Heinkel-Kabinenroller mit E-Motor Zukunft im Fifties-Look

Gleich mehrere Kleinstwagen mit Elektromotor waren unlängst auf der IAA zu sehen. Doch was sie können, können ihre Urahnen schon lange. Azubis des Stromkonzerns RWE haben nun alt und neu kombiniert und einen Heinkel-Kabinenroller zum E-Mobil umgebaut.

Tom Grünweg

Wenn Albert Heinen an die IAA in Frankfurt zurück denkt, muss er lächeln. Denn was VW, Audi und Opel dort in Form der Hightech-Seifenkisten Nils, Urban Concept und RAKe laut als große Vision anpriesen, hat der Leiter des RWE-Ausbildungszentrums Rauschermühle am Rande der Eifel längst in die Tat umgesetzt: Zusammen mit mehr als 30 angehenden Betriebselektronikern hat Heinen in den vergangenen 18 Monaten nämlich ebenfalls ein Minimalmobil mit Akku-Antrieb auf die Räder gestellt. Sie beschränkten sich dabei auf das Wesentliche. Den Antrieb und nutzten einen 50 Jahre alten Heinkel-Kabinenroller als Basis. Seit ein paar Tagen verfügt das elektrische Ei im zarten hellblauen Lack nun auch über den Segen des TÜV.

Am Anfang stand keine Zukunftsvision, sondern der Blick in die Vergangenheit. "Solche Fahrzeugkonzepte hat es mit konventionellen Motoren ja früher schon einmal gegeben", sagt der Ausbildungsleiter und Oldtimersammler Heinen. Er meint die fünfziger Jahre, als Kleinstwagen wie BMW Isetta, Messerschmitt Kabinenroller oder eben eine Heinkel Kabine das Straßenbild prägten.

Warum Heinen gerade den Heinkel auswählte? Erstens fährt er selbst so einen Winzling und kennt deshalb die Szene. Und zweitens bietet das Wägelchen ideale Voraussetzungen für die Elektro-Umrüstung. "Die Heinkel Kabine ist eines von ganz wenigen Fahrzeugen, das mehr zuladen kann, als es selbst wiegt", sagt Heinen. Wenn man einen Akku von mehr als 80 Kilogramm in ein Fahrzeug von gerade mal 290 Kilogramm packt und dann auch noch Passagiere mitfahren sollen, ist das nicht ganz nebensächlich.

Ein größeres Auto umzurüsten, etwa einen VW Käfer oder einen Fiat 500, wäre technisch wohl einfacher gewesen. "Aber wegen des größeren Fahrzeuggewichts hätten wir auch einen stärkeren Motor und einen größeren Akku gebraucht, und das hätte wahrscheinlich das Budget gesprengt", sagt Heinen. Das ist auch der Grund, weshalb als Basis kein Kabinenroller von Messerschmitt ausgewählt wurde. Die Fahrzeuge aus Regensburg sind zwar berühmter als die aus Zuffenhausen, aber vermutlich auch deswegen sehr viel teurer. Den Heinkel fand das Team in Schweden, er kostete 3000 Euro. Allerdings stammt der Wagen nicht vom deutschen Hersteller, sondern von der englischen Firma Trojan. Die hatte das Dreirad zwischen 1960 und 1965 in Lizenz gefertigt.

Der E-Motor leistet ebenso zehn PS wie der vormalige Einzylinder-Benziner

Aus der schwedischen Rostlaube wurde dann ein Kleinod, das schon mit konventionellem Antrieb wohl um die 15.000 Euro Wert wäre. Jetzt allerdings gibt es statt der schmalen Rückbank einen Block mit 24 Lithium-Eisen-Phosphat-Zellen. Und wo früher ein 200 Kubikzentimeter großer Einzylindermotor knatterte, sieht man jetzt durch ein kleines Fenster auf eine nur 13 Kilo schweren Elektro-Maschine. Genau wie das Original kommt der Stromer auf zehn PS. "Alles andere hätte Probleme beim TÜV gegeben, denn Tuning ist tabu", sagt der Ausbilder.

Auch mit dem vermeintlich mickrigen Motörchen ist das Ei auf Rädern flott unterwegs. Es schnurrt munter drauflos, erreicht wie früher ein Spitzentempo von 85 km/h und reagiert so spontan, dass sich Heinen schon Gedanken über ein Stabilitätssystem macht. Vor allem beim Rekuperieren, wenn der E-Motor zum Generator wird und die Akkus lädt, werfen die Lastwechsel das rundliche Wägelchen beinahe aus der Bahn. "Da müssen wir wohl noch mal ran", kommentiert der RWE-Manager die ungewöhnlichen Schlenker bei der Testfahrt. Für welche Fahrstrecke die Akkuladung reicht, wissen die Azubis noch nicht. "50 Kilometer sollten locker drin sein", sagt einer aus dem Team. Auch die Ladezeit kann bislang nur geschätzt werden: "Fünf bis sechs Stunden vielleicht."

Mit dem Ausbau des alten Einzylinders und dem Einbau des Elektromotors war es natürlich nicht getan. Heinen wollte seinen Zöglingen vor allem projektorientiertes Arbeiten nahe bringen und ließ sie in Arbeitsgruppen wirklich alles selbst machen - vom Sandstrahlen und dem anschließenden Lackieren der Rohkarosserie bis hin zu den Sattlerarbeiten am Sitz und der Entwicklung des modifizierten Fahrwerks.

Elektrotechnisch ist der Oldie auf dem neuesten Stand

Am meisten tüfteln mussten die Azubis an der Elektronik. "Die ist bei uns so modern wie in einem BMW 7er", sagt einer der angehenden Elektrotechniker. Statt einzelner Schalter und Leitungen wurde einen so genannter CAN-Bus im Auto installiert, der Verbraucher wie Blinker oder Bremslichter, Lüfter oder Scheibenwischer elektronisch ansteuert. Das Programm dazu haben die Auzubis selbst geschrieben und die Steuerzentrale des Autos entstand ebenfalls in Saffig. Während der Original-Kabinenroller lediglich über Tacho und Uhr verfügte, trägt der Hightech-Oldtimer nun einen Touchscreen hinter dem Lenkrad, über den man die zentralen Funktionen steuern kann.

Jetzt, da der elektrische Heinkel den Segen des TÜV hat und die ersten Kilometer auf der Straße abspult, neigt sich das Ausbildungsprojekt dem Ende entgegen. Noch ein bisschen Feintunung an den Fahrprogrammen, noch ein paar Schrauben festziehen und ein paar Kleinigkeiten polieren, dann ist der zukunftsfeste Oldtimer bereit für den Einsatz als Werbeträger auf Berufsbildungsmessen und Elektro-Auto-Events. Und was machen die nächsten Ausbildungsjahrgänge? Jedenfalls ist keine Kleinserienproduktion des Elektro-Kleinstwagens vorgesehen. Heinen: "Da würden uns ziemlich schnell die Rohkarossen ausgehen."

insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-1277755831106 02.11.2011
1. guter Ansatz
Interessanter Beitrag. Ein ganzes Volk ist übermotorisiert. Es muss ja nicht gleich eine BMW Isetta sein, aber die Kinder mit dem Geländewagen in den Kindergarten fahren oder damit Brötchen zu holen, sollte verboten sein. Wir brauchen dringend ein alternatives Verkehrskonzept, welches die Autolobby natürlich verhindern wird.
hegade 02.11.2011
2. Sorry,
aber zwischen dem Kabinenroller und der abgebildeten Isetta ist aber doch ein gewisser Unterschied...
novoma 02.11.2011
3. Isetta?
Zitat von hegadeaber zwischen dem Kabinenroller und der abgebildeten Isetta ist aber doch ein gewisser Unterschied...
Ich weiß nicht, wo Sie eine Isetta sehen, ich sehe auf den Bildern das, was auch im Text erwähnt wird - eine von Trojan in Lizenz gefertige Heinkel Kabine. Die mag zwar für den unbedarften Betrachter auf den ersten Blick einer Isetta ähnlich sehen, es sind aber zwei antriebsseitig und konzeptionell völlig unterschiedliche Autos.
JensDD 02.11.2011
4. ...
Zitat von hegadeaber zwischen dem Kabinenroller und der abgebildeten Isetta ist aber doch ein gewisser Unterschied...
wie war das mit dem Ahnung haben...
barlog 02.11.2011
5. .
Zitat von hegadeaber zwischen dem Kabinenroller und der abgebildeten Isetta ist aber doch ein gewisser Unterschied...
Wo bitte sehen sie eine Isetta ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.