrer wie den Rentner. Holland zeigt, dass es geht. Dort dürfen selbst Mopeds mit 45 km/h über die Fahrradwege fahren. Nicht, dass ich mir das für Deutschland wünsche. Aber das Beispiel zeigt, dass unterschiedliche Geschwindigkeiten auf einer Strecke möglich sind.

Fahrradweg im niederländischen Nimwegen
Jochen Tack / imago

Fahrradweg im niederländischen Nimwegen

SPIEGEL ONLINE: Alle Radler sollen sich eine Fahrspur teilen, während dem Auto oft mehrere Spuren zur Verfügung stehen. Ist das nicht ungerecht?

Graf: Im Grunde ja. Es gibt in Deutschland noch keine Flächengerechtigkeit. Auf einem Parkplatz könnten sieben bis zehn Fahrräder stehen, im Fahrverkehr gilt das Gleiche. Wenn wir mehr Radverkehr wollen, müssen wir Platz Zugunsten der Radfahrer umverteilen.

SPIEGEL ONLINE: Das dürfte die Autofahrer ärgern...

Graf: Die sollten sich glücklich schätzen. Denn mehr Radfahrer bedeuten auch weniger Stau.

SPIEGEL ONLINE: Müssen auch die Fußgänger Einbußen hinnehmen?

Graf: Soweit darf es nicht kommen. In manchen Städten ist das in der Vergangenheit passiert, beispielsweise in Kopenhagen. Davon konnte ich mich selbst überzeugen: Im vergangenen Dezember war ich dort und habe geholfen, Fahrräder vom Gehweg wegzuräumen, damit ein Rollstuhlfahrer weiterfahren konnte. Kopenhagen wurde vom eigenen Erfolg buchstäblich überrollt. Es fehlt an Abstellmöglichkeiten für Räder.



insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
wasistlosnix 09.11.2017
1. Super
Ein Radweg der nicht zugeparkt werden kann.
toll_er 09.11.2017
2. Kampfradler soso
Schuld an den Kampfradlern ist die Infrastruktur... also:; Wie immer die anderen. Fassen Sie sich doch bitte mal an den Kopf, da stimmt was nicht. Der "Kampfradler" ist eine Spezies sehr aggressiver Mitmenschen, die auf dem Rad endlich ein schönes Betätigungsfeld gefunden haben, dass ja von Menschen wie Ihnen noch gerechtfertigt wird.
stammtischhistoriker 09.11.2017
3. Raser
Was ist mit rücksichtslosen und gefährlichen Autofahrern? Sind die auch das Ergebnis einer schlechten Infrastruktur oder sind das einfach nur schlechte Menschen? Oder ist es vielleicht so, dass es Ar*****er gibt, und die fahren halt Autos und Fahrräder?
DanielHartmut 09.11.2017
4. Bevor die lieben Radfahrer…
… jetzt ihre vergoldeten Radwege bekommen, sollten wir zunächst über Kennzeichen, Fahrradsteuern und eine verpflichtende Fahrradprüfung nachdenken. Es kann nicht sein, dass sich Radfahrer an keine Regeln halten müssen und der Autofahrer die Zeche zahlt.
Benjowi 09.11.2017
5. Manche sind wohl gleicher vor dem Gesetz?
Zitat: "...doch es fällt auch mir als Radfahrer schwer, mich an Regeln zu halten, wenn ich den Sinn der Verkehrsführung nicht erkenne." Wenn ich mich so als Autofahrer verhalte und mich nur an Regeln halte, deren Sinn ich erkenne, bin ich in kürzester Zeit den Führerschein los. Seit wann darf man wählen, welche Regeln iman einzuhalten gedenkt. Der Gipfel ist noch, wenn es zu einem Unfall wegen gravierendem Regelverstoß des Radlers mit einem Kfz kommt, ist obendrein der Autofahrer Schuld.
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