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13. Dezember 2012, 09:37 Uhr

Autogramm Honda Civic Diesel

Das kleine Wumms-Wunder

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Früher mal gehörten Honda-Motoren zur Weltspitze, dann verloren die Japaner den Anschluss. Mit einem besonders sparsamen Selbstzünder für den Civic soll der Rückstand jetzt aufgeholt werden. Das Triebwerk steckt voller technischer Finessen - und hängt so selbst die Volkswagen-Diesel ab.

Der erste Eindruck: Ruhe! Für einen Moment ist man unsicher, ob der Motor schon läuft. Erst der Blick auf den Drehzahlmesser gibt Auskunft darüber, ob der neue Dieselmotor bereits im Leerlauf werkelt oder eben nicht. Der Selbstzünder ist nämlich besonders leise. Und jene Schallwellen, die dann doch durch die dicken Dämm-Matten dringen, werden mit elektronisch berechneten Gegenfrequenzen getilgt.

Das sagt der Hersteller: "Wir reagieren mit dem neuen Motor auf das geänderte Käuferverhalten in der Kompaktklasse", sagt Honda-Sprecher Christoph Rust. Weil dort inzwischen kleine, sparsame und eher zahme Diesel gefragt seien, konnte der 150 PS starke 2,2-Liter-Selbstzünder bislang nicht so recht punkten. Deshalb reicht der größte Motorenhersteller der Welt jetzt einen kleinen Vierzylinder mit 1.6 Liter Hubraum und 120 PS nach.

Das Aggregat markiert zugleich den Beginn einer Ökooffensive, in deren Verlauf Honda in den kommenden Jahren auch stufenlose Automatik- und Doppelkupplungsgetriebe sowie weitere Motoren lancieren wird. Unter anderem einen Downsizing-Benziner mit Turboaufladung. Während andere Hersteller solche Technologien mit Etiketten wie Blue Motion oder Econetic versehen, holt Honda noch weiter aus und adelt diese Technologien mit dem Label Earth Dreams.

Das ist uns aufgefallen: 120 PS und 300 Nm Drehmoment - mehr Motor braucht man eigentlich nicht. Der Vierzylinder klingt gut und tritt kräftig an. In der Stadt freut man sich über eine unauffällig arbeitende Start-Stopp-Automatik und auf der Landstraße über ordentlichen Durchzug. Während man schnell durch das neue, kurz gestufte Sechsgang-Getriebe schaltet, kommt der Civic flott in Fahrt und macht kaum weniger Laune als mit dem großen Dieselmotor. Kein Wunder: Gemessen am maximalen Drehmoment trennen die beiden Motoren lediglich 50 Nm

Nur die Sache mit dem geringen Verbrauch ist so eine Sache. Damit man an die von Honda offiziell ermittelten 3,6 Liter herankommt, muss man erstens die Ökotaste drücken und zweitens streng darauf achten, dass die Instrumentenbeleuchtung grün bleibt. Schon bei etwas mehr Druck auf das Gaspedal wechselt die Beleuchtungsfarbe ins Blaue und man kann den Normwert vergessen. Nach 150 Kilometern mit viel Stop-and-go-Verkehr in der Stadt und viel Spaß über Land meldete der Bordcomputer etwas mehr als fünf Liter Durchschnittsverbrauch. Das ist einerseits weit entfernt vom Normwert - andererseits trotzdem ganz in Ordnung.

Das muss man wissen: Honda hat den Motor von Grund auf neu entwickelt und dabei nicht nur den Hubraum geschrumpft. Dass die Maschine so sparsam arbeitet, liegt auch an der reduzierten Reibung und vor allem am geringeren Gewicht. Weil die Ingenieure zum Beispiel die Kurbelwelle um 5,8 Kilo erleichterten und das Gewicht der Kolben um mehr als 40 Prozent reduzierten, ist der Selbstzünder nun laut Honda "der leichteste seiner Klasse". Der Lohn der Feinarbeit ist eben ein Normverbrauch von 3,6 Litern, der selbst den neuen VW Golf alt aussehen lässt. Der hat 15 PS weniger Leistung und braucht 0,2 Liter mehr. Allerdings soll ja im Frühjahr der Golf Blue Motion auf den Markt kommen und dann mit 110 PS und einem Durchschnittsverbrauch von 3,2 Liter je 100 Kilometer in Vorlage gehen.

Weil der Civic 1.6 i-DTEC erst im April in den Handel kommt, tut sich Honda mit der Kommunikation der Preise noch ein wenig schwer. "Etwa 1500 Euro unter dem großen Diesel", ist die einzige Angabe, die sich die Japaner bislang entlocken lassen. Dieses Auto kostet aktuell 19.500 Euro, und wenn wir richtig gerechnet haben, sollte der Civic mit dem neuen Diesel rund 18.000 Euro kosten. Dabei soll es aber nicht bleiben. Iim Herbst kommt der 1,6-Liter-Selbstzünder auch in den Geländewagen CR-V, und selbst in der Mittelklasse-Limousine Accord könnte das Aggregat angeboten werden.

Das werden wir nicht vergessen: Das futuristische Design und das spacige Cockpit des Civic. Das macht den japanischen Golf-Gegner auf coole Art unverwechselbar.

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