Hundert Jahre Chevrolet: Generalist des Generals

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Andere Marken kamen und gingen, Chevrolet aber ist bis heute der Kern von General Motors geblieben - und weltweit das mit Abstand erfolgreichste Unternehmen des Konzerns. Gegründet vom Schweizer Louis Chevrolet feiert der Generalist des billigen Blechs bald 100. Geburtstag.

Hundert Jahre Chevrolet: Viel Masse, wenig Klasse Fotos

Die Partnerschaft konnte nicht gutgehen. Louis Chevrolet wollte große, starke, schöne und luxuriöse Autos bauen. William Durant hingegen glaubte an das Auto als Massenprodukt; er wollte Henry Ford überflügeln und billige, robuste Alltagsfahrzeuge verkaufen. Wie oft sich die beiden Kompagnons über die Strategie stritten, ist nicht überliefert. Aber es müssen heftige Dispute gewesen sein, denn Chevrolet verließ darüber bereits drei Jahre nach der Gründung das gemeinsame Unternehmen, das noch heute seinen Namen trägt. Und die viertgrößte Automarke der Welt ist: 4,3 Millionen Neuzulassungen im Jahr, in mehr als 130 Ländern präsent, ein Weltmarktanteil von 5,8 Prozent, alle sieben Sekunden ein neuer Kunde, das sind die Kennzahlen des Chevrolet-Imperiums.

Als William "Billy" Durant den Rennfahrer und Konstrukteur Louis Chevrolet kennenlernte, hatte er bereits die Buick zum Erfolg geführt, General Motors gegründet und sogar versucht, Ford aufzukaufen. Er wurde von den Bankiers überstimmt und aus der GM-Holding geworfen. Durant suchte einen neuen Partner für einen neuen Anlauf, es seinem Rivalen Ford zu zeigen - und fand ihn in Chevrolet. Am 3. November 1911 gründeten die beiden in Detroit die Chevrolet Motor Car Company. Erstes Modell war der in einer Mietwohnung entwickelte Classic Six, ein fünfsitziger Tourenwagen mit 40 PS starkem Reihensechszylinder-Motor. Ein Auto ganz nach dem Geschmack des 1878 in der Schweiz geborenen, später in Frankreich aufgewachsenen und 1900 in die USA ausgewanderten Chevrolet.

Der Wagen kostete mehr als 2000 Dollar und war ein Luxusauto für die bessere Gesellschaft. Kompagnon Durant hielt nicht viel von derartigen Prestigemodellen. Seine Maxime lautete "Value for money", also viel Auto für möglichst wenig Geld. Er wollte Fahrzeuge für die breite Masse, sein Vorbild war das Ford-Modell T. Ein Bruch mit Chevrolet war unvermeidlich. Durant zahlte ihn aus und ließ fortan billige Blechvehikeln fertigen. Unter seiner Führung wurde Chevrolet zur Generalisten-Marke - erst recht, als sie ab 1918 von General Motors übernommen wurde und Durant wieder an die Spitze des Konzerns aufstieg. Die Strategie gilt und funktioniert übrigens noch heute. Mit zuletzt gut 50 Prozent der gesamten GM-Fahrzeugproduktion ist Chevrolet die Stütze des Konzerns.

Autos für die Massen, und zwar massenhaft

Die massenkompatible Ausrichtung machte Chevrolet bereits 1922 zum Produktionsmillionär, das heißt, es waren bis dahin schon eine Million Autos dieser Marke aus der Fabrikhalle gerollt. Und es kamen immer neue Erfolgsmodelle. Eher schlichte Millionseller wie der Impala (1959 bis 1985) oder der wunderschöne Bel Air (1953 bis 1975) genauso wie aktuelle Modelle vom Schlage Cruze oder Spark.

Die sportlichen Ideale des Firmengründers Louis Chevrolet blieben jedoch nicht völlig auf der Strecke. Immerhin brachte Chevrolet 1953 den Sportwagen Corvette an den Start, der mittlerweile in der sechsten Generation gebaut wird und mit bald zwei Millionen Einheiten zu den erfolgreichsten Sportcoupés der Welt zählt. 13 Jahre später erhielt die Mutter aller Musclecars mit dem Modell Camaro einen kleinen Bruder. Der Camaro wurde als Antwort auf den Ford Mustang ebenfalls zum Erfolgsmodell und verkaufte sich mehr als fünf Millionen Mal.

Das erste Autoradio, die erste Vollautomatik, der erste Turbomotor

Obwohl die Modelle von Chevrolet preislich meist im unteren Drittel des Marktes angesiedelt waren, gab es durchaus technische Innovationen von Chevrolet. 1924 bereits tat sich die Marke hervor, weil sie erstmals Autos mit serienmäßig eingebauten Radios anbot. 1950 war Chevrolet der erste Hersteller, der eine Großserien-Vollautomatik im Programm hatte, und 1962 wiederum lag die Marke vorn bei der Einführung des ersten Turbomotors.

Auch beim Thema alternative Antriebe fuhr Chevrolet immer mal wieder vorneweg. Mit dem Modell Equinox gab es ab 2007 ein Auto mit Brennstoffzelle. Und der Chevrolet Volt mit Range-Extender (Reichweitenverlängerer) gilt als erstes alltagstaugliches Elektroauto, das man heute schon kaufen kann. "Dieses Auto ist unsere Zukunft", rühmte Entwicklungschef und PS-Legende Bob Lutz - wie Chevrolet übrigens ebenfalls mit Schweizer Wurzeln - den Wagen, der GM in den zurückliegenden Krisenjahren Hoffnung und Halt gab.

Chevrolet Volt und Opel Ampera mit identischer Antriebstechnik

Dass der Wagen maßgeblich von Ingenieuren der stiefmütterlich behandelten GM-Marke Opel in Deutschland entwickelt worden war, wird gern übergangen. Stattdessen rühmen die Amerikaner ihr weltweites Entwicklungsnetzwerk: Während in den USA die großen Limousinen, die SUVs und Pick-ups konstruiert werden, trägt Opel die Verantwortung für Kompakt- und Mittelklassefahrzeuge; und die ehemalige Autosparte des koreanischen Mischkonzerns Daewoo fungiert nun als GM-Kompetenzzentrum für Kleinwagen.

Die internationale Ausrichtung hat bei Chevrolet Tradition. Schon zwischen den beiden Weltkriegen eröffnete Chevrolet zahlreiche Fabriken in Europa und produzierte zum Beispiel in Kopenhagen, Berlin und im Schweizerischen Biel weit mehr als eine halbe Million Autos. Die Bindung an die alte Welt wurde über die Jahre jedoch lockerer und ging zwischendurch vollends verloren. Nach langem Schlingerkurs kehrte Chevrolet erst 2005 wieder offiziell nach Europa zurück - und das auch noch unter falschem Namen.

Denn zunächst verkaufte GM die Autos der koreanischen Neuerwerbung Daewoo eben als Daewoo-Modelle. Ein typischer Fall von willkürlichem Markenmanagement, das bei General Motors immer wieder zu beobachten war - traurigstes Beispiel war das Herunterwirtschaften der schwedischen Traditionsmarke Saab.

Das übliche GM-Durcheinander beim Thema Markenstrategie

Der Name Daewoo verschwand nach ein paar Jahren wieder, plötzlich hießen alle Autos Chevrolet. Inzwischen wurde die Modellpalette komplett erneuert und trägt vom Kleinwagen Aveo bis zum Van Orlando das "Bowtie"-Logo, das Chevrolets Kompagnon Durant angeblich als Tapetenschnipsel aus einem Hotel in Paris mitgebracht und zum Markenzeichen ausgewählt hatte. Derzeit verkauft Chevrolet in Europa knapp 500.000 Autos pro Jahr, was einem Marktanteil von 2,5 Prozent entspricht.

Firmengründer Louis Chevrolet hatte von Aufstieg der Marke übrigens nichts. Er verließ das Unternehmen im Streit mit seinem Partner Durant bereits vier Jahre nach der Gründung. Während sein Name auf Millionen von Autos um die Welt ging, bekam er mit weiteren Firmen kein Bein mehr auf den Boden. Zuletzt arbeitete er als Mechaniker in den Fabriken seines ehemaligen Unternehmens. Er starb 1941 verarmt in Lakewood.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Chevrolet
wetnoodle 01.10.2011
Chevrolet muss eines der ganz wenigen französischen Worte bzw. Namen sein, die auch der schlichteste Ami richtig ausspricht, nämlich ohne das T zu betonen. Hatten ja auch lange Zeit zum üben. ;) Ansonsten, natürlich massenweise Fehler im Artikel. Am Anfang verlässt Chevrolet die Firma nach drei Jahren, am Ende steht wieder 4 Jahre. Das eine Corvette jeden Porsche vom Design her alt aussehen lässt, entspringt auch nur der Fantasie des Autors. Ich kann mich an grottenhässliche 'Vettes erinnern, vorallem aus den '80ern, die hässlicher als ein 924 sind - und das will was heissen!
2. ..................
lis, 01.10.2011
Wenn hier schon Louis Chevrolet gefeiert wird, hätte man durchaus erwähnen können, dass pünktlich zu seinem Geburtstag ein Buch über ihn und seine Autos erschienen ist. Der Schweizer Journalist Martin Sinzig hat "Louis Chevrolet: Der Mann, der dem Chevy seinen Namen gab" veröffentlicht. Ob der SPON-Autor da wohl ein bisschen nachgelesen hat?
3. Corvette
flyhi152 01.10.2011
die Corvette uebertrifft den Porsche Carrera in saemtlichen Aspekten: mehr PS, mehr sound, mehr Hightech (Porsche wird wohl in 100 Jahren noch kein Head-Up Display anbieten) und das fuer den halben Preis.
4. Frage
scoolodie, 01.10.2011
Zitat von flyhi152die Corvette uebertrifft den Porsche Carrera in saemtlichen Aspekten: mehr PS, mehr sound, mehr Hightech (Porsche wird wohl in 100 Jahren noch kein Head-Up Display anbieten) und das fuer den halben Preis.
Und wie sieht es mit der Umweltverträglichkeit aus? Bei beiden übrigens!
5. 4,3 Millionen Neuzulassungen pro Jahr.
leeberato 01.10.2011
Zitat von sysopAndere Marken kamen und gingen, Chevrolet aber ist bis heute der Kern von General Motors geblieben - und weltweit das mit Abstand erfolgreichste Unternehmen des Konzerns. Gegründet vom Schweizer Louis Chevrolet feiert der Generalist des billigen Blechs bald 100. Geburtstag. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,788475,00.html
Mich würde mal interessieren wieviele es ohne Opel wären! Ich war letztens in Brasilien, da fahren die unterschiedlichsten Opel- Modelle als Chevrolet herum, und das massenweise.
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