Kultwagen Ambassador Aus für ein altes Stück Indien

Er diente als Staatskarosse, Touristentaxi und Familienkutsche: Der Ambassador von Hindustan Motors hat fast 60 Jahre lang indische Autogeschichte geschrieben. Jetzt wurde die Produktion eingestellt. Neu-Delhis Taxifahrer trauern - doch ist das wirklich ein Verlust?

Aus Neu-Delhi berichtet Ulrike Putz

SPIEGEL ONLINE

Einen guten Teil seines Arbeitstags verbringt Phuman Singh dösend: Im Schatten zweier Zeltplanen liegt er mit seinen Kollegen auf Ruhebetten aus geflochtenen Stricken. Es ist schwül an diesem Sommertag in Neu-Delhi, ein Ventilator surrt, einige der acht Männer schnarchen. Dann klingelt das Telefon: "Taxi bitte!", ruft der Disponent des Taxistands, auf dessen Parkplatz acht Autoklassiker und das Zelt für deren Fahrer Platz finden. Singh krabbelt von seiner Liege, reckt sich und schwingt sich ans Steuer seines Hindustan Ambassadors.

"400.000 Kilometer Stadtverkehr - und keine großen Macken", preist der Taxifahrer sein Auto, während es über die grünen Boulevards Neu-Delhis fährt. "Ein Ambassador ist schick, luftig, weich gefedert." Touristen liebten das Flair des rundlichen Klassikers, indische Großfamilien hingegen schätzten den geräumigen Fond. "Ich nehme bis zu neun Leute mit, dann ist Schluss", sagt Singh.

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Aus für den Ambassador: Ende Legende
Die Hymne des 38-Jährigen auf seinen Ambassador, liebevoll Amby genannt, ist nur eine von vielen derzeit: Seit im Mai bekannt gegeben wurde, dass Hindustan Motors die Produktion der Limousine bis auf Weiteres eingestellt hat, ergehen sich indische und ausländische Autoliebhaber in Abgesängen auf den rundlichen Wagen: Der Ambassador sei der "König der indischen Straße", heißt es dann. In Weiß, als Dienstwagen für hohe Beamte, war er immer auch ein Statussymbol. In den vergangenen Jahren hätte die junge indische Elite und die in Indien lebenden Ausländer den Amby für sich entdeckt, alte Autos aufgekauft und restauriert, wird kolportiert.

Die Inder lieben ihren Ambassador, weil sie Heimweh haben

Das mag alles stimmen, muss aber relativiert werden: Die Wahrheit ist, dass der Ambassador, der von Hindustan Motors seit 1957 nahezu unverändert produziert wird, hoffnungslos veraltet ist. Ja, die Ambys, die einstmals nach der Vorlage des britischen Modells Morris Oxford designt wurden, sehen gut aus. Aber sie verbringen sehr viel Zeit in der Werkstatt.

Selbst Phuman Singh, der seinen Stolz auf seinen Amby, Baujahr 2000, kaum zügeln kann, muss zugeben, dass der mindestens einmal im Monat beim Mechaniker steht. Und auch die vielbeschworene Sicherheit der Limousine ist im Verhältnis zu sehen: Der Stadtverkehr von Neu-Delhi rollt selten schneller als 30 Stundenkilometer. Bei solchen Geschwindigkeiten mag das schwere Chassis des Ambys das Gefühl von Sicherheit vermitteln - doch es gibt gute Gründe, warum in neueren Autos Kopfstützen und Airbags Pflicht sind.

Die Wahrheit ist auch, dass die Inder ihre Ambassadors lieben, weil sie Heimweh haben. Heimweh nach dem guten, alten Indien, von dem nach dem rasenden Fortschritt der vergangenen 25 Jahre kaum noch etwas geblieben ist. Bis 1992 hielt Hindustan Motors 75 Prozent des heimischen Automarkts. Dann kam die Öffnung des indischen Marktes und mit dieser das Wachstum, die Verteilungskämpfe und enttäuschte Hoffnungen. "Mit dem Ambassador stirbt ein Stück altes Indien", klagt Singh.

Pro Arbeiter und Jahr wurde nur ein Auto produziert

Ausgerechnet der Sprecher von Hindustan Motors hält diese Nostalgie für hohl und verspätet. "Es ist doch wie immer: Erst wenn Mutter und Vater gestorben sind, weiß man, was man an ihnen hatte ", schimpft Rajif Saxena. Weltweit ergingen sich die Medien nun in Lobpreisungen des Amby, doch der Markt spreche eine andere Sprache. "Fakt ist, dass wir vergangenes Jahr nur 2300 Stück verkauft haben."

Der Niedergang des Wagens sei von vielen Faktoren besiegelt worden, sagt Saxena. Misswirtschaft und eine übermäßig starke Gewerkschaft seien das größte Problem. Die Tatsache, dass seit der Einstellung der Arbeit im vergangenen Monat 250 der 300 leitenden Angestellten, aber kein einziger Arbeiter von Hindustan Motors gefeuert wurden, spreche für sich. "Das Werk in Uttarpara im Bundesstaat Westbengalen hat über 2300 Angestellte, die vergangenes Jahr pro Arbeiter ein Auto produziert haben. Indischer Durchschnitt bei Autobauern ist 365 Autos pro Mann und Jahr."

Die Werksleitung spricht von einem vorübergehenden Produktionsstopp, doch niemand in Indien glaubt, dass der Ambassador noch eine Chance hat. Dank Regierungsaufträgen musste Hindustan Motors jahrzehntelang nicht konkurrenzfähig sein. Als Neu-Delhi vor zehn Jahren begann, andere, billigere Mittelklassewagen anzuschaffen, war es schon zu spät.

Phuman Singh will seinen Wagen weiterfahren, bis der entweder den Geist aufgibt oder die Preise auf dem Ersatzteilmarkt steigen. Bis dahin hofft er, aus der Tatsache, dass es immer weniger fahrtüchtige Ambassadors geben wird, Geld zu schlagen: Bollywood braucht für jeden Film, der in der jüngeren indischen Vergangenheit spielt, Dutzende Ambys für das historische Straßenbild. Singh ist in der Kartei einer Produktionsfirma, er und sein Amby sind bereits in mehreren Filmen zu sehen gewesen. "Das bringt mehr Geld, als Touristen herumzufahren", sagt er.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
kindchen 16.07.2014
1. Fotostrecke
Schade, kein einziges Foto zeigt mal ein Fahrzeug von innen ...
tschanz51@bluewin.ch 16.07.2014
2. Schade!
Ich finde es irgendwie schade, dass solche Autos zum aussterben verurteilt sind. Es gibt Autos an die man sich herrlich gewohnt hat. So wie etwa an das legendäre Londoner Taxi in England oder eben den Ambassador in Indien. Mein zweites Auto war nach einem wunderbaren Simca 1100, ein dunkelroter Peugeot 504 Automat mit hellbeigem Interieur. Das Auto bot viel Platz, sehr guten Komfort und reichlich Fahrspass. Noch heute erfreut es mich durchaus, wenn ich irgendwo in Nordafrika in ein Taxi des Modells Peugeot 504 zusteigen darf. Auch der 504er wurde über eine lange sehr Zeit gebaut, nämlich von 1969 - 2005!
cbockermann 16.07.2014
3. Auch die Produktion ist veraltet
Vor einigen Jahren habe ich die Produktionsanlagen in Uttarpara fotografiert. Insbesondere in der Gießerei, in der die Motorenblöcke gefertigt werden, herrschen Bedingungen wie in europäischen Fabriken zur Zeit der industriellen Revolution. Kaum Sicherheitsmaßnahmen, keine ausreichende Belüftung und fast alle Arbeit wird manuell verrichtet. Einige Fotos aus dem Werk finden sich auf meiner Website http://www.cabophoto.com/ unter 'Moving India: The Hindustan Motors Ambassador'. Trotz allem ist der Ambassador ein Fahrzeug, das mehr noch als der VW Käfer in Deutschland für die Erlangung der individuellen Mobilität in einem Land steht.
Freidenker10 16.07.2014
4.
War in den 80ziger Jahren öfters in Indien und kann mich noch gut an diese Schrottkisten erinnern... Meistens hats innen ganz schön gemuffelt... Aber wenn man auf Rikschas umsteigt ist es wieder geil! Die alten Zeiten...:-)
Der Pragmatist 16.07.2014
5. Einzig auf der Welt
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEr diente als Staatskarosse, Touristen-Taxi und Familienkutsche: Der Ambassador von Hindustan Motors hat fast 60 Jahre lang indische Auto-Geschichte geschrieben. Jetzt wurde die Produktion eingestellt. Delhis Taxifahrer trauern - doch ist das wirklich ein Verlust? http://www.spiegel.de/auto/aktuell/hindustan-ambassador-produktionsstopp-fuer-das-taxi-aus-indien-a-978988.html
Indien ist das einzige Land der Welt, wo man im Jahre 2014 immer noch ein nagelneues Auto der 1940er Jahre kaufen kann. Auch das geht jetzt (endlich) zu Ende.
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