Grünes Tuning "Tiefergelegte Autos sind öko"

Autos werden getunt, damit sie schicker aussehen oder schneller fahren. Normalerweise steigt damit auch der Verbrauch - doch das muss nicht sein. Seit einiger Zeit existiert ein kleiner, aber wachsender Markt für sogenanntes Eco-Tuning. Gespart wird eher nebenbei.

Von Jürgen Pander


Rund 4,37 Milliarden Euro werden in diesem Jahr in Deutschland mit Tuning- und Autozubehörprodukten umgesetzt, heißt es beim Verband Deutscher Automobil-Tuner (VDAT). Das bedeutet, dass auch der Umsatz in der Vollgas-Branche um rund fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgehen wird, doch es bedeutet gleichzeitig auch, wie wichtig in Deutschland das Thema Autoindividualisierung ist. Die Branche feiert auf der Essen Motor Show (28. November bis 6. Dezember) ihren wichtigsten Treff, die Stimmung sei "vorsichtig optimistisch", wie Harald Schmidtke sagt, der Geschäftsführer des VDAT, dem rund 120 Tuning-Firmen angehören.

Wichtigster Umsatzbringer unter den Tunern sind nach wie vor Rad-Reifen-Kombinationen, gefolgt von Sport-Auspuffanlagen und Fahrwerkskomponenten. In diesen drei Bereichen wird das größte Geschäft gemacht, dann natürlich mit zahlreichen Anbauteilen wie Spoiler oder Schweller und mit Leistungssteigerungen für den Motor. Doch es hat sich, parallel zur Entwicklung der Kraftstoffpreise und der CO2-Diskussion, eine neue Tuningsparte gebildet, die als Eco-Tuning, Öko-Tuning oder einfach grünes Tuning bezeichnet wird.

"Im Grunde wird bei jedem Auto, das tiefergelegt wird, die Aerodynamik verbessert, was den Spritverbrauch senkt", sagt VDAT-Mann Schmidte und folgert kühn: "Tiefergelegte Autos sind öko." Auch wenn ein flacher auf der Straße kauerndes Auto bei gleichbleibendem Fahrstil sich möglicherweise einen Hauch sparsamer bewegen lässt als das Serienmodell - mit Öko-Tuning im engeren Sinn hat das natürlich nichts zu tun.

Die Firma DTE-Systems aus Recklinghausen beispielsweise hat in dieser Hinsicht Passenderes zu bieten. Das Unternehmen fertigt pro Jahr mehr als 10.000 Zusatzsteuergeräte für Motoren aller Art, mit denen einerseits die Leistung und das Drehmoment angehoben werden, andererseits aber zugleich ein Spareffekt erzielt werden kann. "Weil das Fahrzeug schneller die Sollgeschwindigkeit erreicht, wird eine ökonomische Fahrweise mit zügigerem Hochschalten begünstigt", erklärt Firmensprecher Jürgen Kasparek. "Je nach Fahrstrecke kann so der Verbrauch pro 100 Kilometer um einen halben bis eineinhalb Liter gesenkt werden."

Satte Einsparpotentiale bei Traktoren und Lastwagen

Auch die Software im Motorsteuergerät des Serienmodells kann DTE-Systems auf Wunsch des Kunden so verändern, dass dieser Effekt entsteht. Seit einem Jahr ist sogar eine spezielle Eco-Software im Angebot, die konsequent auf Spritersparnis programmiert ist. "Vor allem Firmenkunden nutzen diese Sparmöglichkeit für Geschäftswagen", erklärt Kasparek. DTE-Systems liefert derartiges Software-Tuning auch für Traktoren, Lastwagen oder Bootsmotoren - und bei Lkw lassen sich dadurch nach Angaben des Unternehmens bis zu zehn Liter Sprit einsparen.

Autofahrer, die die Motorelektronik ihres Wagen grün frisieren möchten, müssen zwischen 500 und 750 Euro anlegen. "Im Preis enthalten ist auch ein TÜV-Teilegutachten sowie eine Garantie auf den kompletten Antriebsstrang", sagt Kasparek. Immerhin ein Viertel der Kundschaft, so seine Beobachtung, würde sich inzwischen nicht nur nach einer Leistungs- sondern explizit auch nach einer Verbrauchsoptimierung erkundigen.

Kein spezielles Öko-Tuning, aber mehr Leistung bei gleichem Verbrauch

Das Gros der Kunden jedoch wünscht nach wie vor ein rasanteres, auffälligeres, individuelleres Auto. BMW-Fahrer etwa werden in dieser Hinsicht beim Tuner AC Schnitzer aus Aachen fündig. Spezielles Öko-Tuning hat das Unternehmen nicht im Angebot. Doch Firmensprecherin Susanne Muellejans erläutert, dass beim Tuning der Serienmodelle einerseits die Leistung gesteigert werde, andererseits der Verbrauch und damit der CO2-Ausstoß auf dem Niveau des Serienmodells bleibe. "Unter dem Strich sinkt also der Verbrauch pro PS, und der Fahrer eines Modells von AC Schnitzer muss kein schlechtes Umweltgewissen haben", sagt Muellejans.

Das Thema Spritverbrauch und CO2-Ausstoß ist durchaus bei den Tunern angekommen. So nimmt AC Schnitzer als eine der wenigen Firmen überhaupt in der Autoindustrie das Energie-Label der EU ernst und zeichnet alle Fahrzeuge mit der entsprechenden Kennzeichnung (die man zum Beispiel von Kühlschränken oder Waschmaschinen kennt) aus. "Efficient Performance" nennen die Aachener Tuner dieses Vorgehen - analog zum Efficient-Dynamics-Programm von BMW. Muellejans: "Es geht uns um Transparenz, und darum zu zeigen, dass Tuning nicht automatisch auch eine Umweltsauerei ist."

Vollgas auf dem Hochgeschwindigkeitsoval von Nardo

Und einen ökologisch angehauchten Superlativ hat AC Schnitzer auch noch zu bieten. Nämlich das schnellste Straßenauto der Welt mit Gasantrieb. Auf dem Hochgeschwindigkeitsoval im italienischen Nardo erreichte der GP3.10, ein Prototyp mit 552 PS und bivalenter Auslegung, im Flüssiggasbetrieb eine Geschwindigkeit von 318,1 km/h.

Wer sein Auto ökologisch aufrüsten möchte, sollte sich zuvor allerdings genau informieren. Eine veränderte Motorsteuerung etwa erfordert beispielsweise eine durchgehend hohe Kraftstoffqualität. VDAT-Mann Schmidtke weiß um diese Problematik: "In der kasachischen Steppe könnte es mit einem veränderten Motorchip Probleme geben."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.