DDR-Relikt Beim Grünpfeil sehen Verkehrsexperten rot

Autofahrer lieben ihn, Fußgänger und Fahrradfahrer hassen ihn - seit 40 Jahren streiten sich Verkehrsteilnehmer über den Grünpfeil. Experten sehen das Zeichen zunehmend kritisch.

Grüner Pfeil an roter Ampel
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Grüner Pfeil an roter Ampel

Von Christian Frahm


Zum grünen Pfeil hat Peter Struben eine klare Meinung. "Wo er an Ampeln hängt, sollte besser ein giftgrüner Totenkopf aufs Blechschild", sagt der Experte des Fußgänger-Fachverbandes Fuss e.V. "Der Grünpfeil ist gefährlich, oft illegal angebracht und untergräbt die Verkehrsmoral", sagt Struben. Mit dem Vereinsvorsitzenden Arndt Schwab hat er jetzt eine neue Studie publiziert, die die Gefahren des grünen Pfeils, der das Rechtsabbiegen bei rot erlaubt, untersucht.

Ein Ergebnis der Studie: An Kreuzungen mit Grünpfeil herrscht erhöhte Unfallgefahr. Die Auswertung von 505 Kreuzungen in Deutschland hat ergeben, dass es an jeder der 169 untersuchten Grünpfeil-Kreuzungen im Schnitt in drei Jahren 20 Unfälle mit Personenschaden gab. An Ampeln ohne Pfeil lag dieser Wert hingegen nur bei 14. Den Grund dafür sieht Struben in der Missachtung der Grünpfeil-Vorschriften.

"Ich habe schon an Ampeln gestanden, wo die Regeln fast im Sekundentakt gebrochen wurden", so Struben. Dazu gehört unter anderem, dass der Grünpfeil nur dort aufgestellt werden darf, wo der Rechtsabbieger ausreichende Sicht auf die freigegebenen Verkehrsrichtungen hat und Fußgänger und Fahrradfahrer rechtzeitig erkennen kann.

Besonders viele Autofahrer ignorieren laut Struben zudem die Vorschrift, bei grünem Pfeil und roter Ampel an der Linie vor dem Fußgängerüberweg zu stoppen und sich zu vergewissern, ob keine Fußgänger oder Radfahrer kreuzen. Wer ohne zu halten durchfährt, muss mit einer Geldbuße von 70 Euro und einem Punkt in Flensburg rechnen. Werden andere Verkehrsteilnehmer behindert oder gefährdet, steigt das Bußgeld auf bis zu 150 Euro. "Aber das wird nie kontrolliert, obwohl sich 75 Prozent aller Autofahrer nicht an diese Vorschrift halten", so Struben.

Der Pfeil als Relikt der Wiedervereinigung

Ähnlich sieht man es beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR): "Viele Autofahrer wissen oft gar nicht, dass sie an der Linie halten müssen, oder ignorieren diese Regelung schlicht. Und dann wird es gefährlich", sagt Detlev Lippard, Verkehrsexperte des DVR. "Es muss außerdem sichergestellt sein, dass der Grünpfeil gut sichtbar für alle angebracht ist", sagt Lippard.

Denn eine weitere Gefahr liege darin, dass das kleine Blechschild oft so angebracht sei, dass Radfahrer es nur schwer erkennen könnten. Sogenannte Geisterradfahrer, die aus der falschen Richtung kommen, stellen außerdem eine weitere Gefahr dar, da diese den Pfeil gar nicht sehen können. "Generell sind wir der Meinung, dass die Grünpfeile nicht notwendig sind. Für den Autofahrer sind sie, wenn überhaupt, nur eine geringe Zeitersparnis" sagt Lippard. Gemessen an den Gefahren für andere Verkehrsteilnehmer sei das unerheblich. "Außerdem ist der Grünpfeil eher das Ergebnis eines politischen Zugeständnisses an die damalige DDR."

Denn tatsächlich wurde das kleine Blechschild mit grünem Pfeil 1978 erstmals in der DDR verwendet. Das bis dahin erlaubte Rechtsabbiegen auch bei Rot widersprach internationalen Vereinbarungen zum Straßenverkehrsrecht. Nach der deutschen Einheit wurde das Schild auch in den alten Bundesländern verwendet, um den Abbiegevorgang der Autofahrer zu beschleunigen und Staus zu vermeiden.

Autofahrer sparen keine Zeit

Dieser Effekt verpufft laut einer Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) bereits an der nächsten Ampel. Dort wird man von den Autofahrern eingeholt, die auf Grün gewartet haben, statt die Vorzüge des Pfeils zu nutzen. "Der Grünpfeil ist daher rein objektiv betrachtet ein überflüssiges Verkehrszeichen", heißt es beim UDV. "Er widerspricht den Bemühungen von Städten, den Fuß- und Radverkehr zu fördern und die Straßen barrierefrei zu gestalten. Deshalb sollte seine Anordnung stets kritisch hinterfragt werden."

Laut Schätzungen des UDV gibt es derzeit in Deutschland noch rund 5000 grüne Pfeile, insgesamt befinden sich die Zeichen aber auf dem Rückzug und werden nach und nach abmontiert. Droht dem Pfeil damit nach 40 Jahren das Aus? Vielleicht. Allerdings wird inzwischen schon über einen ähnlichen, neuen Pfeil diskutiert - und zwar für Radfahrer. Nachdem Radler in den Niederlanden bereits seit 1990 einen grünen Pfeil zum Rechtsabbiegen bei Rot haben, hat sich auch die Berliner Landesregierung auf eine zweijährige Testphase für den Radler-Pfeil geeinigt.



insgesamt 172 Beiträge
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a.weishaupt 12.10.2018
1. Für Radfahrer gibts eine sinnvollere Regelung
In manchen Ländern gelten rote Ampeln für Radfahrer rechtlich wie Stopschilder. Das halte ich für sinnvoller als die grünen Pfeile. Diese wiederum finde ich gut, egal womit ich unterwegs bin, weil sie die überflüssige und massenweise "Verampelung" speziell hier in HH ein wenig auflockern. Man hat hier den Eindruck, ohne Ampeln kommen die Verkehrsteilnehmer hier gar nicht mehr klar. Der Verkehr bekommt, um die 50-60 km/h Spitze zu erhalten, also eine Ausbremsung auf am Tage sicherlich unter 20 km/h Durchschnitt. Da stimmt etwas grundsätzlich nicht - Tempo 30 und Abbau oder zeitweise Abschaltung der Ampeln würde zumindest im Berufsverkehr das durchschnittliche Tempo erhöhen und den Lärm stark verringern. Siehe Niederlande, wo die Großstädte sehr viel leiser sind als hier und es selbst in Innenstädten kaum Staus gibt.
7eggert 12.10.2018
2.
Ob auf dem Rad oder Motorrad - Ich liebe ihn. Denn wenn die Querrichtung durch ist, kann ich ohne Fußgänger zu gefährden abbiegen. Leider komme ich manchmal bei Grün an die Ampel hier mit dem Pfeil, dann haben die Fußgänger auch grün und wir begegnen uns, während gleichzeitig die Linksabbieger vom Gegenverkehr ankommen.
nachtkrapp 12.10.2018
3. Opt-out
Das Rechtsabbiegen bei Rot wäre in den allermeisten Fällen problemlos möglich. Wir sollten uns hier (ausnahmsweise) ein Beispiel an den USA nehmen, wo das Rechtsabbiegen generell erlaubt ist, es sei denn ein Schild „No turn on red“ verbietet es explizit!
wo_st 12.10.2018
4. Ja überflüssig!
Da die meisten Regeln und Zeichen nicht beachtet werden, sollten all die nichtbeachteten wegfallen. Ironie aus. Alleine bei einer kurzen Fahrt, sehe ich Rotlicht nicht beachtet, Vorfahrt nicht gewährt, Geschwindigkeit übertreten, usw.
chjuma 12.10.2018
5. Da ist wieder ein Oberschlauer
Nachts ampeln die Ampeln wie wild, wenn ich um 04:00 mutterseelenallein vom Dienst nach Hause fahre. Allein diese schwachsinnige Linksabbiegerampel an der Abfahrt Blumberg auf die A10 lässt einen nachts allein bis zu drei Minuten stehen, bis man gnädiger Weise fahren darf. Nun der grüne Pfeil. Gut und richtig. Es gibt im gesamten Verkehrsgeschehen Idioten, die noch nicht begriffen haben dass sie nicht alleine auf der Straße sind. Wenn es nach dem Duktus des Kommentators geht müsste man überall Tempo 30 bis Schrittgeschwindigkeit fahren. Fehlende Kontrolle?? Das ist doch nicht die Schuld des an sich sinnvollen Verkehrszeichens.
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