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21. Januar 2012, 10:12 Uhr

GM-Forschungsprojekt "Windows of Opportunity"

Fummeln auf der Rückbank

Von Tom Grünweg

Gameboy war gestern, in Zukunft wird auf den Autoscheiben gedaddelt. Der US-Autokonzern General Motors arbeitet an einer Technik, die Computerspiele auf den hinteren Seitenscheiben von Pkw projiziert.

"Wann sind wir da?" Sobald diese Frage mit vorwurfsvollem Unterton vom Rücksitz kommt, wissen Eltern, dass ihnen jetzt der anstrengende Teil der Autofahrt bevor steht. Gut, wenn man einen Gameboy oder ein iPad dabei hat, bei jüngeren Kindern tun es auch Hörspiele von Ritter Rost oder eine CD von Hexe Knickebein. In Zukunft wird man sich um diese Dinge vielleicht gar nicht mehr kümmern müssen, denn dann könnte ein multifunktionales Unterhaltungsprogramm für die Mitfahrer in der zweiten Reihe serienmäßig an Bord sein.

Die Entwickler des US-Herstellers General Motors jedenfalls arbeiten daran. Gemeinsam mit Studenten der israelischen Kunst- und Designakademie Bezalel haben die Ingenieure aus Detroit das Projekt "Windows of Opportunity" gestartet. Das soll, so heißt es in der Projektbeschreibung ziemlich vollmundig, Passagieren im Fond - egal ob groß oder klein - buchstäblich einen neuen Blick eröffnen, die Aufmerksamkeit anregen, ihre Neugier wecken und sie für die Welt außerhalb des Fahrzeugs sensibilisieren.

Herzstück des Systems sind interaktive Seitenscheiben, die als Projektionsflächen für die Bordelektronik dienen und deren Grafikprozessor beispielsweise auf die Fahrgeschwindigkeit oder die Topografie am Straßenrand reagiert. "Bislang waren Hightech-Systeme zur Unterhaltung meist den Passagieren in der ersten Reihe vorbehalten", sagt Projektleiter Tom Seder. "An die Menschen auf dem Rücksitz dachte kaum jemand."

Voyeurismus bei Tempo 130

Vier Apps haben die Bezalel-Studenten bisher entwickelt. Eines davon heißt "Otto". Dabei flattert ein freundliches Vögelchen gleichen Namens passend zum Tempo des Wagens über die Scheibe, springt dabei scheinbar auf die Bäume am Straßenrand und lenkt so den Blick auf landschaftliche Besonderheiten. Die App "Foofo" wiederum projiziert pinkfarbene Wölkchen aufs Glas, die mit dem Finger - wie eine beschlagene Scheibe - zu Fenstermalereien genutzt werden können.

Auch die Vernetzung der Hinterbänkler verschiedener Autos ist eingeplant. Mit dem Programm "Pond" lässt sich eine Brücke zum Ampel- oder Staunachbarn schlagen, über die Musiktitel ausgetauscht oder Kurznachrichten gesendet werden können. Und mit "Spindow" lugt man auf die interaktiven Fenster anderer Nutzer. Voyeurismus bei Tempo 130 - das dürfte wohl die beliebteste Applikation werden. Einziger Wermutstropfen: Bei General Motors gibt es derzeit keine Auskunft, ob und wann die smarten Seitenscheiben künftig in Serie gehen könnten.

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