Handgebaute Fahrradrahmen: Schöner radeln auf Stahl

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Stahl ist wieder in: Rad-Ästheten schwören auf das klassische Material, das filigrane Konstruktionen möglich macht. Wer will, kann sich seinen individuellen Rahmen zusammenlöten lassen. Doch leider gibt es nur wenige Fahrradmechaniker, die das noch können. Einer sitzt in Berlin.

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Vorsichtig hält Eckbert Schauer einen dünnen Metallstab in die blaue Flamme. Die Silberlegierung, schmilzt. Der Berliner Fahrradhändler lötet gerade einen Stahlrahmen zusammen. Die Rohre stecken in Muffen, und das flüssige Silberlot füllt binnen Sekunden den Spalt zwischen Rohr und Muffe aus. "Jetzt ist es durch", sagt er. Ober- und Sattelrohr sind nun miteinander verbunden.

Man kann sich für 500 Euro ein durchaus gutes Fahrrad von der Stange kaufen - mit Aluminiumrahmen made in Taiwan, Federgabel, Nabenschaltung von Shimano. Wer aber etwas ganz besonderes will, geht zu einem Rahmenbauer wie Schauer, der in Berlin Prenzlauer Berg den Fahrradladen Ostrad betreibt.

"Es gibt nur noch wenige Rahmenbauer in Deutschland, das Handwerk ist fast ausgestorben", klagt er. Bis in die achtziger Jahre sei der selbstgebaute Rahmen noch das Gesellenstück eines angehenden Fahrradmechanikers gewesen. Heute fehlten nicht nur die dafür nötigen Teile und Werkzeuge, sondern auch das Know-how.

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Rahmenbau: Stahl für die Mechanikerseele
Schauer hat Glück gehabt. Mit Heinz Paupitz lebt in Berlin noch ein alter Hase der Rahmenbranche. Der 85-Jährige baute einst Maßrahmen für Räder, die beim Sechstagerennen mitfuhren. Er hat seinen eigenen Laden aber längst geschlossen. Jetzt hilft er Schauer mit Tipps und Tricks bei der Fortführung des alten Handwerks. Spezialwerkzeuge wie die Rahmenlehre, in der die Rohre zum Zusammenlöten fixiert werden, hat er an den jungen Rahmenbauer in Prenzlauer Berg verkauft.

Stahl ist in

Ein Stahlrahmen ist für Schauer wie für seine Kunden zuallererst ein ästhetisches Statement. Die Aluminiumkonstruktionen aus Taiwan mit den dicken Rohren wirken plump, ein Stahlrahmen hingegen filigran. Das Material ist weicher als Aluminium oder Karbon. Dass deshalb ein Teil der Energie beim Fahren verloren geht, mag für ambitionierte Radsportler inakzeptabel sein. Für den Durchschnittsfahrer ist diese Eigenschaft aber ein Vorteil: Stahl bietet einfach mehr Fahrkomfort, eine gedämpfte Gabel oder eine gefederte Sattelstütze sind kaum nötig.

Die Rahmenschmieden in Taiwan, die praktisch alle großen Radhersteller weltweit beliefern, haben längst auf Aluminium umgestellt. Das hält nicht nur Schauer für einen Fehler. Firmen wie Patria, Utopia und Fahrradmanufaktur, die sich hochwertigen Rädern verschrieben haben, setzen bis heute auf Stahl. Und auch bei Fixies und Singlespeed-Rädern kommen in der Regel Stahlrahmen zum Einsatz.

"Mit Stahl kann man die Schnelllebigkeit der Fahrradindustrie umgehen", sagt Schauer. "So einen Rahmen hat man ein Leben lang. Den kann man auch gut reparieren. Das ist bei Aluminium nicht so einfach."

Man könnte Stahlrahmen natürlich auch schweißen. Schon allein wegen der Optik bevorzugt der Berliner Fahrradbauer jedoch die klassische Technik des Muffens. Die Rohre werden dabei auf die passende Länge gesägt und in die Muffen gesteckt. Das Löten sorgt dann für eine dauerhafte, feste Verbindung - hässliche Schweißnähte gibt es keine. Falls mal ein Rohr oder eine Muffe getauscht werden soll, ist das kein Problem. Kurz die Lötlampe dranhalten, und schon ist die Verbindung wieder gelöst.

"Genau so einen Rahmen noch mal"

Das größte Problem beim Stahlrahmenbau sind die dafür nötigen Teile. Rohre stellt glücklicherweise noch die englische Firma Reynolds in Birmingham her. Bei den Muffen ist das anders. Laut Schauer gibt es nur noch einen Hersteller in Taiwan, der die gegossenen Bauteile anbietet. Diese erlauben jedoch nur wenige Rahmengeometrien. Soll beispielsweise die Gabel stärker nach vorn geneigt sein, braucht man eine Muffe mit anderen Winkeln. Noch hat der Berliner Rahmenbauer ein paar Kisten mit Stahlmuffen, die teils 40 Jahre alt sind, im Regal. Sie stammen aus der Werkstatt von Heinz Paupitz.

Pro Tag schafft man einen Rahmen, erklärt Schauer. Bei einer Kleinserie mit identischer Geometrie seien sogar drei bis vier möglich. 800 bis 1000 Euro muss der Kunde für den individuellen Rahmen zahlen, fürs komplett ausgestattete Rad 1600 Euro aufwärts.

Die Motive der Kunden sind ganz verschieden. Der eine hat Sonderwünsche, wie jene Frau, die sich wegen ihres langen Oberkörpers einen längeren Rahmen wünscht. Weil das Velo zudem für Radreisen eingesetzt werden soll, kommen etwas stärkere Rohre zum Einsatz, damit das Rad auch voll beladen stabil rollt. "Letztens kam ein Kunde mit einem uralten Mountain Bike zu mir", erzählt Schauer. Er habe gesagt: "Baut mir genau so einen Rahmen noch mal."

Aber ist ein Rad aus Stahl nicht viel zu schwer? Das hängt vom verwendeten Material ab. Um Gewicht einzusparen, kommen konifizierte Rohre zum Einsatz. Sie sind an den Enden, wo sie in die Muffen gesteckt werden, dickwandiger als in der Mitte.

Wie leicht ein Fahrrad aus Stahl sein kann, haben Ende der vierziger Jahre Rahmenbauer aus Frankreich bewiesen. Weil damals Autos und Benzin rar waren, galten die sogenannten Randonneure als Statussymbol der reichen Pariser. Die Drahtesel hatten einen Rennlenker, schmale Reifen, Schutzbleche und sogar einen Gepäckträger und Beleuchtung. Dank der ausgefeilten Konstruktion wog mancher Randonneur nicht einmal acht Kilogramm.

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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.


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