Honda Micro Commuter Der Scheibletten-Smart

Er sieht aus wie eine halbe Portion, dabei ist er cleverer als viele Luxuswagen. Der elektrisch angetriebene Honda Micro Commuter soll individuelle Mobilität auch da ermöglichen, wo sonst Stillstand herrscht. Und alleine einparken kann er auch.

Honda

Frauen und Parken? Über derart dumme Vorurteile lächelt die junge Japanerin nur. Dann zieht sie einen Tabletcomputer aus der Handtasche, fingert ein bisschen auf dem Touchscreen herum - und schon surrt ein Auto aus der engen Lücke und stellt sich zur Abfahrt bereit. Noch ein Lächeln, einsteigen und schon ist die Frau weg.

Das Auto? ist natürlich kein gewöhnliches Modell, sondern ein Prototyp des Honda Micro Commuter, eines elektrisch angetriebenen Kleinstwagens, mit dem die japanische Marke dem Verkehrskollaps in den Großstädten begegnen will. Bislang wird der Wagen nur in einer Kleinserie gebaut und ist lediglich für Flottentests in ausgewählten Großstädten freigegeben. Der Zweisitzer sieht aus wie ein der Länge nach halbierter Smart und ähnelt technisch dem Renault Twizy. Das Mobil fährt nahezu lautlos und emissionsfrei, ist kurz und schmal (2,50 Meter lang, 1,28 Meter breit), extrem wendig und dazu noch ziemlich gewitzt. Denn der Micro Commuter kann nicht nur automatisch ausparken. Er kann auch autonom fahren - beinahe zumindest.

Dafür haben sich die Entwickler von Entenfamilien inspirieren lassen. Ein Wagen wird zum Führungsfahrzeug bestimmt und auf dem Weg in die Stadt hängen sich alle anderen Familienmitglieder im eigenen Fahrzeug hinten dran. So jedenfalls erläutert ein Mitarbeiter aus der Honda-Entwicklung das Prinzip. Während Papa oder Mama den Weg weisen und das Tempo bestimmen, spielt der erwachsene Nachwuchs in den Wagen dahinter an den Smartphones, liest E-Mails, pflegt die sozialen Netzwerke oder döst einfach.

Zum individuellen Ziel fahren dann alle selbständig

"Natürlich ginge das auf dem Rücksitz des Familienwagens genauso", räumt der Ingenieur ein, "doch mit den Micro Commutern bildet die Familie nur eine Fahrgemeinschaft auf Zeit." Denn sobald die Stadtgrenze erreicht ist, löst sich der Verband auf, jeder übernimmt selbst das Steuer und surrt dem individuellen Ziel entgegen. "Jetzt muss der Vater nicht erst die Kinder zur Universität bringen, sondern er kann direkt ins Büro und alle anderen sind genauso mobil."

Für das Fahren im Verbund nutzt Honda den gleichen Tabletcomputer, der auch beim Ausparken eingesetzt wurde. Er sendet die Anfrage an das Führungsfahrzeug, und wenn die bestätigt wird, formiert sich dahinter ein Minizug mit virtuellen Kupplungen. Wie die Entenfamilie schwimmt der Honda-Schwarm dann durch die Straßen, fein säuberlich aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Ein Sensorkästchen am Bug der Fahrzeuge registriert die Bewegungen des Vorausfahrenden mit Radar, Laser und Kamera und steuert die Verfolgung. "Im Grunde könnte man sich damit auch an jedes andere Fahrzeug hängen", sagt der Honda-Techniker. "Aber wir wollen keine Paparazzi fördern und keine Verfolgungsjagden automatisieren. Deshalb muss der Vordermann immer zustimmen."

Das kleine E-Mobil ist flink und extrem wendig

Autonom in die Innenstadt - wer sich einmal in der Rushhour durch Tokio gequält hat, kann an dieser Vorstellung durchaus Gefallen finden. Andererseits möchte, wer den Micro Commuter einmal Probefahren konnte, das Steuer gar nicht aus der Hand geben. Denn zumindest im Stadtverkehr macht der Scheibletten-Smart richtig Laune. Der Wendekreis beträgt kaum mehr als sechs Meter, der Antritt ist spontan und das Spitzentempo mit 70 km/h allemal ausreichend. Allerdings währt das Vergnügen nur kurz: Nach 80 Kilometern hat der 15 PS starke E-Motor den Lithium-Ionen-Akku leergesaugt und der Micro Commuter muss an die Steckdose.

Sollte der Parkplatz vor der Ladesäule ein bisschen enger sein, kostet das Fahrerin oder Fahrer nur ein Lächeln. Die bleiben einfach auf der Straße stehen, steigen aus und zücken den Tabletcomputer. Dann schnurrt das Wägelchen zentimetergenau... aber das hatten wir ja schon.

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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
DanielDüsentrieb 08.01.2014
1. perfekt für 50%
der ist doch für 50% aller Menschen perfekt um morgens zur Arbeit zu fahren. Vielleicht noch etwas mehr Reichweite und Mann/Frau hat alles für die tägliche Fortbewegung. Das ist genau das Auto welches VW nicht bauen will. Warum? Es ist zu billig. Aber Japaner, Chinesen und Koreaner werden es bauen und auch exportieren. Freue mich drauf.
rolandjulius 08.01.2014
2. E-Mobil
Interessant und Richtungsweisend, die Frage der Reichweite dürfte aber ausschlaggebend sein.
u.loose 08.01.2014
3. Erinnert stark an
Jeremy Clarkson´s P45 von TopGear (;-) http://www.youtube.com/watch?v=jAptCdalzug
pm40 08.01.2014
4. Interessant....
Zitat von DanielDüsentriebder ist doch für 50% aller Menschen perfekt um morgens zur Arbeit zu fahren. Vielleicht noch etwas mehr Reichweite und Mann/Frau hat alles für die tägliche Fortbewegung. Das ist genau das Auto welches VW nicht bauen will. Warum? Es ist zu billig. Aber Japaner, Chinesen und Koreaner werden es bauen und auch exportieren. Freue mich drauf.
...das Sie zu wissen glauben, was für "50% aller Menschen" ausreichend ist. Ich z.B. will aber so eine Eierfeile nicht haben.
fridolin62 08.01.2014
5. Da denk' ich an den Kabinenroller...
Der Kabinenroller von Messerschmitt, der hatte auch zwei hintereinander liegende Sitzplätze. Es ist wie mit den Witzen: Es gibt keine neuen, sondern nur neue Leute, die die alten noch nicht kennen. Es bleibt fraglich, ob sich Karosserieformen dieser Art durchsetzen können, solange sie Gefahr laufen, tonnenschweren SUVs unter die Räder zu geraten. Nicht zuletzt an der mangelnden Sicherheit sind auch die Kabinenroller der ersten Generation gescheitert, vor 50 Jahren.
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