Goodwood Festival of Speed 2012 Vollgas-Party im Garten des Lords

Dagegen ist die Formel 1 ein Kindergeburtstag: Wenn Lord March zum Festival of Speed nach Goodwood bittet, kommen mehr PS-Profis und Pferdestärken zusammen als sonst irgendwo auf der Welt. Da wird selbst Sebastian Vettel nervös.

Tom Grünweg

Aus Goodwood berichtet


Endlich mal eine Cocktail-Party ohne lästigen Small Talk - denn an Gespräche ist im Gurney Pavillon am Goodwood House nicht zu denken. Und vom feinen Buffet riecht man auch nicht viel. Wie auch, wenn draußen eine Horde alter Formel-1-Rennwagen vorbeirast? Und kaum sind die Monoposti von der Strecke, jagen ein Schwarm Motorräder, eine Rotte Rallye-Autos oder ein zwei Dutzend Supersportwagen vom Koenigsegg Agera bis zum Pagani Zonda durch den Vorgarten des Grafen.

Aus jeder Ecke brüllt ein anderer Motor auf, hier hört man Zündaussetzer, dort kreischen die Kompressoren, da blasen die Turbos, während der ganze Park nach heißem Öl und verbranntem Gummi riecht. Und mittendrin steht der Hausherr und strahlt wie ein kleines Kind im Spielzeugladen. Denn wo der Landadel sonst zur Klassik im Park oder einem feinen Reitturnier bittet, feiert der Earl of March jedes Jahr im Juni die PS-stärkste Gartenparty der Welt: Das Goodwood Festival of Speed.

Die Strecke ist zwar kaum zwei Kilometer lang und hat auch nur zwei Kurven. Doch wenn der Graf zum legendären Hillclimb durch seinen Vorgarten läd, dann kommt alles, was auf der Rennstrecke Rang und Namen hat. Die Liste der Teilnehmer für das von vielen tausend Gästen besuchte Event liest sich deshalb wie ein Who-is-Who der Vollgas-Geschichte: Allein ein halbes Dutzend Formel-1-Teams samt der jeweiligen Fahrer geben sich in der Boxengasse ausgesprochen volksnah.

Weltmeister aller Klassen und Jahrgänge schreiben Autogramme im Sekundentakt, und selbst Sebastian Vettel hat es jetzt endlich mal nach Goodwood geschafft. "Hier zu fahren war immer ein Traum von mir", schmeichelt der aktuelle Champion dem Hausherrn und wirkt tatsächlich ein bisschen nervös: "Diese Kulisse ist einzigartig", sagt er über den Kurs, der ein besserer Feldweg mit ein paar Strohballen am Straßenrand ist und kaum Platz für die vielen Donuts bietet, mit denen die Fahrer das Publikum gerne zum Johlen bringen.

Rolls-Royce mit Blaulicht

Gefeiert werden die Renn- und Sportwagen, wie man so etwas nur in England feiern kann. Das Publikum ist trotz des knöcheltiefen Schlamms begeistert und trinkt 30-Pfund-Champagner aus Plastikbechern. Man kommt Fahrzeugen und Fahrern näher als irgendwo sonst und auch das Rahmenprogramm ist "very british".

Nicht genug, dass als Pace Car ein Rolls-Royce mit Blaulicht eingesetzt wird, zwischendurch eine Militärkapelle über die Strecke marschiert, das Publikum die Hymne "God Save the Queen" intoniert und über einem Feuerwerk am helllichten Nachmittag die Royal Air Force einen Schaukampf mit Tornados startet. Sondern selbst das Thronjubiläum der Queen wird gefeiert. Ihr zu Ehren fahren ein Dutzend Staatslimousinen vom 1925er Rolls Royce 20HP in poliertem Silber bis zur kuppelförmig verglasten Präsidentenlimousine aus Washington über den Kurs. Das sind übrigens die einzigen Autos, die den Hügel nicht im Sturm nehmen sondern im gediegenen Schritttempo dahinrollen.

Anders als beim Goodwood Revival im Herbst geht es beim Festival of Speed beileibe nicht nur um alte Autos. Die PS-Party ist zugleich eine ebenso konzentrierte wie kommerzialisierte Motorshow. Im Garten des Grafen rasen deshalb zwischen den alten Renn- und Rallye-Autos auch jede Menge Neuwagen und solche, die es erst noch werden wollen.

Immer wieder mischen sich Designstudien und Prototypen ins Feld: Jaguar prügelt ein halbes Jahr vor der Markteinführung den kleinen F-Type Roadster durch den Vorgarten des Grafen, Renault zeigt aller Welt, wie viel Leben im Alpine-Showcar steckt und Infiniti lässt den elektrischen Emerg-e den Gipfel stürmen. Das vielleicht schrägste Bild gibt aber die AMG-Version des am Rande des Festivals enthüllten CLS Shooting Brake von Mercedes ab: Im Safari-Look beklebt und auf einer schmutzigen Wiese geparkt, erinnerte der sportliche Kombi weniger an einen Lifestyle-Laster als an Daktaris Dienstwagen.

Verkehrte Welt

Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr allerdings Lotus. Frisch verkauft und mit suspendiertem Chef, hat die britische Traditionsmarke in Goodwood noch einmal richtig groß aufgefahren. Sie haben nicht nur die angeblich 500.000 Pfund überwiesen, die der Graf dafür verlangt, dass man an die großen Skulptur vor seinem Stammsitz ein paar Autos hängen darf. Sondern ihnen sind beim Hill Climb auch drei komplette Klassen gewidmet, in denen sie an die glorreichen Rennwagen des Gründers Colin Chapman und die Achtziger mit Ayrton Senna sowie ihre spektakulären Sportwagen erinnern. Von der so vollmundig versprochenen Zukunft ist allerdings auch zwei Jahre nach der großen Premieren-Party von Paris noch nichts zu sehen.

Futuristisch und gleichzeitig skurril war dagegen der Auftritt des Elektroautos Nissan Leaf: Wo andere Fahrzeuge so laut brüllten, dass im Geschirrschrank des Grafen die Tassen wackelten, war von dem E-Mobil nur ein Surren zu hören. Trotzdem hat es einen Rekord geholt. Denn kein anderes Auto vor dem Leaf hat den Hillclimb so schnell genommen wie er - im Rückwärtsgang.



insgesamt 3 Beiträge
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anders-artig 02.07.2012
1.
Auch wenn wir hier in Deutschland kein "Goodwood" haben, so gibt es aber immerhin "Schloss Dyck" und die "Schloss-Dyck-Classic-Days". Das ist vom Flair her ähnlich zu Goodwood und meiner Meinung nach die schönste Oldtimer-Veranstaltung in Deutschland. Auch hier wird, wie in Goodwood, rund um ein Schloss mit alten und teils sehr seltenen Oldtimern gefahren. Ich kann das nur jedem empfehlen. Dieses Jahr findet die Veranstaltung am ersten Wochenende im August (3.-5.08.) statt. Willkommen auf der Webseite der Classic Days Schloss Dyck (http://www.schloss-dyck-classic-days.de/index.php) Dieses Jahr ist übrigens Stirling Moss als "Ehrengast" vor Ort...
steviiee 02.07.2012
2. Goodwood
@ Anders Es gibt zwei Veranstaltungen in Goodwood- Festival of Speed und Revival. Das Revival ist eher mit Schloss Dyck zu vergleichen. Im Vergleich ist das Revival aber um längen besser, weil die Engländer einfach den Stil für solch einen Event haben. In Goodwood ist es egal wie viel Geld man hat, man kann nur teilnehmen wenn man auch dazu eingeladen wird.
andy69 02.07.2012
3. Klasse, so was...
Zitat von sysopTom GrünwegDagegen ist die Formel 1 ein Kindergeburtstag: Wenn Lord March zum Festival of Speed nach Goodwood bittet, kommen mehr PS-Profis und Pferdestärken zusammen als sonst irgendwo auf der Welt. Da wird selbst Sebastian Vettel nervös. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,842019,00.html
... solche Dinge sind wirklich die letzten Anker in diesen Irrsinns-Zeiten, die scheinbar nur noch von Wirtschaftskrise, EU-Murks, Zukunfsängsten etc zu bestehen scheinen: Es gibt sie noch, die schönen Dinge im Leben wie z.B. dieses Festival (oder auch ähnliche Events andernorts). Freun wir uns daran - es gibt nix besseres gegen psychosomatische Krankheiten, oder die ewig nörgelnden Moralapostel allerorten, als sowas. Einfach toll...
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