Honda Civic: Zeitsprung in der Kompaktklasse

Von Tom Grünweg

Honda wagt den Zeitsprung: Weil der bis zuletzt angebotene Civic zu brav und verwechselbar war, zeigen die Japaner auf der IAA einen futuristischen Nachfolger, der vieles von seiner aufsehenerregenden Studie behalten hat. An den Verkaufstart geht der Fünftürer allerdings erst im Januar.

Honda Civic: Markantes Gesicht in der Kompaktwagenmenge

Honda Civic: Markantes Gesicht in der Kompaktwagenmenge

Für die einen klang es wie eine Drohung, für die anderen wie eine Verheißung: "Dieses Auto zeigt mehr als 90 Prozent des künftigen Civic", kündigte Honda vor fünf Monaten auf dem Genfer Salon an und verwies dabei stolz auf das in leuchtendem Orange lackierte Showcar, das sich im Scheinwerferlicht der Messe drehte. Jetzt wird der Wagen Serien-Realität. Obwohl die Studie so futuristisch aussah, als hätten die Designer zwei Generationen übersprungen, haben die Japaner Wort gehalten und alle wesentlichen Elemente des Showcars in die Serie übernommen. Wenn deshalb im September in Frankfurt die Schleier von der achten Generation des Civic gezogen werden, dann - so zumindest die Hoffnung von Honda - werden alle anderen Modelle in der Golfklasse um Jahre älter aussehen.

Civic-Silhouette: Die hinteren Türgriffe sind versteckt à la Alfa Romeo

Civic-Silhouette: Die hinteren Türgriffe sind versteckt à la Alfa Romeo

"Wir haben erkannt, dass wir beim Design der siebten Generation des Civic einfach zu vorsichtig waren", gesteht Yasuhisa Maekawa in ungewöhnlicher Offenheit. "Die Verwechselbarkeit mit Produkten von Wettbewerbern ist nicht der Honda-Weg", umschreibt der Präsident des europäischen Entwicklungszentrums in Offenbach vorsichtig die langweilige und austauschbare Form des aktuellen Modells. "Unsere Stärke ist der Mut zur Individualität." Den haben die Entwickler und Entscheider des Unternehmens jetzt offenbar wieder gefunden.

Wuchtiges Heck: Verwechslungen sind ausgeschlossen

Wuchtiges Heck: Verwechslungen sind ausgeschlossen

Deshalb ist der neue Civic zumindest in der jetzt zur IAA angekündigten Europa-Version ein unmissverständlicher Bruch mit der vernünftigen Linie seines Vorgängers. Während Generation Nummer Sieben noch die Nähe zu einem kleinen Van gesucht hat, wirkt Nummer acht schon in der fünftürigen Version wie ein sportliches Coupé im Geiste des scharfen CRX vom Anfang der Neunziger Jahre. Ganz gleich aus welcher Perspektive man den Wagen betrachtet: Verwechslungen sind ausgeschlossen. Dafür sorgen hinten eine weit herunter gezogene Heckscheibe, die von einem Spoiler unterbrochen wird und dann nach unten steil wegknickt, ein durchgehendes rotes Kunststoffband, in dem die aufgesetzten Heckleuchten integriert sind, sowie zwei dreieckige Auspuffendrohre, die mit einer Gitterdraht-Optik verbunden sind.

Von vorne stiehlt der neue Civic mit seinen weit um die Ecke gezogenen Scheinwerfern, dem verspiegelten Kühlergrill hinter Plexiglas und dem - wieder dreieckigen - Nebelscheinwerfern erst recht jedem getunten Golf die Schau. Selbst im Innenraum durften sich die Designer austoben und ein sehr ungewöhnliches Cockpit formen: Wichtige Informationen wie die Geschwindigkeit rücken mit einer digitalen Anzeige nach oben ins Blickfeld des Fahrers. Darunter ist dann Platz für einen riesigen digitalen Drehzahlmesser, in den mittig das Display des Bordcomputers integriert wurde.

Kommandozentrale: Ein Autocockpit im Raumschifflook

Kommandozentrale: Ein Autocockpit im Raumschifflook

Weil der Civic in Deutschland erst Mitte Januar an den Start geht, stehen die Preise noch nicht endgültig fest. "Doch wir gehen davon aus, dass das Basismodell etwa auf dem Niveau des Vorgängers liegen wird", sagt Honda-Sprecher Alexander Heintzel. Unter dem Strich, soviel haben die Marketingexperten schon verraten, soll der achte Civic um etwa drei Prozent teurer werden. Weil jedoch ab Werk sechs Airbags, aktive Kopfstützen und ESP zumindest in den stärkeren Versionen an Bord sind, werden die Käufer im Vergleich zum bisherigen Modell wohl ein paar Prozent sparen und mit einem Einstiegspreis knapp unter 16.000 Euro rechnen können.

Obwohl der neue Civic viel sportlicher aussieht als der alte und zudem auch in fast allen Dimensionen etwas eingedampft wurde, ist er seinem Vorgänger und vielen Wettbewerbern in Platzangebot und Variabilität eine halbe Klasse voraus. So haben die Japaner zwar die Länge um vier Zentimeter auf 4,29 Meter gekürzt und auch den Radstand um fünf Zentimeter auf 2,64 Meter beschnitten. Doch wächst zum Beispiel das Kofferraumvolumen um 90 auf 456 Liter und ist damit etwa dem Opel Astra um beinahe 80 Liter überlegen.

Lademöglichkeit: Die hinteren Sitzflächen klappen wie im Kino nach oben

Lademöglichkeit: Die hinteren Sitzflächen klappen wie im Kino nach oben

Möglich wird das, weil der Tank jetzt unter die vorderen Sitze verlegt wurde und statt des Ersatzrades ein Reifenreparaturset im Kofferraum liegt. Dazu hat Honda vom kleinen Bruder Jazz für die Rückbank das "One-motion-dive-down"-Prinzip übernommen. "Wenn die Kopfstützen eingeschoben sind, dann genügt ein einziger Handgriff und die Rückbank taucht in den Fußraum ab", verspricht Maekawa. "Und dank eines kräftigen Rückholmechanismus kommt sie auch ohne großen Kraftaufwand mit einer Handbewegung zurück." Damit auch hohe Gegenstände wie Topfpflanzen oder Fahrräder problemlos befördert werden können, lassen sich zudem die Sitzkissen wie beim Kinosessel nach oben klappen.

Für den Antrieb des Civic stehen zunächst drei in dieser Baureihe völlig neue Motoren zur Wahl, die laut Honda erstmals in diesem Segment ausnahmslos mit Sechsganggetriebe angeboten werden. Für die Benziner ist zudem eine automatisierte Schaltung mit sechs Fahrstufen erhältlich. An der Basis steht ein 1,4-Liter-Motor mit 83 PS (61 kW), der im günstigsten Fall 5,7 Liter verbraucht. Alternativ dazu gibt es einen Benziner mit 1,8 Litern Hubraum und 140 PS (103 PS) sowie einen 2,2 Liter großen Common-Rail-Diesel der ebenfalls auf 140 PS (103 kW) kommt und später im nächsten Jahr auch mit Partikelfilter zu haben sein wird. Der große Benziner soll im Mittel 6,4 Liter verbrauchen, und der Diesel steht mit einem Durchschnittsverbrauch von 5,1 Litern im Datenblatt. Zu den Fahrleistungen gibt es noch keine Angaben.

Der Wechsel in die achte Generation des Civic beginnt mit dem Fünftürer, der in dieser Form eigens für Europa entwickelt und im britischen Swindon gebaut wird. Binnen eines Jahres wird es auch einen noch sportlicheren Dreitürer geben. Außerdem haben die Japaner bereits ein neues Stufenheckmodell angekündigt, das wie schon in der Vorgängerserie mit Hybridantrieb verfügbar sein wird. Über einen neuen Kraftsportler mit dem Kürzel "Type R" dagegen ist - zumindest offiziell - noch nicht entschieden. Und auch die jüngst aufgetauchten Fotomontagen eines Cabrios werden in Offenbach derzeit mit vielsagendem Schweigen kommentiert.

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