Hybrid- und Elektroautos Detroit unter Strom

Tankwarte aufgepasst: Geht es nach General Motors, Ford und Chrysler, müssen Zapfsäulen bald gegen Steckdosen getauscht werden. Verbrennungsmotoren sind in Detroit kaum noch ein Thema. Stattdessen setzen die US-Hersteller auf Elektroautos und Hybridmodelle.

Aus Detroit berichtet


Rettungssanitäter kennen den Effekt. Mitunter helfen einige Stromstöße aus dem Defibrillator, um den Patienten wieder ins Leben zurück zu holen. Ähnlich geht es in diesen Tagen der US-Autoindustrie. Lagen Ford, Chrysler und General Motors kurz vor Weihnachten noch zerstört am Boden, wirken sie – einer Elektroschockbehandlung sei Dank – auf der Detroit Auto Show wieder ausgesprochen lebendig.

Das liegt weniger an den Milliarden aus Washington, als vielmehr an der angeblich fast schon greifbaren Vision vom Elektroauto, die alle Krisenszenarien hinfällig macht und die Vorstandsbosse in Motor-City wieder von goldenen Zeiten träumen lässt. Detroit steht unter Strom. Und als seien ausgereifte und bezahlbare Lithium-Ionen-Akkus nur noch eine Formalie, tut hier fast jeder Manager so, als hätte das Elektroauto-Zeitalter bereits begonnen.

Die Ankündigungen sind vollmundig. 2010, 2011, 2012 – spätestens dann wollen alle drei großen Konzerne gleich mehrere Stromer im Handel haben, lautet unisono deren Botschaft. Kleiner Schönheitsfehler: Auf der Messe selbst steht kein einziges serienreifes Elektroauto.

Besonders deutlich wird das Problem bei Ford. Zwar schnurren um das Messegelände ein paar eilig zusammengeschraubte Focus-Modelle mit Batterieantrieb. Doch der Konzern hat seit dem Verkauf der norwegischen E-Auto-Tüftelfirma Think zu allen Elektrofragen geschwiegen, und auch jetzt kann Chairman Bill Ford nichts Konkretes präsentieren. Ja, man glaube an das Elektroauto, ruft er ins Publikum und verspricht bis 2012 gleich vier verschiedene Modelle. Noch Fragen? Etliche: Woher sollen die Lithium-Ionen-Batterien kommen? Was wird die Technik kosten? Welche Stückzahlen sind geplant? Antworten gibt es darauf keine.

Chrysler zeigt vor allem alte Bekannte

Kaum besser ist es bei Chrysler, wo die Showbühne allein den Elektroautos gehört. Allerdings sind drei der fünf präsentierten Modelle bereits bekannt und das vierte Modell, ein Jeep Patriot mit Batterieantrieb und Range-Extender, bietet kaum technische Innovationen. Selbst die Studie 200C ist kein Meilenstein. Das Design der Limousine und ihr schmuckes Interieur sind vielleicht ein Fortschritt, doch der Batterieantrieb mit eingebautem Notstromaggregat gleicht dem von bereits gezeigten Elektromobilen.

Immerhin klingen Daten wie 286 PS, weniger als sieben Sekunden von 0 auf Tempo 100, 200 km/h Höchstgeschwindigkeit und mehr als 600 Kilometer Reichweite nicht schlecht; doch falls Chrysler, wie angekündigt, im nächsten Jahr zumindest ein Elektromodell in nennenswerten Stückzahlen verkaufen möchte, dann müsste allmählich die Fabrik vorbereitet werden oder zumindest der Batterielieferant benannt werden können.

In dieser Hinsicht ist General Motors schon ein bisschen weiter. Der größte der drei US-Hersteller trat mit der Studie Volt vor zwei Jahren den neuerlichen Elektroboom los. Produktionsstart des Modells soll jedenfalls 2010 sein. Das Auto selbst ist bereits von der Premiere auf der Messe in Paris im vergangenen Oktober bekannt. In Detroit wurde noch ein Zwilling des Chevrolet Volt im Cadillac-Design gezeigt, der den unaussprechlichen Namen Converj trägt. Der südkoreanische Konzern LG wird die Batterien produzieren und hat sich im Rennen um die Auftragvergabe gegen Continental durchgesetzt.

Toyota präsentiert bereits die dritte Prius-Generation

Während sich die Fans rein elektrischer Mobilität noch gedulden müssen, wird die Auswahl an Hybridfahrzeugen immer größer. In Detroit sind es vor allem die Pioniere Toyota und Honda, die ihre Vormachtstellung unterstreichen. So feiert etwa Toyota auf der Messe bereits die Premiere der dritten Prius-Generation, die kaum besser aussieht als das unförmige Vorgängermodell, aber noch sparsamer wurde und dank des geschrumpften Antriebspakets mehr Platz für Passagiere und Gepäck bietet.

Der Prius ist für die Japaner wohl das wichtigste, aber längst nicht das einzige neue Hybridmodell. Denn auch bei der noblen Schwestermarke Lexus wird der Vorsprung ausgebaut: Hier debütiert mit dem etwas grobschlächtigen HS 250h das erste als reines Hybridfahrzeug konzipierte Modell der Marke. Obwohl der Nobelhobel bereits im Sommer in den Handel kommen soll, gibt noch keine detaillierten Verbrauchsdaten, sondern lediglich die Zusage, dass der Wagen rund 30 Prozent sparsamer sei als der bislang genügsamste Lexus.

Das Problem der Hybridautos ist das billige Benzin

Dritter im Bunde der neuen Hybridautos aus Japan ist der Honda Insight, mit dem die Marke endlich den Rückstand auf Toyota wettmachen will. Völlig ohne Show und Schmuck wurde der Wagen klammheimlich auf den Stand gerollt. Der Insight Hybrid soll mit einem Verbrauch von 4,4 Litern und einem Preis in Europa von wenig mehr als 20.000 Euro den Hybridfahrzeugen zum Durchbruch verhelfen und die Dominanz des Konkurrenzmodells Prius brechen.

In den USA haben die Saubermänner allerdings ein ernsthaftes Problem: Sie sind zu teuer. Weil in Amerika die Gallone Sprit schon wieder für weit unter zwei Dollar verkauft wird, hat das Interesse an sparsamen Modellen drastisch nachgelassen. "Wenn der Benzinpreis weiter fällt, wird es sehr schwer, solche Autos zu verkaufen", sagt GM-Vorstand Bob Lutz. "Der sparsamste Fuhrpark der Welt und die niedrigsten Benzinpreise – das passt einfach nicht zusammen."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.