Handgebaute Fahrräder Mit Liebe gelötet

Mehr Kult ums Fahrrad geht kaum. In Austin trifft sich die amerikanische Manufaktur-Szene, um die neuesten Trends bei Rahmenbau, Lackierung und Radkomponenten zu diskutieren. Die handgebauten Bikes bieten, was dem Massenmarkt fehlt: Ästhetik, Individualität und technische Perfektion.

Von

Renold Yip

In der Fahrradindustrie geht es eigentlich nur um eins: riesige Stückzahlen so günstig wie möglich auf den Markt zu werfen. Das Ergebnis ist Massenware zu attraktiven Preisen. Fahrräder im Baumarkt für 150 Euro oder mit den neuesten Komponenten bestückte Markenbikes für 500 Euro.

Doch nicht alle Konsumenten wollen ein Produkt von der Stange, egal ob es sich um ein Fahrrad handelt oder um eine Armbanduhr. In unserer hochtechnisierten, automatisierten Industriegesellschaft wächst die Sehnsucht nach Qualität, Unverwechselbarkeit und Individualität, nach Produkten also, die einzigartig sind und Emotionen wecken.

Dies zeigt sich auch auf dem Fahrradmarkt. Während fast alle großen Radhersteller auf vergleichsweise billige Alurahmen aus Taiwan setzen, verfolgen kleine Manufakturen ein ganz anderes Konzept. Sie greifen zum traditionellen Material Stahl und bauen Rahmen selbst, statt sie in Fernost zu ordern.

Wie groß und vielfältig die Szene der professionellen Löter, Schweißer und Schrauber inzwischen ist, zeigt vom 25. bis 27. Februar die North American Handmade Bicycle Show (NAHBS) in Austin, Texas. Die Messe der amerikanischen Handmade-Szene gibt es bereits seit 2005. Aber noch nie hatte sie so viele Aussteller wie 2011, 172 haben sich angekündigt. Sie zeigen am kommenden Wochenende Selbstgebautes aus Stahl, Titan, Bambus, Holz oder Karbon und hoffen, einen der begehrten NAHBS-Awards zu ergattern.

Richard Sachs, einer der führenden Rahmenbauer in den USA, zieht eine Parallele zu den siebziger Jahren. "Das war die Zeit, zu der Rahmenbauer die Avantgarde bildeten." Die Branche sah in ihnen die Trendsetter. Heute sei das Interesse an handgebauten Rädern ähnlich groß wie vor 40 Jahren, konstatiert er.

Die meisten Aussteller bevorzugen gemuffte Stahlrahmen. Das Material Stahl bietet viele Vorteile: Es ist gut zu verarbeiten und nicht so hart wie Aluminium. Zudem sind die Rohre im Vergleich zu Alu deutlich schlanker - für viele Radfans ein wichtiges ästhetisches Kriterium.

Boom startete in Portland

Der oft zu hörende Einwand, Stahl sei einfach zu schwer, zieht kaum. Rahmenbauer benutzen sogenannte konifizierte Rohre. Diese sind nur an Stellen mit hoher Belastung dickwandig, wodurch der Rahmen insgesamt kaum schwerer ist als eine Aluminiumkonstruktion.

"Der Handmade-Boom hat in Amerika begonnen", sagt David Koßmann, "Portland ist das unbestreitbare Zentrum". Koßmann ist Chefredakteur des deutschen Radmagazins "fahrstil", das sich voll und ganz dem Kulturphänomen Fahrrad verschrieben hat.

Er hat beobachtet, dass die Handmade-Szene in den USA zwar prozentual kaum größer als in Deutschland ist, dafür aber lauter und selbstbewusster. "Man feiert sich dort gegenseitig einfach mehr als hierzulande", sagt er. Das hänge natürlich auch mit dem deutlich geringeren Status des Fahrrads in den USA zusammen. "Die Szene ist klein und muss einfach gut zusammenhalten, man befeuert sich gegenseitig sowohl lokal als auch in Blogs und Foren."

2009 und 2010 gab es auch in Europa eine ähnliche Messe wie die NAHBS. Die European Handmade Bicycle Exhibition (EHBE) fand in Schwäbisch Gmünd statt, in diesem Jahr wurde sie allerdings wegen Ausstellermangel abgesagt. Im Vorjahr konnte man dort Leute treffen wie Norbert Ladenburger, der sich mit seiner Firma NLB Carbon auf maßgeschneiderte, extrem leichte Rahmen und Komponenten spezialisiert hat.

Heiß gefönter Karbonrahmen

Im letzten Jahr hat er einen Karbonrahmen vorgestellt, der gerade mal 750 Gramm wiegt. Beim Aushärten des Materials musste Ladenburger improvisieren: "Ein Sattel passt ja noch in den Backofen. Den Rahmen musste ich zusammen mit einem 1000-Watt-Fön und einem Thermometer unter eine Luftpolsterfolie legen", berichtet er. 60 Grad Temperatur seien ausreichend. Eine separate Sattelstütze und einen Sattel gibt es nicht, um Gewicht zu sparen. Beide Teile sind vielmehr Teil des Rahmens. Verstellen kann man sie deshalb natürlich auch nicht mehr - aber bei einem maßgeschneiderten Rad ist das auch nicht nötig.

Die meisten Aktiven der Handmade-Szene bauen nur die Rahmen selbst, Komponenten wie Bremsen, Lenker und Schaltung werden zugekauft. Doch selbst bei den Kleinteilen gibt es Enthusiasten, die lieber selbst entwickeln, vor allem wenn es um auffällige Dinge geht wie Vorbau oder Pedale.

Beim Design der handgebauten Räder orientiert sich mancher Hersteller an Jahrzehnte alten Entwürfen. Dadurch wirkt das Ganze durchaus auch nostalgisch, retromäßig oder sogar altmodisch. "Der Umgang mit Flamme und Stahl wird manchmal regelrecht romantisiert", hat der Fahrrad-Journalist David Koßmann beobachtet.

Mit Nostalgie hat Handmade seiner Meinung nach aber nur dem Anschein nach zu tun. "Letztlich geht es um Qualität, um Räder bei denen einfach alles stimmt." So gibt es Reiseradler, die einen verstärkten Rahmen suchen, der auch schweres Gepäck verkraftet. Oder Radsportler, die auf einen filigranen Flitzer in ihrer Lieblingsfarbe steigen wollen. Letztlich, sagt Koßmann, gehe es um die "Sehnsucht nach gutem Handwerk, Verlässlichkeit und Schönheit".

Ab etwa 2000 Euro kann sich jeder den Traum vom individuellen Rad erfüllen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde behauptet, die European Handmade Bicycle Exihibition würde im Mai stattfinden. Am 24. Februar hat der Veranstalter die Messe abgesagt.

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