Hindustan Ambassador Das Empire lässt grüßen

Viele Inder sind nicht gut zu sprechen auf die früheren britischen Kolonialherren. Doch auf deren Autos lassen sie nichts kommen – und das schon lange bevor Tata die Marken Jaguar und Land Rover kaufte. Die Liebe wurzelt viel früher: beim Hindustan Ambassador.


Es muss ein eintöniger und sehr ruhiger Job sein, den der für das Modell Ambassador verantwortliche Designer beim indischen Autohersteller Hindustan hat. Seit gut 50 Jahren nämlich rollt der Wagen praktisch unverändert aus der Fabrik. Mal gab es eine neue Chromleiste, mal eine frische Konsole oder ein anderes Lenkrad – viel mehr jedoch wurde am erfolgreichsten Modell des Unternehmens nicht verändert.

Abgesehen vom Land Rover Defender gibt es wohl kein Auto auf der Welt, das nun schon so lange und vor allem so originalgetreu gebaut wird, wie den Hindustan Ambassador. Das Modell gilt als erstes eigenes Auto des künftigen Super-Marktes Indien.

Der Amby, wie der Wagen von den Indern genannt wird, sieht nicht nur älter aus als alle neumodischen Retro-Autos zusammen, er ist es auch. Die Konstruktion geht zurück auf den Morris Oxford, der im Königreich kurz nach dem Krieg vorgestellt wurde. Als die Briten 1957 die damals aktuelle Generation ausmusterten, wurden die Produktionsanlagen komplett nach Indien verschifft und vor den Toren Kalkuttas wieder aufgebaut. Seit 1958 läuft der Hindustan Ambassador als vierrädriger Botschafter des Empires dort vom Band – und ein Ende ist nicht abzusehen.

Im Gegenteil: Zum 50 Geburtstag wurde der Wagen noch einmal frisch geschminkt, mit sparsameren Motoren bestückt und fit gemacht für eine weitere Dienstzeit. Um die neueste Version des Oldies in den Verkehr zu drücken, gibt es sogar eine Art Eintauschprämie: Wer einen alten Ambassador zurückgibt, zahlt für das neue Modell 35.000 Rupien weniger.

Mit diesem Auto wurde Indien mobil

War der Ambassador auf den indischen Straßen früher so dominant wie in der DDR der Trabi, ist er inzwischen nur einer unter vielen auf den Wegen, die zunehmend von moderneren Fahrzeugen verstopft werden. Der Bestseller in Indien ist derzeit der Suzuki Alto. Der Kleinwagen ist sicherer, komfortabler und fast so geräumig wie das rollende Relikt – das allerdings in der Charakter-Kategorie uneinholbar führt.

Das ist auch ein Grund dafür, dass der gut 4,30 Meter lange Ambassador mit dem Glockendach und den markanten Nasenflügeln auf der bauchigen Motorhaube überhaupt noch gefragt ist. Taxifahrer, Regierungsbehörden und zahlreiche Chauffeursfirmen für Touristen – sie alle kaufen zu Preisen zwischen 370.000 und 410.000 Rupien (5400 bis 6000 Euro) weiterhin den fabrikneuen Oldtimer.

Jedes Jahr werden noch 15.000 Exemplare gebaut

Und so fertigt Hindustan – neben gemeinsam mit Mitsubishi produzierten Modellen wie einem auf indisch getrimmten Lancer und Pajero – noch immer rund 15.000 Ambassdor-Exemplare pro Jahr. Privatleute kommen an diese Autos kaum heran. Weil große Chargen als Dienstwagen oder Taxi laufen, müssen nostalgische Normalfahrer mehr als ein halbes Jahr auf ein Auto warten. "Selbst einen BMW oder Mercedes bekommt man schneller", sagt ein Kenner des indischen Automarkts.

Auf den Amby lassen die Inder nichts kommen. "Die Deutschen haben Mercedes, und wir haben den Ambassador", schwärmt Taxifahrer Shambu Singh Rathore, der sein Modell nun schon seit 15 Jahren durch die Stadt steuert und "noch nie ein ernsthaftes Problem mit der antiquierten Technik hatte". Zwar ist der Taxler genervt von der Lenkradschaltung, mit der er im Getriebe stochert wie mit einer Gabel in der Suppe. Aber die später eingeführte Knüppelschaltung ist kaum besser. Bei der liegen die Gänge so weit auseinander, dass man den Rückwärtsgang erst unter dem Oberschenkel findet.

Drinnen herrscht Gedränge

So erhaben der Ambassador von außen wirkt, so bescheiden geht es im Innenraum zu. Im Fond stößt man mit den Knien an die Lehne der vorderen Sitzbank an. Und hinter dem Lenkrad ist es so eng, dass man mühelos mit den Knien steuern kann. Außerdem ist das Kuppeldach so weit heruntergezogen, dass der Fahrer einen Ausblick hat, als sei ihm ein viel zu großer Hut in die Stirn gerutscht.

Auch das Fahrverhalten des Ambassador ist, wenn wundert es, antiquiert. Es gibt einen Benzinmotor mit 75 PS, zwei Dieselvarianten mit 40 und gut 50 PS sowie eine Erdgas-Version mit 55 PS. Zwar ist der hochbeinige Klassiker, den SPIEGEL ONLINE auf einer kurzen Testfahrt durch die ehemalige Provinzhauptstadt Udaipur bugsierte, ausgesprochen robust. Doch auf schlechten Straßen hüpft man auf den Sitzpolstern wie auf einem Trampolin. Außerdem wankt der Wagen bei Richtungswechseln wie ein Elefant im Dschungel, die Lenkung ist schwergängig, und Außenspiegel gibt es bei vielen Modellen auch nicht. Zur Sicherheit fahren ja am Armaturenbrett wohl jedes indischen Autos drei Gottheiten mit.



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