GM-Segway Projekt PUMA Der fahrende Witz

Ein Jahrhundert lang konnten die Autos des General-Motors-Konzerns nicht groß genug sein - und jetzt plötzlich präsentiert der Konzern einen fahrbaren Witz. In New York stellte das angeschlagene Unternehmen einen Winz-Wagen vor, der den Stadtverkehr revolutionieren soll.


GM taumelt von einem Extrem ins andere. Lautstark wurde der Autokonzern in den vergangenen Monaten für seine vollkommen überholten Dickschiffe vom Schlage Hummer oder Cadillac Escalade gescholten - nun geht das Unternehmen mit dem wohl kleinsten Auto der Neuzeit in die Offensive. Allerdings hat die jetzt im Vorfeld der New York Autoshow präsentierte Studie des Projekts PUMA (Personal Urban Mobility and Accessibility) mit der üblichen Vorstellung von einem Personenkraftwagen nicht mehr viel gemein. Die Ansprüche an das Auto sind jedoch GM-typisch riesig: Denn die eigenwillige Mischung aus selbstfahrender Einkaufskarre, Motorroller und Sportcabrio soll den automobilen Stadtverkehr revolutionieren.

An sich ist das ein ebenso hehres wie dringendes Projekt. Denn schon heute lebt das Gros der Menschen in Großstädten, und wenn die Urbanisierung nur halb so schnell weitergeht, wie es die Forscher erwarten, droht Metropolen wie New York, Tokio oder Rio de Janeiro bald der finale Verkehrskollaps - von Dauersmog und Frischluftmangel ganz zu schweigen.

Um die Mega-Citys vor Infarkt und Erstickung zu bewahren, hat der Krisenkonzern gemeinsam mit dem Stehroller-Hersteller Segway das Projekt PUMA aufgelegt, das die "private Mobilität und Erreichbarkeit in Städten" erhalten und umweltfreundlich gestalten soll. Dafür könnten nach der Vision von GM-Zukunftsplaner Larry Burns bald Tausende kleiner, miteinander kommunizierender Zweisitzer durch die Städte stromern, die sich selbst einen Parkplatz suchen, gegenseitig vor Karambolagen warnen und Freunde oder Kollegen über eine permanente Online-Verbindung kreuz und quer durch die Stadt zusammenführen.

Technisch ist das Konstrukt, für das die Designer bereits eine Hülle in Form einer futuristischen Telefonzelle entworfen haben, eine Weiterentwicklung des klassischen Segway Rollers. Der besteht üblicherweise aus einem Trittbrett, an dem links und rechts zwei elektrisch angetriebene Räder montiert sind. Der Fahrer steht über der Achse, hält sich an einer Lenkstange fest und steuert das Gerät durch Gewichtsverlagerung: Beugt man sich nach vorn, dann wird beschleunigt. Zurücklehnen bedeutet bremsen. Und wenn man die Lenkstange zur Seite drückt, dann kurvt der Segway in die entsprechende Richtung.

Eng, überdacht und ganz einfach zu fahren

Das Prinzip haben die Entwickler auf das neue Fahrzeug übertragen. Zwar gibt es nun ein eher konventionelles Lenkrad, doch wie beim Segway-Roller beschleunigt und bremst man auch hier durch Verschieben der Lenkstange. Und wie der Roller fährt auch der Zweisitzer nur auf zwei Rädern. Die kleinen Rollen vorn und hinten dienen - ähnlich wie bei einem Kinderfahrrad - lediglich als Stützräder, damit die Chose beim Parken oder an der Ampel nicht vornüber purzelt.

Allerdings muss im PUMA-Vehikel niemand mehr stehen, und nass wird man auch nicht. Fahrer und Kompagnon sitzen auf einer kleinen Bank, sind mit Hosenträger-Gurten festgezurrt und finden Schutz unter einer Haube aus Plexiglas. Für Gepäck reicht der Platz kaum; allenfalls eine Aktentasche oder einen kleinen Rucksack kann man auf den Schoß nehmen oder zwischen die Beine klemmen.

60 Kilometer Reichweite, maximal 60 km/h

In Fahrt gebracht wird das Mobil von zwei Elektromotoren, die direkt an den Rädern sitzen und durch unterschiedlich starke Beschleunigung gleich auch noch das Lenken übernehmen. Dreht das rechte Rad schneller, fährt der Einachser nach links - und umgekehrt. Den Strom zapfen die Motoren aus einer unter den Sitzen plazierten Lithium-Ionen-Batterie, die genügend Kapazität für knapp 60 Kilometer bietet. Weil die Höchstgeschwindigkeit bei knapp 60 km/h liegt, kann man also mindestens eine Stunde durch die Stadt stromern. Da Vollgas jedoch nur selten möglich sein wird, schafft es das Fahrzeug meist länger. Danach müssen eine Mittagspause oder ein Bürostopp reichen, um den Akku wieder aufzuladen.

Noch ist PUMA nur eine Vision, und die GM-Oberen vermeiden alle konkreten Angaben zu einem möglichen Starttermin oder zu den Kosten. Doch mindert das nicht die Euphorie, mit der sie das Projekt verkaufen: "Stellen Sie sich vor, Sie bewegen sich in einem Fahrzeug in Städten fort, das nach Ihrem Geschmack gestaltet wurde, mit dem das Fahren Spaß macht, das Sie sicher an Ihr Ziel bringt, eine Verbindung mit Ihren Freunden und Verwandten herstellt und dabei saubere, erneuerbare Energie einsetzt, keine Abgase ausstößt und keinen Stress erzeugt oder zu Staus führt", skizziert Larry Burns die Vision. "Und all das zu einem Drittel oder Viertel der Kosten, die bei heutigen Automobilen für Fahrzeughaltung und Betrieb anfallen. Das ist das Potential, das in diesem Projekt steckt."



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