Kältemittelstreit: Honeywell-Chef schreibt Beschwerdebrief an KBA

Brennender Mercedes: Auch bei Tests des KBA war das Kältemittel entflammt Zur Großansicht
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Brennender Mercedes: Auch bei Tests des KBA war das Kältemittel entflammt

Der Hersteller des Kältemittels R1234yf unterstellt dem Kraftfahrtbundesamt (KBA) unsaubere Untersuchungsmethoden. In einem Schreiben richtet sich der Chef des Unternehmens direkt an den Leiter der Behörde. Der Vorwurf: Das KBA habe die Tests im Sinne eines erwünschten Resultats manipuliert.

Frankfurt - Im Streit um das Kältemittel R1234yf greift der US-Hersteller Honeywell das Kraftfahrtbundesamt (KBA) scharf an und wirft der Behörde "bedenkliche" Testmethoden vor. Das geht aus einem Brief von Honeywell-Geschäftsführer Kenneth Gayer an KBA-Chef Ekhard Zinke hervor, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. In dem Schreiben vom 21. August kritisiert der Konzern, dass die Behörde das Kältemittel unter unüblichen Bedingungen getestet habe. In einem dieser Versuche hatte die Substanz - wie zuvor beim Autobauer Mercedes - Feuer gefangen.

Es dränge sich der Verdacht auf, dass die Tests "mit Blick auf ein erwartetes Resultat entwickelt, durchgeführt und im Verlauf der Testreihen solange angepasst wurden, bis das gewünschte Ergebnis endlich erzielt wurde", schreibt der Honeywell-Geschäftsführer.

In ersten Crashtests und folgenden Versuchen hatte sich das Kältemittel nicht entzündet. Das geschah erst, als die Tester das Mittel gezielt ausströmen ließen. Damit sollte simuliert werden, welche Folgen zum Beispiel ein heftigerer Aufprall haben könnte. Ein KBA-Sprecher wollte den Honeywell-Brief zunächst nicht kommentieren.

Zweideutige Testergebnisse

Das KBA war nach dem Test zwar zu dem Schluss gekommen, dass im Rahmen des Produktsicherheitsgesetzes keine "ernste Gefahr" durch das Kältemittel R1234yf bestehe und kein Grund zu einer Rückrufaktion bestehe. Im Hinblick auf die Ergebnisse der verschärften Untersuchung teilte die Behörde jedoch mit, dass sich die Sicherheit von Fahrzeugen durch den Einsatz von R1234yf "tendenziell" verschlechtere. Der EU-Kommission empfahl das KBA deswegen, "mit Nachdruck die Umstände weiter zu untersuchen".

Brüssel streitet sich mit Mercedes, weil der Autobauer sich entgegen eine EU-Vorschrift weigert, das Kältemittel in einigen seiner Modelle zu verwenden. Derzeit blockiert Frankreich aus diesem Grund die Zulassung dieser Fahrzeuge. Die Stuttgarter begründen den Boykott ihrerseits damit, dass die Substanz in eigenen Tests in Flammen aufgegangen war - und werteten die Ergebnisse des KBA in ihrem Sinne.

KBA-Leiter antwortet nicht

Honeywell pocht dagegen auf die Sicherheit der Chemikalie. Für den US-Konzern und seinen Partner Dupont geht es um viel Geld: Experten schätzen den weltweiten Markt auf mehrere Milliarden US-Dollar. Trotz der schweren Vorwürfe wird Honeywell laut Angaben einer Sprecherin den KBA-Test nicht juristisch anfechten. Ein Abschlussbericht der Behörde steht unterdessen noch aus - Kenneth Gayer bittet in seinem Brief um ein Treffen mit Ekhard Zinke. Er wolle sichergehen, dass "alle Ergebnisse korrekt interpretiert und in einen angemessenen Zusammenhang gestellt werden".

Ob das Treffen wie erwünscht stattfindet, bleibt fraglich. Wie aus dem Schreiben hervorgeht, blieben bereits zwei Briefe von Gayer an Zinke unbeantwortet.

cst/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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1. Tja, wenn ein Ami den juristischen Weg vermeidet...
glass88 22.08.2013
... dann weiß er wohl warum... Vielleicht sollten wir auch an die Behörden in den USA schrieben dass wir nicht ausspioniert werden wollen.
2. Na,...
tgu 22.08.2013
wie viel hat da Honeywell wohl unter dem Tisch an die entsprechende EU-Komission rüberwachsen lassen? Zitat: "Honeywell pocht dagegen auf die Sicherheit der Chemikalie." Auf Wkipedia: - R134a, Gas unter Druck - R1234yf, Gas unter Druck und hochentzündlich
3. Honeywell will *nicht* juristisch vorgehen
An-On 22.08.2013
obwohl es "um Milliarden geht". Das sagt doch alles: Die wissen, dass das KBA Recht hat.
4. Innovation statt R1234...
evosonic 22.08.2013
Meiner Meinung nach sollte man das neue Kältemittel nicht im Fahrzeugbau zulassen. Es geht hier eh ums Geld und nicht um die Umwelt. Sonst dürften nur Schukey-Motor als Kältemaschinen als verbaut werden. Auch bei den Eigenschaften von R1234yf überwiegen die Nachteile gegenüber R134a deutlich. Anhand der Reaktion von Honeywell erkennt man das dieses Kältemittel wohl nicht so ungefährlich ist wie man behauptet hat, aber irgendwie muss man das Geld der neue Produktionsanlage in Ostasien und die Schmiergelder derer die dieses Gesetz beschlossen haben auch wieder erwirtschaften.
5. Unglaublich
kannmanauchsosehen 22.08.2013
Zitat von sysopDaimlerDer Hersteller des Kältemittels R1234yf unterstellt dem Kraftfahrtbundesamt (KBA) unsaubere Untersuchungsmethoden. In einem Schreiben richtet sich der Chef des Unternehmens direkt an den Leiter der Behörde. Der Vorwurf: Das KBA habe die Tests im Sinne eines erwünschten Resultats manipuliert. Honeywell-Chef beschwert sich beim KBA über Test mit Kältemittel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/honeywell-chef-beschwert-sich-beim-kba-ueber-test-mit-kaeltemittel-a-918037.html)
Soso, die Leute vom KBA und Mercedes sind also besorgt um unsere Sicherheit, dies ist ein Riesenblödsinn. In keinem Land der Welt darf ein Mercedes mit 220 km/h auf der Autobahn fahren, außer in Deutschland. Und Unfälle wegen dieses Geschwindigkeitswahnsinns fordern deutlich mehr Opfer, als es das Kältemittel jemals könnte. In diesem Streit geht es um etwas anderes, aber sicher nicht um die Sicherheit der Autofahrer, ... oder entzündet sich das Kältemittel erst nach Auffahrunfällen aufgrund dieser extremen Geschwindigkeiten, dann ist der Kampft von Mercedes natürlich logisch.
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Umstrittenes Kältemittel: Die Stellungnahmen der Autohersteller

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Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


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