Sammelobjekt Tanklaster: Große Erinnerungen

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Historische Tanklastwagen: Von der Zeit überholt Fotos
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Für einen Oldtimer können sich viele Menschen begeistern. Worin aber liegt der Reiz eines alten Lkw? Ein Besuch auf einem Treffen für historische Tanklastwagen.

Jens Prüser hat eine Zeitmaschine. Sie ist groß und lang und knallrot und hat 1200 Mark gekostet. Es ist ein Mercedes LS 315, Baujahr 1957, an dem ein Tanksattelanhänger angedockt ist, Baujahr 1959. Um zu verstehen, warum sich Jens Prüser diesen Blechhaufen zugelegt hat, darf man darin nicht bloß ein altes Nutzfahrzeug sehen - sondern eben eine Zeitmaschine.

Jens Prüser sieht so aus, wie Leute aus Süddeutschland sich Leute aus Norddeutschland vorstellen. Groß, helles Haar, trockener Typ. Erst spät im Gespräch erzählt der 47-Jährige aus der Lüneburger Heide, dass er einen ganzen Fuhrpark an Zeitmaschinen besitzt.

Den roten LS 315 hat er an diesem Tag auf dem Hof der Großtankstelle Brandshof in Hamburg geparkt. Prüser ist nicht als einziger mit seinem Tanker vorgefahren. Die Betreiber der Retro-Tanke veranstalten immer wieder Oldtimer-Treffen, dieses Mal haben sie Besitzer von historischen Tanklastern eingeladen. Neben Prüsers Mercedes stehen eine Reihe anderer Sprittransporter aus einer Zeit, als der Liter Benzin noch 60 Pfennige kostete.

Lkw als Exoten

Als Zuschauer steht man zwischen diesem frisch polierten Altmetall und fragt sich: Wieso geben diese Leute Geld für Nutzfahrzeuge aus, die sich nicht mehr nutzen lassen? Der Charme von Oldtimer-Autos ist ja nachvollziehbar. Aber was macht man mit einem Transporter für Benzin, in den man kein Benzin mehr füllen darf?

"Oldtimer-Autos gefallen mir ja auch", sagt Jens Prüser, "aber da sind die Stückzahlen viel größer. Lastwagen haben einen noch größeren Seltenheitswert. Sie sind individueller." Er hat auf dem Fahrersitz seines roten Riesen Platz genommen und fährt mit der Hand über das Lenkrad. Das Steuer hat den Durchmesser einer Familienpizza. Um den Lastwagen damit um die Kurve zu drehen, bedarf es einer Kraftanstrengung. "Man spürt das Fahrzeug", sagt Prüser.

Jens Prüser begeistert das seit 38 Jahren. Seine Leidenschaft für Lastwagen entfachte sich, da war er gerade mal neun Jahre alt. "Ich habe mir damals auf Fotos die Fahrzeuge von meinem Großvater und von meinen Vater angeschaut. Sie führten einen Lkw- und Busbetrieb", erzählt er. Ihre alten Arbeitsgeräte fand er "einfach formschön".

Erst der Laster, dann der Führerschein

Gleichzeitig faszinierten ihn die Geschichten der Angestellten. "Sie erzählten mir, wie man damals für die Strecke von uns bis nach München mit dem Lkw fast einen ganzen Tag brauchte und die Ladung noch Stück für Stück ein- und ausgeladen werden musste." Prüser hatte fortan ein Hobby. "Ich begann, Bilder und Modelle von historischen Nutzfahrzeugen zu sammeln. Und ich wollte diese Lastwagen unbedingt selbst erleben."

Mit 17 kaufte er sich für 500 Mark einen Büssing-NAG, Baujahr 1949. Als er endlich den Führerschein hatte, fuhr er zu Treffen gleichgesinnter Lkw-Liebhaber. Das war Anfang der achtziger Jahre. "Damals war das ein kleiner Kreis, jeder kannte jeden", erzählt er, "heute ist daraus ein richtiger Markt entstanden." Den Büssing hat er immer noch - und mittlerweile fast zwei Dutzend weitere Fahrzeuge, längst hat er sich für seine Flotte eine große Halle zulegen müssen.

"Damals war die Polizei noch tolerant"

Was dort parkt, hat er auf alten Speditionshöfen und Schrottplätzen aufgelesen. Beim Schrauben an den alten Karren half ihm anfangs ein ehemaliger Geselle seines Großvaters. "Der kannte sich noch richtig mit der Technik aus, der Mann war ein echtes Geschenk."

Die Beschaffung der Fahrzeuge verlief mitunter abenteuerlich. "Ich bin mal auf einen alten Bus gestoßen, dessen Innenraum für eine Bettfedernreinigung genutzt wurde", erzählt Prüser. Den Boden und die Sitze hatten die Besitzer ausmontiert und dafür einen Ofen reingestellt. "Als ich den Bus gekauft habe, war er ein fahrendes Gerippe. Ich bin damit von Paderborn bis nach Hause gefahren und konnte unter mir den Asphalt sehen." Heute sei so eine Aktion undenkbar - "aber damals war die Polizei noch tolerant."

Zu dem Bus gab es aber auch eine ganze Ladung mit den originalen Bauteilen, er ließ sich wieder vollständig restaurieren. "Wir haben immer darauf geachtet, dass die Fahrzeuge technisch funktionsfähig und alle wichtigen Teile vorhanden sind." Fehlt doch mal etwas, helfe nur eins: "Fragen, fragen, fragen." Auf die Hersteller kann sich Prüser dabei nicht mehr verlassen - Lastwagenbauer wie Henschel oder Büssing sind längst vom Markt verschwunden.

Der Oldie als Muckibude

Bislang hat er aber noch jedes Ersatzteil auftreiben können. Vorerst wird er auch keine Teile mehr suchen müssen. "Momentan machen wir nur Pflegearbeiten am Bestand", sagt Prüser. Er will schließlich mit jedem einzelnen seiner Busse und Lkw mindestens einmal im Jahr auf die Straße. Und für den Alltag sind die Oldie-Trucks nicht geschaffen. "Meistens fahre ich zu Treffen wie hier in Hamburg", sagt Prüser.

Trennen möchte er sich aber von keinem seiner historischen Nutzfahrzeuge. Er erzählt, wie sein Vater die Leidenschaft seines kleinen Jungen zunächst nicht ernst genommen hat. "Der dachte, das sei eine kurzfristige Spinnerei." Als er merkte, wie hartnäckig sein Sohn blieb, unterstützte er ihn. Zu den Treffen fuhren die beiden dann oft gemeinsam. "Wir haben dadurch viel Zeit zusammen verbracht."

Ohne die Familie wären auch andere Besucher des Tanklaster-Treffens nicht zu ihren Gefährten gekommen. Erik Skau zum Beispiel, der einen Betrieb für technische Großhandlung in vierter Generation führt. Den Tankwagen, mit dem er angereist ist, hatte sein Opa 1959 gekauft. Richtig anstrengend seien die anderthalb Stunden Fahrt von Itzehoe nach Hamburg gewesen. "Andere gehen ins Fitnessstudio, ich fahre Oldtimer", sagt Skau.

Je länger man Prüser und Skau zuhört, ihren Geschichten von den Fahrten mit dem alten Eisen - desto mehr versteht man ihre Leidenschaft für alte Lkw. "Weil ich schon so früh von den alten Bussen und Lkw begeistert war, erinnern sie mich an meine Kindheit. Damals war alles einfacher, ich hatte keine Verantwortung." Heute führt er das Busunternehmen, das einst sein Großvater und sein Vater geleitet haben. Die Branche sei hart, sagt er.

"Hier drin, in solchen Fahrzeugen", sagt Jens Prüser und legt die Hand ans große Lenkrad der Zeitmaschine, "habe ich für einen Moment lang keine Sorgen."

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1. Wo ist der Unterschied?
Ex-Kölner 24.06.2012
"Für einen Oldtimer könne sich viele Menschen begeistern. Worin aber liegt der Reiz eines alten Lkw?" Genau darin, wo auch der Reiz eines Pkw-Altfahrzeugs liegt. Es gibt nur drei Gründe, die verhindern, daß sich mehr Menschen für Nutzfahrzeug-Methusalems begeistern: 1. So ein Lkw oder Bus braucht Platz. 2. Bei weiten Ausfahrten wird der Dieselpreis zum Hemmschuh. 3. Dinge wie Servolenkung oder Automatik gab's früher nicht - wer ein altes Nutzfahrzeug steuern will, muß einigermaßen fit sein. Die Borgward Isabella kann hingegen auch die schon leicht tüddelige Oma noch fahren...
2. Einzigartiges Fahrgefühl
spon-facebook-1801668907 24.06.2012
Das Fahren von alten LKWs ist einfach ein Riesen-Spaß! Hier ist noch einer: http://www.mopedmagazin.com/magazin/372-steyr-680-die-wucht-in-schluchten.html
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