"Hart aber fair" zum Thema Diesel Deutschland hat einen Motorschaden

Autoindustrie und Politik verspielen das Vertrauen von Millionen betrogener Dieselkunden, deutschlandweit drohen Fahrverbote. Oder sind einfach nur die Stickoxid-Grenzwerte Unfug? Frank Plasberg wagte den Erklärungsversuch.

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/Oliver Ziebe

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

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Es brodelt in der Bevölkerung. Dieselkrise, Fahrverbote, Mineralölsteuer rauf, Tempolimit: Es vergeht kaum eine Woche, in der der Deutschen liebstes Kind nicht weiter gegängelt würde. Schon werfen sich in ihrer Wut auch hierzulande die ersten Menschen in gelbe Westen. Natürlich nicht, um für mehr soziale Gerechtigkeit zu streiten. Sondern für ihre Rechte als Autofahrer.

Ein dankbares Publikum also für Frank Plasbergs Versuch, den Komplex bei "Hart aber fair" festzunageln: "Grenzwerte geschätzt, Motoren manipuliert: Ein Land im Diesel-Wahn?" So lautete das Thema der Sendung am Montagabend. Komplex ist dabei ein gutes Stichwort, denn es zeigte sich schnell, dass die Thematik in all ihren Facetten (mal wieder) kaum zu bändigen war.

Immerhin hatte Plasberg nicht die üblichen Verdächtigen geladen, die sonst für Runden mit diesem Fokus seit Anbeginn der Dieselkrise im September 2015 rekrutiert werden. Es talkten:

  • Oliver Wittke, CDU, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und mit seinen Statements Überraschung des Abends;
  • Cem Özdemir, Bündnis 90/Die Grünen, Vorsitzender des Verkehrsausschusses und Geisterfahrer der Sendung;
  • Barbara Metz, Vizechefin der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und hartleibige Verfechterin von Fahrverboten;
  • Bernd Mattes, Cheflobbyist vom Verband der Automobilindustrie und sozusagen Darth Vader der Show
  • und Prof. Dr. Dieter Köhler, Facharzt für Pneumologie und Social-Media-Zombie.

Social-Media-Zombie deshalb, weil Köhler seit einigen Monaten durch die Timelines von Menschen geistert, die in der Fahrverbotsdebatte eine große Verschwörung von Umweltidealisten - und sich in ihren Grundrechten als Dieselfahrer bedroht - sehen. Diese Klientel bedient der Mediziner mit einer betörenden These: Der Grenzwert, der bereits heute dazu führt, dass Autos aus Städten ausgesperrt werden, sei vollkommen, nun ja, aus der Luft gegriffen. Ein Zusammenhang zwischen Stickoxid (NOx)-Belastung und Gesundheitsrisiken sei nirgends wissenschaftlich bewiesen, die WHO-Studien, auf denen die Grenzwerte beruhten, seien veraltet und unsauber.

Messtests mit Kerze und Spaghetti

Ein interessanter Punkt. Ein Einspieler sollte ihn unterstreichen: Ein Kamerateam misst im Selbstversuch, was verschiedene andere Dinge als Autos (in einem geschlossenen Raum) so alles an Stickoxid emittieren. Schon eine Kerze übersteigt die für Städte im Jahresmittel geltenden Grenzwerte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter deutlich. Es wird fröhlich weiter eskaliert, bis dann ein Topf Spaghetti auf dem Gasherd die gefühlte NOx-Schallmauer durchbricht: 1300 Mikrogramm pro Kubikmeter werden gemessen. KRASS!

Oder?

Genau das wird leider nicht geklärt. Und das liegt nicht nur an Cem Özdemir, der die erste sich bietende Abzweigung nutzen will, um der Autoindustrie in Form von Darth Vader aka Bernd Mattes einen mitzugeben (und durch Plasberg angenehm energisch davon abgehalten wird). Nein, es liegt vor allem daran, dass die Sendung von selbst gleich zum nächsten Aspekt hechelt: der Frage, wo gemessen wird. Das nämlich, so zeigt ein weiterer Einspieler, habe einen ganz erheblichen Einfluss darauf, wie viel gemessen werde.

Während wir Deutschen uns mal wieder pingelig zeigen und darüber streiten, ob nun eine Höhe von 1,50 Metern über der Straße repräsentative Ergebnisse erbringt oder der Messkopf doch lieber in drei Meter Höhe montiert werden soll, wird am Beispiel Griechenland veranschaulicht, wie man sich des Problems der lästigen Grenzwerte und Fahrverbote ganz kreativ entledigen kann. Denn in Thessaloniki thront die Messstation auf dem Dach der Universität in wahrhaft luftiger Höhe. 35 Meter! Wow. Gute Fahrt!

Dieseldurcheinander

Und so geht es in wildem Ritt weiter durch nahezu alle Themen, die seit Ausbruch von #Dieselgate medial verhandelt wurden. Den Betrug durch VW, die Kungelei von Regierung und Industrie, Hardware-Nachrüstung, Software-Nachrüstung, Luftreinhaltepläne, Mobilitätswende, neue Antriebskonzepte... Alles wird kurz angetippt, kaum etwas zu Ende verhandelt. Da kamen selbst Leute, die es eigentlich besser wissen müssten, in der Sendung durcheinander: So ereiferte sich Özdemir plötzlich leidenschaftlich dahingehend, dass die Industrie endlich mehr fürs Klima tun müsse - dabei ist das Thema Verbrauch und damit CO2 eine komplett andere Baustelle (wird aber, genau wie Feinstaub, gern mal mit allem zusammen in einen Topf geworfen).

Ein unverhofftes Coming-out hatte Oliver Wittke. Der schien aufgrund seiner Funktionsbeschreibung und Parteizugehörigkeit eigentlich als Kandidat aus dem Kungel-Camp von Industrie und Politik gecastet, vertrat aber bemerkenswerte Positionen: Mit der, dass die Grenzwerte nun mal gelten würden und zu beachten wären, ganz gleich, ob sie sinnvoll seien oder nicht, lief er sich schon einmal warm.

Dann kam die Rede auf das Schreiben des Kraftfahrt-Bundesamtes, das knapp zwei Millionen vom Abgasskandal betroffenen Dieselfahrern per Post zugestellt wurde. Darin empfahl die Behörde von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) den betrogenen Kunden, sich einfach neue Autos von eben diesen Herstellern zu kaufen, um Fahrverbote zu umgehen. Praktischerweise gleich mit den Hotline-Nummern der Hersteller auf dem Briefkopf.

Auftritt Wittke: "Der Brief ist skandalös, einen solchen Brief kann man nicht versenden." Einordnung Plasberg: "Dass hier ein Mitglied der Regierung einen solchen Hauptsatz spricht, muss man auch mal anerkennen. Das ist doch mal befreiender Sauerstoff."

Überhaupt schlug sich Plasberg redlich, vor allem im Duell mit Bernhard Mattes. Der erlebte seine dunkle Stunde nach einem weiteren Einspieler: Ein ARD-Team hatte einen auf BMW spezialisierten Tuner besucht. Dessen überraschende Verkündung: Die Hardware-Nachrüstung für alte Euro-5-Fahrzeuge, gegen die sich vor allem BMW mit allen Mitteln sträubt und sie für technisch unmöglich erklärt, gibt es bereits. Ganz normal, auf dem Markt erhältlich. Mit Originalteilen von BMW, made in Germany. Verkauft allerdings nur in den USA.

Das Kit wird im Einspieler importiert und flugs montiert, der Stickoxidausstoß gemessen, und siehe da: Plötzlich liegt der Wagen sogar unter dem für Euro-5-Fahrzeuge geltenden Grenzwert. Mattes ist in Erklärungsnot: Er beruft sich auf unterschiedliche Zulassungskriterien in verschiedenen Ländern. Darauf hat Plasberg nur gelauert: "Sie haben doch vorhin gesagt, dass auch die deutsche Autoindustrie alles tut, um die Luft sauber zu bekommen? Was sie jetzt sagen, klingt anders: 'Wir tun nicht das, was wir können, sondern das, wozu wir im jeweiligen Land gezwungen werden.'"

Die Schwäche des Talkshow-Formats

Es ist ein wirklich starker Moment der Sendung. Auf den leider ein deprimierender folgt - weil er die Schwäche des Formats herausstellt. Den nächsten Schützengraben, in den Mattes hechtet, kann Plasberg nämlich nicht mehr ausheben. So ein Umbau sei komplex, er könne dazu jetzt wenig sagen, was da im Steuergerät passiere, ganz schlimme Sachen könnten das sein, wehrt sich der VDA-Chef. Es klingt so, als wäre kurz nach der Abreise des ARD-Teams das umgebaute Fahrzeug mit kapitalem Motorschaden verendet.

Leider ist niemand da, der Mattes' Aussagen überprüfen, einordnen oder widerlegen kann. Es müsste jetzt eigentlich vertieft werden, statt weiterzuhecheln. Genau wie am Anfang der Sendung, bei den Behauptungen von Lungenspezialist Köhler. Dem setzt nämlich DUH-Vizechefin Barbara Metz entgegen, dass sich ihr gegenüber viele seiner ehemaligen Medizinerkollegen ganz anders als er geäußert hätten.

Aber wer hat Recht: Köhler oder Metz? Mattes oder der BMW-Schrauber? Das wird nicht und kann wohl auch kaum in einer Talkshow geklärt werden. Das aber ist bedauerlich, denn knapp zwei Millionen Deutsche warten auf Antworten, nicht weitere Fragen. Es wird wohl weiter brodeln in Deutschland.

insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
mukulele 22.01.2019
1. Der Lobbyist, ein Sinnbild...
... der verlogenen Autobranche. Ich glaube in es wird nirgendwo mehr gelogen und betrogen als beim Autokauf, in der Autowerkstatt, bei der Autoversicherung usw... Ich bin froh damit nichts mehr zu tun zu haben
wpstier 22.01.2019
2.
Das ganze Theater in Deutschland mit dem Diesel ist durchaus ebenbürtig zum Brexit Theater in Großbritannien (vielleicht langsam nur noch Brittanien nennen). Es ist unerträglich wie blöd sich die Regierung, Behörden und die Industrie in Deutschland anstellen.
dasfred 22.01.2019
3. Wer vieles bringt, bringt jedem was
Damit wird das heutige Forum wieder wie gehabt. Jeder hat eine Bestätigung für seine Meinung. Dieselfahrer tun mir jetzt leid. Sie haben irgendwann eine Kaufentscheidung für ein damals völlig normales Fahrzeug getroffen. Jetzt müssen sie feststellen, dass die Hersteller ihnen ein verfälschtes Produkt verkauft haben, mit dem sie in ihrer Bewegung stark eingeschränkt werden könnten. Die nicht Dieselfahrer führen sich auf, wie die Anti Raucher Bewegung, die hinter jeder Zigarette den Krebs Tod beschwören. Das schöne an diesem Thema ist, dass es soviele Zuschauer im TV und Clicks bei SPON bringt, dass man damit auch interessante Spartenthemen finanzieren kann.
Rosenhag 22.01.2019
4.
Kann man nicht einfach verfügen dass die Stuttgarter Messungen für ganz Deutschland gelten, dann hätten wir bald nur noch emmisionsfreie Autos. Ja wenn emmisionsfreie Autos möglich sind warum baut die Industrie dann keine Autos mit negativen Emmisionen? Der Bundestag sollte das mal beschließen damit man das einklagen kann.
hevopi 22.01.2019
5. Es ist doch traurig,
wie dieses hochtechnisierte Land in der Welt als "Schummler" und "Lügner" vorgeführt wird. Wenn bewußte Manipulationen realisiert wurden (so etwas nennt man Betrug), dann gehören die Verantwortlichen in den Knast und verlieren ihr gesamtes Vermögen. Vielleicht lernen auch die hochtechnisierten Spezialisten: Betrug ist und bleibt Betrug.
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