"Hangover Heaven" in Las Vegas: Saufen - und dann in den
Kater-Truck am Strip
Glücksspiel, Stripshows und viel, viel Alkohol - Las Vegas ist die Partystadt der USA. Ein Arzt hat den Alkohol als Geschäftsmodell entdeckt. Mit seinem Hangover-Truck behandelt er Kateropfer am Strip. Besonders Manager freuen sich über den Service.
In drei Stunden soll Brian in einen Helikopter steigen und über den Grand Canyon fliegen, doch jetzt liegt er noch mit einer Infusion im Arm auf einer Liege und stöhnt. "Vorhin hat er noch auf den Tischen getanzt", sagt sein Bruder Zak.
Zusammen mit seinem Cousin sitzt Zak im hinteren Teil eines umgebauten Busses und hat selbst eine Infusionsnadel im Arm, seine Augen sind klein und verquollen. Brian heiratet in einem Monat, und um es davor noch mal so richtig krachen zu lassen, sind sie alle am Tag zuvor nach Las Vegas gereist. Konzert, Diskothek, Stripclub, das volle Programm - und dazu die volle Ladung Alkohol.
Zwölf Martini Cola habe sein Bruder getrunken, sagt Zak, den letzten vor vier Stunden. Im schlimmsten Fall müssten sie den geplanten Helikopterflug und den Besuch am Schießstand absagen, aber das wäre wirklich ärgerlich. "Unsere letzte Hoffnung ist der Hangover-Truck."
Der Hangover-Truck ist die Idee von Jason Burke, 42. Er ist Facharzt für Anästhesie und arbeitete sieben Jahre lang in Krankenhäusern in Vegas, bevor er sich im Mai mit seiner Praxis "Hangover Heaven" selbstständig machte. Seitdem fährt er mit einem umgebauten, überdimensionalen Bus über den Strip, die Partymeile in Las Vegas, und behandelt Alkoholleichen.
Großer Andrang während Kongressen
Unter der Woche hat Burke meist weniger Arbeit - außer, wenn große Kongresse in Las Vegas stattfinden. Vor einigen Wochen habe eine internationale Computerfirma ihr jährliches Treffen hier veranstaltet, da hätten sie alle Hände voll zu tun gehabt, erzählt Burke. "Besonders die Manager wollen am nächsten Morgen fit sein, wenn sie eine Rede halten müssen. Aber auf die Party verzichten will niemand."
"Wir heilen deinen Kater in einer Stunde oder weniger", mit diesem Slogan wirbt Burke auf seiner Website. Das haben sich Zak und seine Freunde nicht zweimal sagen lassen und heute Morgen spontan das "Salvation Package" gebucht: Für 159 Dollar bekommen sie nun eineinhalb Liter Kochsalzlösung durch ihre Venen gejagt und eine Auswahl an Vitaminen und Kopfschmerzmitteln. Für ihren Bruder haben sie lieber vorsichtshalber das "Rapture Package" gewählt mit noch mehr Infusionen, Medikamenten gegen Übelkeit und Schwindel sowie einer Sauerstoffbehandlung und Vitamin B-Spritzen - für 199 Dollar.
Als Teil des Angebots holen Burke und seine Mitarbeiter die Kunden an ihrer Unterkunft ab, besonders aus teureren Hotels wie dem Cosmopolitan, dem MGM und dem Wynn bekämen sie viele Anrufe. Ist ein Kater so schlimm, dass der Patient nicht das Zimmer verlassen will, kann man sich für 200 Dollar mehr auch im Zimmer behandeln lassen. "Wer nach Las Vegas kommt, will Spaß haben und nicht einen Tag im Hotelzimmer verlieren", sagt Burke. Frauen würde als Folge des Alkohols meist übel, Männer bekämen eher Kopfschmerzen.
Die Idee mit dem Hangover-Truck kam Burke, weil er und seine Frau selbst Wein- und Grappa-Liebhaber sind und am Wochenende gerne Wein verkosten. Nach einem dieser Ausflüge sei ihm im Krankenhaus aufgefallen, dass viele Patienten nach einer Narkose die gleichen Symptome zeigten wie Menschen mit einem Kater. "Da dachte ich mir, vielleicht helfen ihnen ja auch die gleichen Medikamente." Also probierte er die Behandlung an seinen Freunden aus - mit verblüffenden Ergebnissen, so Burke.
Er stellte einen Businessplan auf, kaufte einen Truck und baute ihn zu einer mobilen Krankenstation mit weißen Ledersitzen, Apple-TV und riesigem Fernseher um. Das Gesundheitsamt in Nevada sei zwar etwas überrascht über die Idee gewesen, habe aber die mobile Arztpraxis bewilligt. Etwa 20 Patienten kann er hier nun gleichzeitig behandeln, zudem hat er ein Büro zwei Blocks vom Strip entfernt eröffnet. "Dort behandeln wir die Patienten, die sich noch übergeben müssen", sagt Burke.
Kritiker sagen, Burke würde zum Trinken animieren
Die herkömmlichen Mittel gegen einen Kater, wie Aspirin und Kaffee, würden nicht mehr helfen nach solchen Exzessen wie sie hier in Las Vegas gefeiert würden, sagt Burke. Und tatsächlich geht es den Partygängern von der Junggesellenparty schon besser. "Das Kopfweh ist fast verschwunden", sagt Zack, nachdem die Hälfte des Infusionsbeutels in seinen Venen verschwunden ist. Sein Bruder ist noch immer am Stöhnen. "Ob wir den rechtzeitig für den Helikopterflug wieder hinbekommen, weiß ich nicht", sagt Jason Burke, und dreht die Infusion an Brians Arm etwas auf.
Drei junge Frauen steigen noch in den Bus ein, alle wohnen in Las Vegas und waren gestern ungeplant heftig am Strip feiern. "Ich will meinen freien Tag aber nicht im Bett verbringen", sagt eine von ihnen. Statt sich zum Frühstück zu treffen, hätten sie sich für den Hangover-Truck verabredet - "wir hätten eh keinen Bissen runter bekommen".
Rund 1500 Partygänger hat Burke seit Mai behandelt, manche Patienten kämen sogar mehrere Tage hintereinander. Drei Festangestellte und fünf Teilzeit-Mitarbeiter beschäftigt Burke derzeit, alles ausgebildete Krankenschwestern und Pfleger. In den vergangenen Monaten hätten sie schon die bizarrsten Fälle erlebt. "Ein Mann hat sich mal im Vollrausch den halben Finger abgeschnitten, das war vielleicht eine Sauerei am nächsten Morgen", erzählt Burke. Und eine Frau habe sich nach einem Alkoholexzess so heftig übergeben, dass ihr die Äderchen in den Augen geplatzt seien.
Kritiker sagen, Burke würde einen Freischein für Alkoholexzesse ausstellen und das Trinken unterstützen. Er sieht das ganz anders. "Menschen haben schon immer getrunken, egal wie schlimm der Kater am nächsten Tag wird." Manche Folgen von Alkohol wie zum Beispiel Sodbrennen seien auch schlecht für die Gesundheit, deswegen wolle er den Patienten möglichst schnell helfen.
Zaks Infusion ist mittlerweile durchgelaufen, sein Bruder Brian bekommt seine in einer Tragetasche mit auf den Weg. Er scheint schon viel munterer als noch vor zwei Stunden und freut sich auf den Helikopterflug. Täglich Alkoholleichen wie ihn zu behandeln, schreckt Doktor Burke und seine Mitarbeiter aber nicht vom Trinken ab. "Wir wissen ja, was wir danach zu tun haben."
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- Freitag, 09.11.2012 – 12:28 Uhr
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