Honda Uni-Cub Beta Keinen Schritt weiter

Menschen in Industrienationen sitzen viel, Honda arbeitet daran, dass dies noch mehr wird: Ingenieure in der Entwicklungsabteilung basteln an einem elektrisch fahrenden Hocker - er soll die letzten Fußwege überbrücken.

Honda / James Lipman

Eigentlich möchte man auf so einem Ding nicht gesehen werden: ein fahrender Hocker, auf dem man eine Figur macht wie der berühmte Affe auf dem Schleifstein. Honda Uni-Cub Beta heißt das Ding, das der japanische Autohersteller kürzlich auf der Motorshow in Tokio vorstellte - neben zahlreichen echten Autoneuheiten.

Die weiterentwickelte Mischung aus Einrad und Bürohocker - deshalb der Namenszusatz "Beta" - ist kaum kniehoch und hat bis auf den Power-Schalter an der Rückseite keinerlei Bedienelemente. Zwei Fußrasten gibt es noch, das war's. Gesteuert wird der elektrisch fahrende Stuhl durch Gewichtsverlagerung: Nach vorne beugen bedeutet vorwärts fahren, nach hinten lehnen heißt bremsen, und Kurven nimmt man, indem man sich zur Seite neigt und einfach in die Richtung schaut, in die man kullern möchte.

Alles ganz einfach, heißt es ermunternd von den Honda-Mitarbeitern. Tatsächlich ist der Selbstversuch in aller Öffentlichkeit auf dem Messestand eine schweißtreibende Angelegenheit. Vorwärts, rückwärts, seitwärts - wie ein Nichtschwimmer im tiefen Becken rudert man wild mit den Armen und taumelt über den Messestand, als hätte man zwei Promille im Blut. Kein Wunder, dass man vor der Testfahrt ein eng bedrucktes Dokument unterschreiben muss, dass man weder unter Alkohol- noch Drogeneinfluss steht. Außerdem erhält man eine Belehrung, als wolle man zum Mond fliegen.

Hat man den Bogen erstmal raus, macht der Uni-Cub sogar Spaß, man kurvt über die Bühne wie bei einem Hindernislauf, und was eben noch ein Balanceakt war, geht plötzlich so leicht wie das Herumrollen mit einem Bürostuhl.

Ein Rad und viele kleine Rollen

Shinichiro Kobashi, der Chefentwickler des fahrenden Hockers, nimmt das zufrieden zur Kenntnis. Er hat es nicht anders erwartet. Kobashi hält den Uni-Cub für ein ernstzunehmendes Konkurrenzmodell des Stehrollers Segway. Die Idee eines Minimal-Mobils treibt Honda schon länger um: Seit Jahren forschen die Entwickler des japanischen Konzerns nicht nur an Autos und Motorrädern, sondern auch an Mobilitätshilfen für eine Gesellschaft, die immer älter und entsprechend weniger beweglich wird. Unterstützende Apparaturen für Knie- und Hüftgelenke sind dabei entstanden, ein Außenbord-Motor zum Umschnallen und ein sogenanntes Monocycle sowie ein Einrad mit E-Antrieb.

Der aktuelle Uni-Cub Beta ist mit einem Elektroantrieb ausgerüstet, der das Gefährt bis zu 6 km/h schnell macht und dessen Akkuladung für rund zwei Stunden Nutzung reicht. Eindrucksvoll ist vor allem die aufwändige Konstruktion des Motors, den Honda "Omni Traction Drive System" nennt: Die wesentliche Antriebsarbeit leistet ein Hightech-Rad mit Nabenmotor, auf dessen Lauffläche, quer zur Fahrtrichtung, noch einmal drei Dutzend kleine, separat angetriebene Walzen montiert sind. Mit dem großen Rad fährt man vorwärts und rückwärts; beginnen die kleinen zu rotieren, bewegt sich das Uni-Cub zur Seite. Dazu gibt es noch eine Art kleines Stützrad, das quer am Heck des Hockers montiert ist, ebenfalls mittels eines Nabenmotors angetrieben wird und den Uni-Cub bei Kurvenfahrten schräg stellt.

Auf dem Hocker durch die Großstadt

Bislang wurde eine kleine Testflotte von Uni-Cubs gebaut, zum Beispiel für Feldversuche in Museen. "Wir untersuchen gerade intensiv die Möglichkeiten einer Serienfertigung", sagt der Projektleiter. Als Einsatzorte schweben ihm Messehallen, Flughafenterminals oder eben Museen vor. Später soll es zudem eine Outdoor-Variante geben, die auch mal einen Regenguss abbekommen darf und größere Unebenheiten überwindet als eine Teppichmatte auf dem Fußboden. Außerdem ist es das Ziel, den Preis deutlich unter umgerechnet 1000 Euro zu drücken. Dann gehöre das Uni-Cub in Städten wie Tokio oder Yokohama vielleicht bald zum ganz normalen Straßenbild, sagt Kobashi.

Dank der Steuersysteme, die Honda für den Roboter Asimo entwickelt hat, bleibt auch das Uni-Cub stets in der Balance. Auch wenn der Fahrer absteigt, fällt der Fahrhocker nicht um. 25 Kilo wiegt das Gefährt, und es soll in der Serienversion einen Tragegriff erhalten. Dann könnte man das Ding beispielsweise mit in den Aufzug nehmen und neben dem Schreibtisch abstellen. Kobashi: "So leicht war die Parkplatzsuche in Tokio noch nie."

Mehr zum Thema


insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sponnerd 01.01.2014
1. ...
Zitat von sysopHonda / James LipmanMenschen in Industrienationen sitzen viel, Honda arbeitet daran, das dies noch mehr wird: Ingenieure in der Entwicklungsabteilung basteln an einem elektrisch fahrenden Hocker - er soll die letzten Fußwege überbrücken. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/honda-uni-cub-beta-elektrisch-angetriebener-stuhl-a-939330.html
Wenn es dann noch gelingt, in dieses Ding noch eine Toilette einzubauen, braucht der Nutzer in Zukunft gar nicht mehr aufzustehen! Mir graut vor der Zukunft!
herkurius 01.01.2014
2. Bäh
Ich sehe schon die sowieso ekligen Bürokollegen mit frisierten Hockern, Rizinuswolken hinterlassend, durch die Gänge preschen.
nsa 01.01.2014
3.
Respekt, Honda hat den Rollstuhl neu erfunden. Ich würde aber die normalen Modelle mit Rückenlehne bevorzugen, das Honda-Modell sieht mir zu unbequem aus.
coolcalmcollected 01.01.2014
4. Wow - Wer hätte das gedacht?
Den Honda-Ingenieuren ist es tatsächlich gelungen etwas zu erfinden, dass noch ungesünder als ein Segway ist und auf dem man eine noch beklopptere Figur macht. Ich bin froh, dass die Menschheit FORTSCHRITTE macht. *scnr*
akmsu74 01.01.2014
5.
Zitat von nsaRespekt, Honda hat den Rollstuhl neu erfunden. Ich würde aber die normalen Modelle mit Rückenlehne bevorzugen, das Honda-Modell sieht mir zu unbequem aus.
Da hat Honda nur die Steuerung "erfunden". Das Patent für das Segment-Rad liegt / lag bei Josef Blumrich, einem Nasa-Ingenieur und geht kurioserweise auf Erich von Däniken und die Bibel zurück. Blumrich wollte seinerzeit (Ende 60er-Anfang 70er Jahre) eine "technische Auslegung" von Bibelstellen durch Däniken überprüfen bzw. widerlegen. Allerdings war zumindest ein Teil der Beschreibung so einleuchtend und präzise, dass Blumrich sich sogar das Rad, das in alle Richtungen rollen kann, patentieren lassen konnte. DER SPIEGEL*1/1973 - Raumflug nach Jerusalem (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42762354.html) Rein mechanisch ist das Konzept also offenbar schon mehrere tausend Jahre alt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.