Oldtimer-Pionier Halwart Schrader "Ich galt als Spinner"

Er ist der Vorreiter des Altauto-Trends: Kein deutschsprachiger Autoexperte hat mehr Fachbücher veröffentlicht als Halwart Schrader. Zu seinem 80. Geburtstag hat er seine "Auto-Biografie" geschrieben.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Der erste Neuwagen, den sich Halwart Schrader kaufte und bis heute fährt, war ein dunkelblauer Audi TT quattro Coupé mit bordeauxrotem Interieur. Er erwarb das fabrikfrische Auto vor 15 Jahren, als Altautos cool wurden und Youngtimer zu einer Lebenseinstellung. Ausgerechnet, könnte man sagen, denn bis dahin hatte Schrader stets Gebrauchtautos gefahren, sehr gebrauchte Autos sogar: Oldtimer, Raritäten, bizarre Einzelstücke. Er tat dies vor allem in den Fünfziger-, Sechziger-, Siebzigerjahren, als sich hierzulande kaum jemand für betagte Fahrzeuge interessierte.

"Ich galt damals als Spinner", sagt Schrader. Heute gilt er als Begründer der deutschsprachigen Oldtimer-Publizistik.

Raureif liegt auf dem Rasen rund um Schraders Anwesen im kleinen Heideort Hösseringen. Seine Ehefrau Mila betreibt im vorderen Gebäude, der ehemaligen Dorfschule, ein Café. Halwart Schraders Reich ist das Hinterhaus: Unterm Dach hat er sich ein großzügiges Büro eingerichtet, im Erdgeschoss gibt es ein Gästezimmer und das Archiv. Hier sind knapp 200 Bücher aufgereiht, die Schrader geschrieben, übersetzt oder an denen er als Co-Autor mitgewirkt hat. Eigentlich fehlen hier noch einige weitere Hundert Exemplare an Zeitschriften, denn Schrader gab von 1974 bis 1985 die Oldtimer-Zeitschrift "Automobil Chronik" heraus, er schrieb über alles, was vier Räder hat für "Twen", "Playboy" oder die "Auto-Zeitung".

Sein erstes Auto hatte nur drei Räder

1954 kaufte sich Schrader sein allererstes Auto. Für 250 Mark, einen Borgward FW 200 mit drei Rädern und 200-Kubik-Einzylinder. Ein Kumpel hatte ihm die Fuhre vom Verkäufer nach Hause gefahren, denn seinen Führerschein machte Schrader erst später. Er fiel übrigens bei der ersten Prüfung durch. "Ich hatte den Motor des Fahrschulwagens, es war ein Vorkriegs-Opel, zu oft abgewürgt." Auf den Borgward folgten ein Fiat Topolino von 1938, ein Lagonda 3-Litre-Tourer von 1931 und ein Talbot 14/15 von 1929. Beinahe wäre es auch ein Maybach Zeppelin von 1930 geworden.

"Das war meine voluminöseste Verlockung", sagt Schrader heute über das Prunkmobil mit einem 7-Liter-Zwölfzylindermotor. "Der Wagen hätte mich ruiniert." Glücklicherweise dämmert ihm das auch schon damals, als er den Wagen - der ehemals Carl Krone, dem Direktor des Zirkus Krone, gehört hatte - zum ersten Mal sah: ohne Räder, und zum Hühnerstall umfunktioniert auf einem Bauernhof bei Augsburg. Jedenfalls ließ er die Finger von dem Auto, das später in die Hände eines Sammlers vom Bodensee gelangte, der es für viel Geld restaurierte.

Im Blindflug durchs Schneetreiben

Schrader ist ein steter Quell solcher Geschichten. Einige seiner tollsten automobilen Anekdoten hat er jetzt, zu seinem 80. Geburtstag (am 24. Februar) zusammengefasst in dem üppig bebilderten Buch "Mit der Karre kommste nicht weit...". Etwa eine Fahrt in einem Tatra 87 aus dem Jahr 1939 von München nach Wien: 80 Kilometer vor der österreichischen Hauptstadt, es war inzwischen Nacht geworden und es herrschte Schneetreiben, wurde er von einem Gendarmerie-Käfer überholt und gestoppt. Schrader, der die schlechte Sicht auf den starken Schneefall und die ausgefallenen Scheibenwischer zurückgeführt hatte, wurde von den Beamten aufgeklärt, dass er ohne Licht fuhr. Die komplette Beleuchtung war ausgefallen. Und dann?

"Es geschah etwas, wovon wir heute nicht einmal zu träumen wagen würden", schreibt Schrader. "Wissen's wos", habe einer der Polizisten gesagt, "jetzt foahns zuabi, ob net zu schnöll, und mir foahn dicht hinter eahna her und sichern eahna nach hint ab, damit kana auffi fohrt und eahna nix passüaht!" Schrader und die Polizisten kamen wohlbehalten in Wien an - und der Tatra 87 steht heute im Deutschen Museum in München.

War es zunächst einfach nur pragmatisch, billige und robuste alte Autos zu fahren, wuchs bei Halwart Schrader mit jedem neuen Modell, das er besaß, das Interesse für die Technik. "Ich wollte stets ein verrückteres, ungewöhnlicheres Auto fahren als alle anderen, doch schon bald begannen mich die technischen Raffinessen und auch die historischen Aspekte zu interessieren."

Schrader arbeitete einst auch für den SPIEGEL

Und er fand Wege, aus diesem Interesse eine Profession zu machen. Nach einem Gebrauchsgrafik- und Kunstgeschichtsstudium in Berlin arbeitete Schrader zunächst als Werbegrafiker beim SPIEGEL-Verlag in Hamburg, dann stieg er bei einer Werbeagentur ein. Er betreute dort unter anderem die Kundenmagazine von DKW, BMW und verlegte sich zunehmend aufs Texten. Sein erstes Buch war noch eine PR-Auftragsarbeit: Die Tankstellenkette Texaco hatte bei ihm den Ratgeber "Was wenn" bestellt. "Ein Büchlein mit technischen Tipps, falls das Auto nicht anspringt oder die Glühbirne kaputt ist", sagt Schrader, "es wurde an die Tankstellenkunden verschenkt."

Es war der Beginn einer wahren Autobuch-Flut aus Schraders Feder. "In den Siebzigerjahren lief ich mit diesem Thema bei den Verlagen offene Türen ein - Bücher über klassische Autos gab es ja so gut wie gar nicht in Deutschland." Was es aber gab, war ein wachsendes Interesse am Thema Automobil schlechthin. 1986 erschien "Die große Automobil-Enzyklopädie", ein Lexikon aller Automarken, in einer Auflage von nahezu 100.000 Exemplaren. Und als ob es Schrader geahnt hätte, tauchten kurz darauf Plagiate des Buchs auf, was die Betroffenen abstritten.

Sie ließen sich jedoch leicht überführen. Denn Schrader hatte unter dem Buchstaben "N", zwischen "Nemalette" und "Noris", die Automarke "Nenndorf" einsortiert. "Einen Autohersteller Nenndorf allerdings hat es nie gegeben. Den habe ich frei erfunden, und die Plagiatoren hatten natürlich auch diesen Streich mit übernommen." Und? "Sie haben dann gezahlt."

Das beste Auto? Vielleicht der Rover P5

Von einem, der so viele Autos besessen und noch sehr viele mehr gefahren hat, will man natürlich wissen, welches das beste war. "Generell", sagt Schrader, halte er die Fahrzeuge Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre für ideal. "Die waren technisch schon sehr ausgereift, und die Zeit des Schnickschnacks, der überhandnehmenden Assistenzsysteme, hatte noch nicht begonnen."

Einer seiner Allzeitfavoriten stammt aus dieser Ära, der Rover P5 Baujahr 1966. "Der hatte einen 3,5-Liter-V8-Motor, Scheibenbremsen, Sicherheitsgurte, Klimaanlage und man konnte ihn sogar noch ankurbeln." Unlängst, erzählt Schrader, habe sich ein Leser bei ihm gemeldet, der genauso ein Auto noch besitze und ihm eine Spritztour darin angeboten habe. "Das wäre großartig", sagt Schrader. Und gewiss ein passendes Geschenk zum 80. Geburtstag. Der fällt übrigens zusammen mit dem 44. Hochzeitstag des Paares Schrader. "Den Termin habe ich extra auf meinen Geburtstag gelegt", sagt Schrader, "dann vergesse ich ihn nicht."

Ein guter Trick, wenn man sein ganzes Leben lang nur Autos im Kopf hat.

Halwart Schrader: "Mit der Karre kommste nicht weit..." Automophile Erinnerungen, Delius Klasing Verlag, 240 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 22,90 Euro.



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LapOfGods 24.02.2015
1. Nicht für den TT entschuldigen.
Der Audi TT ist schon ganz OK. Kein Rover P5, aber wirklich ganz OK. Eine der letzten Zuckungen der Designer bevor sie nur noch quaderförmige SUVs und geschmacklose Karren mit der Kampfstern-Galactica-Kanonenanlage als Beleuchtungsreinrichtung und 3-geteiltem Lufteinlaß-Schlund im Frontspoiler zeichnen durften. Seitdem beschränkt sich die Kreativität auf die Frage, welchen Firlefanz man mit den roten LEDs in den Heckleuchten treiben könnte.
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