Getunte Golfwägelchen Mit dem Hummer zum Putting Green

Sie sind lahm, haben eine katastrophale Kurvenlage und sehen aus wie fahrende Hollywoodschaukeln: Golfwagen sind nicht gerade die automobile Erfüllung. Es sei denn, sie stammen von Michael Hruby. Er macht aus drögen Elektrovehikeln coole Rasenkreuzer.


Die Amerikaner stöhnen über die hohen Benzinpreise und nehmen wehklagend Abschied von übergroßen Geländewagen - doch der Trennungsschmerz lässt sich lindern: Niemand muss auf Dickschiffe wie den Hummer oder den Cadillac Escalade komplett verzichten. Dank findiger Unternehmer wie Michael Hruby gibt es jetzt eine ziemlich smarte Alternative zu den Riesen-SUVs – nämlich die geschrumpften Varianten der Dickschiffe als Golfwägelchen mit Elektroantrieb.

Die sind zwar ein paar Nummern kleiner und natürlich auch nicht ganz so schnell. Doch immerhin liefert die Firma Luxury Carts ihren Kunden von Hawaii aus die nahezu perfekte Illusion vom großen Geländewagen und rüstet pro Jahr Hunderte Golfwagen zu veritablen Prunkwagen auf. Mehr als die Hälfte der gepimpten Zuckelmobile fahren sauberer als die meisten Originale: nämlich mit Strom.

Die Liste von Hrubys sogenannten Custom Carts, die es als kurze Zweisitzer, in Ausführungen mit vier Plätzen und – wie bei jedem klassischen US-Karosseriebauer – als Stretch-Versionen mit dritter Sitzbank gibt, ist so bunt wie das Treiben auf den Parkplätzen der noblen Golfclubs. Sie reicht von einer freizügigen Interpretation des offenen Mercedes CLK ("La Benz") über den Bentley Continental und den Dodge Ram bis hin zu den beiden großen Hummer-Modellen H1 und H2 oder dem Jeep Wrangler.

"Aber das meistverkaufte Fahrzeug des Sortiments ist der Cadillac Escalade", sagt Hruby, der sein Geschäft seit zehn Jahren betreibt und für manche Modelle sogar eine offizielle Lizenz des Fahrzeugherstellers hat. Der Umbau ist aufwändiger als gedacht, denn es wird nicht nur eine neue Plastikkarosserie über die Chassis mit Elektro- oder Benzinmotoren gestülpt. Auch das Interieur wird stilgerecht veredelt: Plüschige Teppiche, bequeme Ledersessel, soundgewaltige Musikanlagen für die Disco an Loch zwölf – alles nur eine Frage des Preises. Schon das Basismodell "La Benz" kostet fast 16.000 Dollar, für den Bentley-Verschnitt ruft Hruby 22.450 Dollar auf, und es geht natürlich auch noch deutlich teurer.

Golf-Carts-Markt im Volumen von 600 Millionen Dollar

Die Geschäfte laufen blendend. "Immer mehr Menschen erkennen, dass sie hier für einen Aufschlag von 3000 oder 4000 Doller einfach ein cooles Gefährt bekommen", sagt Hruby und liegt damit offenbar im Trend. US-Zeitungen berichten von einem stetig wachsenden Markt für "Custom Carts", die mittlerweile rund ein Viertel des Geschäfts mit den Golfwagen ausmachen. Das summiert sich allein in den USA auf rund 600 Millionen Dollar im Jahr.

Geschäfte macht Hruby aber nicht nur in den USA, wo es vor allem in den Sonnenstaaten Kalifornien und Florida Dutzende Umrüstfirmen für Golf-Carts gibt. Von Hawaii aus verschickt Luxurycarts.com die Elektroflitzer in die ganze Welt. "Wir haben Kunden in Asien und Europa", sagt Hruby und berichtet zum Beispiel von einer handvoll Escalade- und Hummer-Modellen, die auch über deutsche Golfplätze kreuzen. "Rechnen Sie rund 2000 Dollar für den Versand oben drauf, schon steht ein Luxury-Cart auch vor Ihrer Tür."

Im Hot Rod über den Edelrasen

Nach einem ähnlichen Konzept arbeitet Craig Schmidt, der seine Leidenschaft für Hot Rods und seine Lust am Golfspiel in der Firma "Streetrod Productions" gebündelt hat und nun 150 bis 200 Golfwagen jährlich zu regelrechten Showcars umrüstet. Damit zielt er vor allem auf die älteren Kunden im amerikanischen Süden. "Ich glaube, die Pensionäre genießen es, wenn sie im Ruhestand mit den Traumwagen ihrer Jugend unterwegs sind", sagt Schmidt und zeigt Kleinlaster im Retro-Stil und Old-School-Roadster, auf deren Kühlergrill die Lackflammen züngeln. Das gefällt auch im Ausland. Schmidt: "20 Prozent der Produktion gehen in den Export."

Der Erfolg der coolen Karren liegt aber nicht nur am geschickten Marketing und am schlechten Image der Standard-Carts. Verantwortlich dafür ist auch die neue US-Gesetzgebung, die solche Fahrzeuge als "Neighborhood Electric Vehicle" einstuft und für den Stadtverkehr zulässt. Gerade in Zeiten rasant steigender Benzinpreise ist das für viele Amerikaner ein schöner Trost: Jetzt können sie auch weiterhin mit dem Hummer, dem Cadillac Escalade oder der Dodge Viper zum Briefkasten fahren - und müssen dafür keinen einzigen Tropfen Sprit verbrennen.



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